Nach der monatelangen Unmöglichkeit von Restaurant-Besuchen ist es durchaus unterhaltsam, bei einem Glas Wein endlich mal wieder pures Berlin-Bashing zu erleben. Am Nebentisch sieht alles nach einem Familientreffen aus, das sich augenscheinlich zusammensetzt aus einem Paar mit Kindern und allen vier Großeltern. Die sind zu Besuch, wie sich bald herausstellt, denn eine der älteren Damen berichtet von ihrem Tagesablauf und beschwert sich lautstark über die unfreundliche Behandlung, die ihr in der Bäckerei widerfahren ist.

Worum genau es dort ging, wird klar, als die mutmaßliche Tochter oder Schwiegertochter ihr entrüstet beipflichtet: „Nein, in Berlin darfst du beim Bäcker nicht nach einer Semmel fragen, damit kommst du hier nicht weit!“ Es folgen ein paar Worte über die sagenumwobene Unhöflichkeit der Einheimischen. Darüber, wie zulässig diese Bewertung angesichts einer in den vergangenen Jahren enorm fluktuierenden Bevölkerungsentwicklung ist, ließe sich natürlich trefflich streiten.

Ziemlich zweifelsfrei lässt sich dagegen festhalten, dass es absolut keine Eigenheit von Berlin ist, nicht alle regionalen Begrifflichkeiten von außerhalb parat zu haben – oder haben zu wollen. Ich erinnere mich an einen Ostsee-Urlaub während meiner Kindheit. Eines morgens stand ich in der Bäckerei und habe wie selbstverständlich Schrippen bestellt. „Schrippen?“, fragte die Verkäufern damals, „Haben wir nicht!“ Als ich auf die Auslage zeigte und anmerkte, dass hier doch ganz viele davon lägen, hob sie beide Hände in die Luft und rief: „Ach, Brötchen.“

Und irgendwie habe ich so meine Zweifel, dass man in Regionen, wo Menschen ein Brötchen als Semmel deklarieren, mit dem Wunsch nach Schrippen erfolgreicher abschneidet als seinerzeit an der Ostsee. Es müsste also tolerabel sein, wenn sich die Schrippe in Berlin nicht von der Semmel verdrängen lassen will. Darf die weltoffene Metropole nicht auch ein bisschen Aufgeschlossenheit einfordern?

Aber gut, wenn wir Kulturkämpfe schon an der Backwarentheke austragen wollen, dann bitte richtig: Wie gerne wäre ich dabei, wenn besagte Familie vom Nebentisch in den nächsten Tagen wieder mal in der Bäckerei steht und dieses Mal einen Berliner bestellt. Obwohl sie doch ganz bestimmt einen Pfannkuchen haben will.