Es dauert gar nicht lange, bis man sich den gurrenden, lockenden, Aufforderungen der alten Dame nicht mehr widersetzen mag: „Kommen Sie, nehmen Sie noch a Stickl!“

Insgeheim ist man eigentlich ganz froh, denn man möchte sie ja probieren, die eingelegten Heringe, den Eiersalat und die gebratenen Heringe mit Zwiebeln. Schon im Kino hat man sich gefragt, wie das alles wohl schmeckt. Daher kennt man das alles ein bisschen: die herrschaftlichen Charlottenburger Wohnung, das große Esszimmer mit den beiden Brokatsesseln, die Anrichte mit den vielen silbergerahmten Familienbildern – und Bella, die 88-jährige großzügige Gastgeberin.

Gegen Sorgen und Aufregung hilft ein Wodka

Sie und ihre vier Jahre jüngere Freundin Regina Karolinski sind die Protagonistinnen in dem berührenden, beglückenden, leisen Dokumentarfilm „Oma & Bella“ der Regisseurin Alexa Karolinski. Die 28-Jährige hat beide Frauen einen Sommer lang mit der Kamera begleitet. Eine von ihnen, das sagt ja schon der Titel, ist ihre Großmutter. Unglücklicherweise hat die sich vor kurzem das Bein gebrochen und das so kurz vor der Premiere im Kulinarischen Kino. Bella ist besorgt um ihre beste Freundin. Gegen Sorgen und Aufregung hat noch immer ein Wodka geholfen. Eisgekühlt – auch die Gläser. „Kommen Sie, trinken Sie einen mit!“

In ihrem Film sieht die Regisseurin den beiden eleganten Damen beim Leben zu, und das besteht zu einem großen Teil aus der Zubereitung von koscherem Essen zum Zwecke des eigenen Verzehrs. Bella hat noch eine eigene Wohnung, ist aber schon vor Jahren bei ihrer Freundin eingezogen, als es der schlecht ging. Seitdem leben sie miteinander, ein bisschen wie ein altes Ehepaar, nur gehen sie netter miteinander um.

Kalbsfüße mit Pinzette und Einwegrasierer enthaart

So groß auch die übrige Wohnung sein mag, die Küche ist winzig. Dem beige-braunen Design nach zu urteilen, wurde sie in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts eingebaut. Selbst wenn sie nicht miteinander reden, möchte man den beiden Damen stundenlang dabei zusehen, wie sie etwa Kalbsfüße akribisch mit Pinzette und Einwegrasierer enthaaren, um daraus Brühe, Klöße und anderes zu kochen, das man am liebsten sofort verspeisen möchte. Weil es eben brodelt und brutzelt und dampft wie bei Oma. Das bekommt kein Foodstylist so hin.

Alles begann mit der Idee, ein Kochbuch zu schreiben. Alexa Karolinski, wollte mit den Rezepten ein Stück Familientradition bewahren. Irgendwann kapitulierte sie vor der Aufgabe, „Handvoll“ und „Schuss“ in Gramm und Milliliter, „Tellervoll“ in Portionen und „bis es gut aussieht“ in Kochzeiten zu übersetzen. Und weil sie ihren Freunden so viel von Oma und Bella erzählt hatte, sei allen klar gewesen, dass sie ihren Abschlussfilm an der New Yorker School of Visual Arts über die beiden drehen muss.

Filmfinanzierung per Crowdfunding

Nach einem Jahr der Postproduktion hatte sie per Crowdfunding über kickstarter.com, genug Geld gesammelt, um das Porträt fertigzustellen. Appetitanregend ist der Film allemal. Ergreifend ist er, weil es eben nicht irgendeine Oma ist, die da erzählt. Regina Karolinski wurde 1927 als jüngstes von fünf Kindern in Katowice geboren. 1942 wurde sie von ihrer Familie getrennt und in ein Arbeitslager ins Sudetenland deportiert. Dort blieb sie bis zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee im Frühjahr 1945.

Mit dem Wunsch, in die USA zu emigrieren, kam sie 1946 nach Berlin, bekam ihren Sohn Symcha, Alexas Vater, und blieb. Sie war eines der ersten Mitglieder der jüdischen Gemeinde, besaß eine Parfümerie und arbeitete später in einem Juweliergeschäft. Ihre Freundin Bella war sogar einmal Besitzerin eines ziemlich mondänen Nachtclubs namens Las Vegas. Bevor es aber so weit kam, hat sie das Ghetto in Vilnius überlebt, als Partisanin in litauischen Wäldern gekämpft und Dinge gesehen, von denen sie nicht einmal ihrem eigenen Sohn erzählt hat.

Kurze, eindrückliche Momente

„Ihre Bedingung war, dass ich nicht danach frage“, sagt Alexa Karolinski. Und dann hat sie doch gefragt und Bella hat doch erzählt. In kurzen, eindrücklichen Momenten. Die Offenheit sei das Geschenk an ihr „Alexale“ gewesen, sagt Bella im Rückblick auf die Dreharbeiten. „Ich wusste, es würde ihr gut tun, wenn sie ein bisschen mehr weiß. Ich habe das aus Liebe zu ihr getan, weil sie stark ist“, sagt Bella und streicht der Regisseurin über die Wange.

Sie habe unendlich viel gelernt, sagt Alexa Karolinski, „unter anderem, dass ich keine Angst vorm Älterwerden haben muss – ich kann später mit meiner besten Freundin zusammenziehen.“

Oma & Bella 16.2.: 22 Uhr; 17.2.: 15 Uhr, je Martin-Gropius-Bau.