Wann öffnet sich der Vorhang wieder?  
Foto: Max  Lautenschläger

Die Kulturminister von Bund und Ländern haben in einem sechs Seiten umfassenden Konzept für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Regierungschefs der Länder „Eckpunkte für Öffnungsstrategien“ für die Kulturszene festgelegt. Die Deutsche Presse-Agentur dokumentiert Auszüge aus dem der dpa vorliegenden Papier.  Die Ministerrunde spricht sich für eine planvolle Öffnung weiterer kultureller Einrichtungen und Aktivitäten aus. „Eine dauerhafte Schädigung der reichhaltigen Kulturlandschaft hierzulande muss verhindert werden“, heißt es in dem Papier.

Aus Sicht der Kulturminister haben während der Pandemie „viele Akteure eine beachtliche Kreativität entwickelt, um ihr Publikum digital zu erreichen und somit einen eigenen Beitrag zur kulturellen Grundversorgung zu leisten“. Die Krise bedeute für Kunst- und Kulturschaffende einen tiefen Einschnitt in künstlerische Freiräume. Viele Künstler und Einrichtungen seien durch die Beschränkungen existenziell gefährdet. Auch nach Wiedereröffnungen werde es aufgrund der nötigen Schutzmaßnahmen noch lange hohe Einnahmeverluste geben.

Mit der Öffnung erster Bibliotheken, Museen oder Ausstellungshäuser seien bereits wichtige Schritte gemacht worden. Für ihre weitergehenden Vorschläge berufen sich die Kulturminister auf Konzepte einschlägiger Branchen- und Berufsverbände, die eine bundesweit möglichst einheitliche und transparente sowie sichere Handhabung gewährleisteten. Voraussetzung für Lockerungen seien jeweils die lokalen Entwicklung der Infektionszahlen. Auf der Basis sollten Vor-Ort-Konzepte entwickelt werden, die individuell an die jeweilige Spielstätte, Einrichtung oder Veranstaltung angepasst seien.

Zur Begrenzung von Besucherzahlen sollen etwa in Theatern Sitzplätze und ganze Sitzreihen ausgelassen werden. Ticketing-Systeme könnten dabei Mindestabstand sicherstellen. Zum Vermeiden von Warteschlangen wollen die Kulturminister Online-Tickets und Zeitfenster. Besucherströme sollen geregelt werden etwa über Verzicht auf Abriss von Eintrittskarten, Scans von Tickets oder zeitversetzten Einlass. Zur Verringerung der Aerosol-Belastung in Sälen und Innenräumen werden ergänzende Konzepte empfohlen. Zudem sollen Kontaktdaten von Besuchern zur Nachverfolgung bei Erkrankungen gespeichert werden.

Zum Schutz künstlerischer Akteure sind nach dem Papier unterschiedliche Regelungen für Darsteller auf der Bühne, Orchestermusiker, Chorsänger, Tänzer oder Schauspieler notwendig. In Probenräumen oder Garderoben soll die zulässige Personenzahl beschränkt werden.

Aus Sicht der Kulturminister müssen künstlerische Programme den veränderten Bedingungen angepasst werden. Dabei sei ein Höchstmaß an Flexibilität erforderlich. Das Papier für Merkel und die Länderchefs empfiehlt eine „möglichst zügige Wiederaufnahme des Probenbetriebs für möglichst alle Sparten“. Es sollten zunächst kleinformatige Darbietungen sowohl in geschlossenen Räumlichkeiten als auch im Freien zugelassen werden. Daneben werden Freiluftaufführungen oder Formate in kleinerer Besetzung sowie Mehrfachaufführungen kürzerer Programme empfohlen.

Kinos sind nach Erkenntnis der Kulturminister wesentlich vom überregionalen, oft bundesweit einheitlichen Programmangebot und Filmstarts der Filmverleiher abhängig. Planungsvorläufe trügen zu einem erfolgreichen Neustart der Kinos bei. Soweit nicht bereits in den Ländern festgelegt, „sollten möglichst nahe beieinanderliegende Wiedereröffnungstermine angestrebt werden“. Open Air und Autokinos sollten „baldmöglichst (wieder-)eröffnet werden“, sofern dies noch nicht erfolgt sei.

Zur finanziellen Stützung der Szene setzt Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf ein „Rettungs- und Zukunftspaket“ des Bundes. „Ziel ist es, die deutsche Kulturlandschaft mit ihren speziellen Bedürfnissen und in ihrer ganzen Vielfalt zu erhalten und möglichst rasch wieder viele Arbeitsmöglichkeiten für Künstlerinnen und Künstler sowie für weitere Beschäftigte im Kulturbetrieb zu schaffen“, sagte die CDU-Politikerin der dpa in Berlin.

Mit dem Paket sollten große Härten abgemildert werden, die durch die Corona-Pandemie bei kulturellen Einrichtungen entstanden seien. „Ein Schwerpunkt des Programms liegt auf Maßnahmen, mit denen überwiegend privat finanzierte Einrichtungen einen pandemiegerechten Wiederbeginn ihrer Aktivitäten ermöglichen können.“ Dafür werden laut Grütters „zügig“ Richtlinien abgestimmt, „damit die Förderungen gemeinsam mit dem Start eines Konjunkturpakets sofort ausgezahlt werden können“.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hatte angekündigt, Kulturschaffende sollten Teil des Konjunkturprogramms werden. Nach einem Bericht des Spiegels sollen die Hilfen im Vergleich zu anderen Bereichen gering ausfallen. Sie sollten nicht einmal einen „mittleren einstelligen Milliardenbetrag erreichen“, hieß es unter Berufung auf das Finanzministerium. Aus Kreisen der Länder war ein Programm von zwei Milliarden Euro von Bund und Ländern ins Gespräch gebracht worden.

Der Vorsitzende der Kulturminister-Konferenz, Bayerns Kunstminister Bernd Sibler (CSU), begrüßte die Pläne des Bundes, die Kulturszene am Konjunkturprogramm zu beteiligen.  

Auszüge aus dem Konzeptpapier der Kultusminister:

Hygiene- und Schutzkonzepte 

- Vom Zutritt ausgeschlossen werden Personen mit unspezifischen Allgemeinsymptomen sowie respiratorischen Symptomen jeglicher Schwere sowie Kontaktpersonen mit engem Kontakt zu Covid-19-Fällen

- Begrenzung der Besucherzahlen durch Auslassung von Sitzplätzen und ganzen Sitzreihen, Einrichtung von Ticketing-Systemen, die flexibel einen automatischen Mindestabstand an Ticketkasse vor Ort und Online-Buchung ermöglichen.

- Gezielte Leitung der Besuchsströme, obligatorische Sitzplatzreservierungen mit geregeltem Einlassverfahren (Verstärkung kontaktloses Bezahlen, Verzicht auf Abriss oder Scan der Karten, zeitversetzter Einlass je Saal und Auslass der Besucher durch separaten (Not-)Ausgang).

- Ergänzendes Konzept zur Verringerung der Aerosole-Belastung in den Sälen und Innenräumen analog der Praxis zu sonstigen geschlossenen Räumen

- Erfassung und Speicherung der Kontaktdaten der Besucher und Sitzplatzbelegung zur Nachverfolgung bei Erkrankungsausbruch

Schutz der künstlerischen Akteure

- Erfordernis unterschiedlicher Abstandsregelungen, zum Beispiel für Darsteller auf der Bühne, Musiker im Orchester oder  Chor und Tänzer und Schauspieler. 

- Möglichkeit der Verringerung der Abstände durch alternative Schutzmaßnahmen (zum Beispiel durch technische Einrichtungen, persönliche Schutzausstattung, Trennwände)

- Beschränkung der zulässigen Personenzahl hinsichtlich der Fläche, beispielsweise in Probenräumen und Garderobenräumen

Konzeptioneller Anpassungsbedarf

- Möglichst zügige Wiederaufnahme des Probenbetriebs für möglichst alle Sparten, um die Zeit bis zur geplanten Wiederaufnahme des Spielbetriebs nach der Sommerpause für notwendige Vorbereitungen und Neukonzeptionen zu nutzen

- Kleinformartige Darbietungen sowohl in geschlossenen Räumlichkeiten als auch im Freien

- Freiluftaufführungen, Formate in kleinerer Besetzung als Alternativen

- Mehrfachaufführungen kürzerer Programme

Handlungsempfehlungen für Kinos

- Viele Kinos sind wesentlich vom überregionalen, oft bundesweit einheitlichen Programmangebot und Filmstarts der Filmverleiher abhängig. Ausreichend Planungsvorläufe für die bundesweite Herausbringung neuer Filme tragen also zu einem erfolgreichen Neustart der Kinos bei.

- Soweit noch keine Festlegungen getroffen wurden, sollten durch die in den Ländern zuständigen Stellen möglichst nahe beieinanderliegende Wiedereröffnungstermine angestrebt werden.

- Im Hinblick auf die Saisonalität einiger Sonderformate des Kinos und ihre abweichende räumliche Situation sollten Open Air und Autokinos - soweit noch nicht erfolgt - baldmöglichst (wieder-)eröffnet werden.