BerlinIn der Welt, in der wir leben, heißt Großstadt immer auch Widerspruch. Urbanes Leben heißt Koexistenz. Einige gehören dazu, andere nicht. Am Dienstagnachmittag strahlt der Himmel knallrot über dem Bahnhof Zoo, als sich die Sonne mit herbstlichem Eifer verabschiedet. Es riecht nach Pommes. Ein gelber Bus schießt an den parkenden Autos vorbei, weiter oben rattert die S-Bahn über die Schienen. Für die, die hier im Tempo ihres Hamsterrads vorbeieilen – ankommen, einkaufen, abfahren – ist die Szene der Abschluss eines stressigen Tages. Für jene, die hier leben, ist sie die Kulisse ihres Zuhauses.

„Ich komme immer wieder zurück“, sagt Jenny. Seit 13 Jahren lebt sie auf der Straße. Ein großer Teil ihres Alltags spielt sich hier ab. An dem Ort, der spätestens mit der Geschichte von Christiane F. in den 80er-Jahren traurige Berühmtheit erlangte. Den Straßenstrich von damals gibt es nicht mehr, doch der Rhythmus vieler Menschen, die Teil dieser Nachbarschaft sind, lautet weiterhin: schnorren, schlafen, durchbeißen. Aber eben auch: leben.

Was das bedeutet, erzählen Jenny und drei weitere Personen in einem neuen Audiowalk des Vereins Querstadtein. Ausgestattet mit Smartphone und Kopfhörern, begibt man sich als Hörer an zehn Stationen vom Zoo über den Kudamm bis zur Uhlandstraße in eine Welt, die von der Mehrheitsgesellschaft meist übersehen wird. Die synthetische Stimme „Julia“ moderiert und beschreibt die Wege präzise und entschleunigt. In den Erzählpausen verschafft Akkordeonmusik Erholung von den schweren Themen und Zeit zum Beobachten.

Mitten in der Gesellschaft, aber marginalisiert

Querstadtein bietet Stadtführungen aus den Perspektiven derjenigen an, die mitten in der Gesellschaft leben, aber von Marginalisierung und Diskriminierung betroffen sind. Ehemalige Obdachlose und Drogennutzer zeigen ihre Kieze, Menschen mit Fluchterfahrungen berichten von ihren Sichtweisen und Kämpfen in der Stadt. Die digitale Variante antwortet nun nicht nur auf die Bedingungen der Corona-Zeit, in der analoger Kulturkonsum fast unmöglich ist.

„Es war uns sehr wichtig abzubilden, wie unterschiedlich Menschen auf der Straße leben“, sagt Dominika Szyszko, die das Projekt koordiniert. Und das gelingt: Auf dem anderthalbstündigen Spaziergang lernt man Jenny, Christine, Anton und Gerhard kennen. Alle vier sind von Schicksalsschlägen gebeutelt und fallen durch die Raster des Systems. Die Armut ist Alltag. Einige sind von Gewalt und Sucht betroffen. Es geht um Anonymität, (Un-)Sicherheit und die permanente Suche nach Orten des Rückzugs. Auch wenn sich vieles überschneidet, könnten die Charaktere, ihre Biografien, Entscheidungen und Lebenswelten kaum individueller sein.

Das widersprüchliche Leben in der Großstadt zeigt etwa die Geschichte von Anton. Ein junger Mann mit Migrationserfahrung, vom bulgarischen Staat in seiner sexuellen Identität unterdrückt, sucht Zuflucht in Berlin. Als Sexarbeiter kommt er zuerst gut durch, genießt das Abenteuer, so erzählt seine Stimme, während man an Parfümerien, Edelboutiquen und Restaurants mit perlweißen Tischdecken vorbeigeht. Am Eingang einer Bankfiliale sitzt eine Person im Schlafsack auf dem Asphalt, vor ihr steht ein Pappbecher für Münzen. Antons Stimme berichtet aus dem Off von seiner eigenen, knallharten Realität: dem steinigen Weg der Selbstbestimmung als Mensch mit nonkonformen Bedürfnissen und ungleichen Voraussetzungen.

Sensibilisierung ohne Moralkeule 

Dass Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft diese Welten häufig übersehen, hat zwei Seiten: „Der Vorteil von Anonymität ist ja, dass Leute nicht so leicht stigmatisiert werden“, erzählt Sozialarbeiter Wilhelm Nadolny zu Beginn des Spaziergangs. Nicht immer ist Obdachlosigkeit erkennbar. So bieten etwa die Bahnhofsmission oder die verborgenen Winkel und Passagen, die als Schlafplätze dienen, zumindest einen temporären Schutz. Öffentliche Toiletten oder bereitgestellte Hygienestationen helfen bei der Pflege des Äußeren.

Ohne die Moralkeule zu schwingen, erinnert die Audioführung aber auch daran, dass Armut und Wohnungslosigkeit Teil dieser Gesellschaft sind. Bahnhöfe etwa bedeuten immer auch „Elend, Einsamkeit und urbanes Scheitern“, kommentiert Nadolny zum Beispiel den Zoo. Mit dem Format will der Verein nicht nur aufklären, sondern den Betroffenen auch ein Stückchen gesellschaftlicher Teilhabe ermöglichen. Denn „das passiert selten“, sagt Szyszko.

Gefördert wird das Projekt von der Deutschen Bahn Stiftung. Außerdem stemmt der Verein die Finanzierung mit dem Ticketerlös. Auf https://querstadtein.org/audiowalk-tickets/ können Interessierte für 7,50 Euro, ermäßigt für fünf Euro einen Code erwerben. Die Tour ist dann jederzeit auf einem mobilen Endgerät abrufbar. Ob allein oder in einer Corona-konformen Gruppengröße ist der Spaziergang ein bewusstseinserweiterndes Bildungs- und Freizeitangebot, das sensibilisiert.