Berlin - Stefan S. kommt in Begleitung von drei Polizeibeamten, die kugelsichere Westen tragen. Er ist nicht nur Zeuge in diesem Prozess, sondern auch Nebenkläger. Er ist einer der Polizisten, die bei einer Demonstration von einer Kugelbombe schwer verletzt wurden – von einem in China hergestellten Feuerwerkskörper der Sorte „White Lotus“, der wegen seiner Gefährlichkeit und Sprengkraft in Deutschland nicht zugelassen ist. „Ich sah eine weiße Wolke auf mich zukommen. Dann stand ich in diesem Rauch, und es gab diesen Riesenknall“, sagt der 39-jährige Beamte über seinen Einsatz am 12. Juni 2010.

Stefan S. musste operiert werden, Splitter hatten sich durch seine Spezialeinsatzkleidung gebohrt und ihn am Oberschenkel verletzt. Acht Wochen lang war der Polizist krankgeschrieben. Linksradikale feierten den Anschlag im Internet. Politiker verurteilten den Anschlag. Mehr als vier Jahre nach diesem Vorfall müssen sich seit Montag drei Männer wegen versuchten Mordes und Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz vor einer Schwurgerichtskammer des Landgerichts verantworten.

"Eine gewaltige Druckwelle"

Sie sind heute 25, 26 und 37 Jahre alt, arbeiten als Rezeptionist, im Gaststättengewerbe oder als Aufbauer für einen Veranstalter. Sie sollen am 12. Juni 2010 während einer Anti-Kapitalismus-Demonstration in der Torstraße in Mitte aus dem sogenannten schwarzen Block heraus eine Kugelbombe gezündet und gezielt auf Polizeibeamte abgefeuert haben. Der „schwarze Block“ bestand zu diesem Zeitpunkt aus etwa 450 zum Teil vermummten Linksradikalen, er wurde von Polizisten besonders beobachtet.

Stefan S. berichtet, dass schon zu Beginn der Demo, an der 20 000 Menschen teilgenommen haben, Feuerwerkskörper geflogen seien. „In der Torstraße kam der Zug ins Stocken. Steine und Flaschen flogen, dann wurden Kollegen mit Holzlatten attackiert“, schildert der Zeuge. Um 14.08 Uhr wurde die Kugelbombe gezündet und auf die Beamten abgeschossen. „Es gab eine gewaltige Druckwelle, ich wurde zu Boden gerissen“, erinnert er sich.

14 Beamte wurden durch den Sprengkörper verletzt. Laut Anklage hätten die Angeklagten aus „vorangegangenen Probesprengungen“ die Wirkung der Kugelbombe gekannt und billigend in Kauf genommen, dass Menschen schwere Wunden davontragen und daran sterben könnten. Die Angeklagten wurden am selben Tag gegen 16 Uhr festgenommen. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnungen wurden zahlreiche nicht zugelassene Feuerwerkskörper sichergestellt. Unter anderem auch 14 Kugelbomben.

Langer Zeitraum verwischt die Details

Die Angeklagten schweigen vor Gericht. Sven Lindemann, einer der Verteidiger, sagt, es gebe weder Beweismittel noch unmittelbare Zeugen, die die Anklage stützen würden. Die Staatsanwaltschaft versuche immer mal wieder, Demonstranten eines versuchten Tötungsdelikts zu beschuldigen. Bisher habe sie damit Schiffbruch erlitten. „Ich bin zuversichtlich, dass das auch diesmal so ist“, sagt Lindemann.

Unklar ist, ob der Prozess zu einem Urteil führt. Bisher sind elf Verhandlungstage terminiert. Die Tat ist mehr als vier Jahre her, schon die ersten Zeugen konnte sich kaum noch an Details erinnern. „Dieser lange Zeitraum ist schon etwas ganz Besonderes“, muss auch Anwalt Roland Weber zugeben, der einen der schwer verletzten Polizisten vertritt.

Die Anklage sei erst zwei Jahre nach dem Kugelbomben-Vorfall fertig geworden, erklärt Weber. Dann sei die zuständige Strafkammer so ausgelastet gewesen, dass erst jetzt ein Verhandlungstermin gefunden werden konnte.

Ein Video im Netz

Haftsachen haben generell Vorrang. Und die Angeklagten saßen nicht einen Tag in Untersuchungshaft. Weil es nicht genügend Beweise gebe, hatte der damalige Polizeipräsident Dieter Glietsch erklärt. Trotzdem gibt es jetzt eine Anklage wegen eines versuchten Tötungsdelikts, im Falle einer Verurteilung droht ihnen bis zu lebenslange Haft.

Polizist Stefan S. sagt, nach dem Vorfall werde er nicht mehr bei Demonstrationen eingesetzt. Er meide Massenveranstaltungen, die Unbefangenheit sei weg. „Ich habe sechszehneinhalb Jahre auf der Straße gearbeitet, aber das geht nicht mehr.“ Stefan S. hat sich einen Tag vorher noch einmal das Video mit der Explosion angeschaut, das ein Unbekannter ins Netz gestellt hat. In dem Film werde gejubelt, weil es Polizisten getroffen habe, sagt S., er sei noch immer betroffen von dem Hass, den das Video transportiert.