„Haben wir einen Grund, Friedrich II. zu feiern?“, fragt Ryszard Skalba, der Direktor des Muzeum Stare Miasto Kostrzyn, des Altstadt-Museums Küstrin. Der einstige Deutschlehrer verwaltet das vier Hektar große museale Ruinenfeld der im Zweiten Weltkrieg zerstörten deutschen Festungsstadt Küstrin, das heute zu Polen gehört. Seine Frage ist rhetorisch. Denn schon an der Betonung lässt der Museumschef erkennen, dass er nicht viel hält vom preußischen König. „Er war der Architekt der ersten polnischen Teilung.“

Klaus Thiel hört den Worten von Skalba aufmerksam zu, während beide über die Festungswälle an der Oder laufen. Der Deutsche nickt zwar, runzelt aber auch die Stirn. „Und doch kann man die Geschichte von Küstrin nicht ohne Friedrich, nicht ohne sein hier erlebtes Kattetrauma erzählen“, sagt der pensionierte Theaterwissenschaftler und Journalist, der sich seit Jahren im polnischen Museumsteam engagiert.

Mit seinem Jugendfreund Hans Hermann von Katte hatte Friedrich die Flucht vor seinem herzlosen Vater, dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., gewagt. Die Flucht scheiterte. 1730 wurde Katte in Anwesenheit des Kronprinzen auf der Festung Küstrin enthauptet. „Deswegen werden wir ja auch die Katte-Geschichte beim weiteren Aufbau des Museums besonders würdigen“, stimmt der Pole Skalba dem Deutschen Thiel zu.

Der 51jährige Skalba und der 75jährige Thiel sind über die Beschäftigung mit ihrem Heimatort zu Freunden geworden. Klaus Thiel ist gebürtiger Küstriner, er wohnte bis zu seinem neunten Lebensjahr, bis zum 1. Februar 1945, in der Altstadt. Damals war es eine belagerte, aber noch intakte Stadt mit Schloss und Kirche, mit Marktplatz und Gassen, mit kleinen Geschäften und Promenaden auf den Festungswällen.

Thiel versagt die Stimme. Er erzählt, wie sein Großvater noch auf dem Sterbebett murmelte: „Zwei Schichten Leichen, eine Schicht Kalk.“ Der Großvater war mit dabei, als die mehr als 20 000 Menschen begraben wurden, die beim Sturm der Roten Armee auf Küstrin im Februar und März 1945 ums Leben kamen. Klaus Thiel blieb dieses Grauen erspart. Aber als er 20 Jahre später zum ersten Mal wieder zurück kam, trieb es ihm trotzdem die Tränen in die Augen. Wo war die Stadt? Wo war die Straßenbahn, die quietschend durch das Berliner Tor fuhr. „Es war nichts da. Ich konnte nichts zuordnen.“

Für Ryszard Skalba war dieser „Nichtort“, dieses eigentlich verbotene Trümmerfeld ein Abenteuerspielplatz. Er war drei Jahre alt, als er nach Kostrzyn kam, das neben den Resten des alten Küstrins gewachsen war. Dass unter den Schuttbergen ein „Pompeji“ liegt, das polnisch-deutsche Geschichte zu erzählen vermag, das wurde ihm erst bewusst, als er sich für die deutsche Sprache und das Nachbarland jenseits des Flusses zu interessieren begann. Mit Öffnung der Grenzen Anfang der 1990er-Jahre setzte er sich als Marketingchef der Stadtverwaltung für eine Wiederbelebung der vergessenen Festung ein.

Nach und nach wurden der alte Stadtgrundriss freigelegt und polnisch-deutsche Straßenschilder aufgestellt. Thiel, der sich in dieser Zeit häufig auf den Weg zu seinen Wurzeln machte, fand die Nagelschmiedestraße, die ul. Gwozdziarska, in der er zu Hause war, wieder. „Ryszard und seine Leute haben meiner Geburtsstadt wieder ein Gesicht gegeben. Ich war so überwältigt, ich wollte mich unbedingt einbringen“, sagt Thiel, der im fortgeschrittenen Alter die polnisch lernte, unzählige Gespräche mit einstigen Küstrinern führte und sich in die Literatur vertiefte. „Aber ich bin nicht in landsmannschaftlicher Absicht unterwegs“, betont er. „Ich will mit meiner Biografie zeigen, dass man aus der Geschichte von Krieg und Zerstörung Lehren ziehen muss.“