Berlin - In Berlin ist ja schon so manche Einrichtung für Partyzwecke umfunktioniert worden. Das erste White Trash war eigentlich ein China-Restaurant, im Scala tanzte man im alten Kinosaal – und nun hat Berlin auch noch eine zum Club transformierte Kegelbahn. Wobei das flache Backsteingebäude in der Grüntaler Straße in Wedding von außen immer noch recht bieder und szene-unverdächtig daherkommt. Bis heute prangt das alte Schild „Zur Kegelstube“ auf dem Dach.

Doch innen drin ist der Mief verflogen und einem regen Treiben gewichen. Im oberen Stockwerk hämmert an diesem Abend ein DJ höchst konzentriert Techno-Beats über das rote Linoleum, auf der Hinterhofterrasse sorgen Feuer-Artisten für visuelle Unterhaltung. Die meisten Gäste drängeln sich allerdings im Keller, wo im Vorraum der Kegelbahn die Funk-Band Digital Heaven gerade mit einem Song über die Liebe im Internetzeitalter für Heiterkeit sorgt. „Wanna find my youporn-baby right now“ grölt die Menge den Refrain.

Manche Traditionen bleiben erhalten

Das Publikum scheint wie aus diversen Bezirken zusammengewürfelt, es gibt Bar25-Hüte ebenso wie wasserstoffblonde Haare, Kapuzenpullis und dicke Lidschatten. An der Wand hängt eine Anleitung zum „Guerilla-Kegeln“, in die Tiefe der 20 Meter langen Bahn werden Kunstfilmchen projiziert.

„Früher war das hier eine typische Berliner Kneipe, mit Glücksspielautomaten und ein paar verlorenen Seelen, die von nachmittags bis spät Molle und Korn tranken“, erzählen die Betreiber Jess und Uwe, die im vergangenen Sommer auf den 60er Jahre-Bau aufmerksam wurden. „Wir haben in Wedding etwas gesucht, um was mit Musik zu machen, kleinere Konzerte, also nicht einfach nur eine Bar, wo man Drinks verkauft. Und als hier auf einmal das Schild ‚Pächter gesucht‘ hing, haben wir Hals über Kopf zugeschlagen.“

Bis zur Eröffnung als „Kugelbahn“ wurde dann kräftig umgebaut. Doch so manche Tradition blieb auch erhalten: „Es gibt immer noch den Tisch Nr.1 für die langjährigen Stammgäste und es kommen nach wie vor Kegelgruppen von früher. Zum Beispiel eine Seniorinnen-Gruppe, richtig mit Sporttasche und Schuhe-Wechseln. Die bringen auch ihr Abendbrot mit und nach dem Kegeln trinken die hier noch gemeinsam ihre Schnäpse“, erzählt Jess.

Man kann die Bahn – eine sogenannte Scherenbahn, die schmal beginnt und sich zum Kegelspiel hin verbreitert – auch jetzt noch mieten und dazu eigene Musik auflegen, für 15 Euro die Stunde.

Ansonsten ist täglich ab 16 Uhr geöffnet, Donnerstag und Freitag gibt es Programm mit Ausstellungen, Partys, Jamsessions und Konzerten, erst kürzlich stellten zwei Musiker der Einstürzenden Neubauten in der Kugelbahn ein neues Projekt vor. Der Eintritt bleibt dabei immer frei, für die Musiker kreist der Hut, was sich schon des Öfteren als akzeptable Einnahmequelle erwiesen hat und ein paar GEMA-Gebühren spart.

„Was das bürokratische Drumherum anbelangt“, sagt Uwe, „sind wir relativ blauäugig und naiv an die Sache rangegangen. Aber das gehört wahrscheinlich auch ein bisschen dazu. Denn wenn man schon vorher wüsste, was da alles auf einen zukommt, würde man gar nicht erst anfangen. Jeden zweiten Tag kommt irgendein Amtsschreiben und jede Behörde denkt natürlich, sie ist die allerwichtigste.“

Tolerante Nachbarn

Der Lärmpegel ist bislang auch kein Problem gewesen: „Bisher gab es keine einzige Beschwerde. Die Nachbarn sind hier glaube ich auch toleranter als zum Beispiel in Prenzlauer Berg. Wedding ist halt noch ein bisschen Outlaw-Territorium, ein Stück Wilder Westen. Da ruft man nicht so schnell das Ordnungsamt oder die Polizei, hier redet man erstmal miteinander.“

Die Grüntaler Straße wird nun durch die Kugelbahn, aber auch durch Locations wie die F-Bar oder das Studio 8 neu belebt, an anderer Stelle sorgen schon seit Längerem Clubs wie das Brunnen70 oder das Stattbad dafür, dass Wedding als neuer Szene-Bezirk gehandelt wird.

„Klar, es hat sich in den letzten Jahren einiges verändert“, sagt Jess. „Trotzdem wird das hier nicht das zweite Neukölln“, glaubt Uwe. „Dort sind die Leute und die Immobilienszene ja völlig überrascht worden von der Welle, die da auf einmal von Kreuzberg rübergeschwappt ist.“ Hier geschehe das alles etwas langsamer und vorsichtiger. Weil man in Wedding schon Anfang der 90er gedacht habe, dass der Bezirk im Kommen ist, wegen des Umzugs der Regierung nach Berlin und der Nähe zu Mitte. „Die Leute warten hier teilweise schon seit 20 Jahren darauf, dass es endlich losgeht.“

Kugelbahn: Grüntaler Straße 51, nächste Termine: Fr. 20. Juli, 21 Uhr Konzert: Wrong (Distortion-Polka), So. 22. Juli,

10 – 16 Uhr Frühstück: The Chicago Breakfast Slam