Nach dreißig Minuten werden die Lider schwer, die Konzentration kippt in den Dös-Modus, die beiden Stunden schleichen wie sechs. Die Abgeordneten halten sich mit Schwatzen, Lesen, Surfen und Kaffeetrinken wach. Im Kulturausschuss wird selten leidenschaftlich gestritten, meist stoisch angehört. Subventionsempfänger erklären, warum ihr Geld nicht reicht.

Unvergessen, wie jüngst die Vertreterin des Literaturhauses LesArt mit Grabesstimme klagt, dass sie ihre Lesungen für Kinder nicht von einem Konzerthaus-Cellisten begleiten lassen kann: zu teuer. Nein nein, Musik von CD sei kein Ersatz, Kinder sollten hören, wie es ist, wenn durch die offene Tür im Nebenraum ein Cello klingt.

Sie erklärt, dass ihr Haus für einen winzigen Kreis von Kindern nicht „einfache Lesungen“ biete, sondern „dem Dazwischen und Dahinter nachspüre“, will 460 000 statt 360 000 Euro im Jahr vom Staat. Sie redet und redet. Presseleute schweigen, wenn Parlamentarier tagen. Sie dürfen nicht dazwischen rufen: Nehmt diesem verstiegenen elitären Haufen sofort das Geld weg und gebt es einem der lebendigen Literaturhäuser!

Klaus Wowereit erlebte zahllose Kulturausschüsse dieser Art, seit er ab 2006 nicht nur Regierender Bürgermeister war, sondern auch Kultursenator. Ertrug klaglos Anhörungen, betrachtete häufige Anwesenheit als Pflicht. Hatte er nicht eine Riesenstadt zu regieren? Kontrolleure von Entrauchungsanlagen zu überwachen? Warum überhaupt dieses Doppelamt?

Klaus Wowereit versteht mehr von Kulturpolitik als jeder andere Berliner Politiker. Lange bevor er 2001 Regierungschef wurde, brachte er als Parlamentarier harsch den Theater-Ausschuss in Schwung. Drohte mit Haushaltssperren, sollte der Kultursenator weiter leichtfertig den Schuldenstand der Stadt erhöhen. Bezeichnete Opernintendanten als Fehlbesetzung, solange sie Manager-Aufgaben ablehnten. Setzte sich durch.

Das war eine Zeit, in der Intendanten ihre Etats locker um mittlere Millionenbeträge überzogen und stillschweigend Ausgleich vom Steuerzahler erwarteten. Nicht bei Wowereit. Er forderte Kostenbewusstsein, glänzte mit Kompetenz in allen Haushaltsfragen und behielt bis zum heutigen Tag jede verdammte Zahl im Kopf. Er blieb viel mehr ein aktenfressender preußischer Arbeiter als er je Partymeister sein konnte.

Wowereit begann seine erste Regierungszeit mit einem Sparprogramm und verschonte auch den Kulturetat nicht. Erinnerte daran, dass nicht nur etablierte Kulturinstitutionen, sondern auch die freie Szene zum Ruhm der Stadt beitragen. Er und seine Partei waren bereit, die Deutsche Oper zu opfern. Dass es anders kam, verdankt die größte Berliner Oper allein Thomas Flierl, Linke, erster Kultursenator unter Wowereit.

Er stellte die drei Opern unter ein Stiftungsdach, legte die Tanzcompagnien zu einem Staatsballett zusammen und die verzweigten Werkstätten zu einem hochmodernen Bühnenservice. Die Opern ächzten, es gab Widerstände und Kräche, aber ohne neue Struktur wären alle Kosten explodiert. Die Opernreform blieb bis heute die einzige in die Zukunft weisende Reform in der Berliner Kultur seit dem Mauerfall.

War Wowereit dankbar? Keine Sekunde. Er konnte weder die rettende Stiftung leiden noch diesen Senator, dem er nie vertraute. Gleich nach seiner ersten Amtszeit 2006 schaffte Wowereit ihn ab. Änderte dazu die Ressortzuschnitte im Senat und übernahm die Kultur selbst. André Schmitz, als Kulturstaatssekretär bald mit dem zugehörigen Tagesgeschäft betraut, hielt die Idee zunächst für absurd; später fand er die Konstruktion sehr geglückt.

Tatsächlich änderte Wowereit als Senator seine Strategie, hob sein eigenes Spardiktat in der Kultur auf, erklärte sie zum Wachstumsmotor und erhöhte nun alle Jahre den Etat. So ein Status Quo lässt sich gar nicht hoch genug schätzen in Zeiten von Orchester- und Theaterschließungen anderswo. Aber mit weitsichtiger, zukunftsfähiger oder gar gerechter Kulturpolitik hat das nichts zu tun.

In der Bilanz darf man Wowereit eine kluge, gut beratene Personalpolitik attestieren. Aber sonst? Über die Zukunft von Kulturforum und Humboldtforum versucht Berlin nicht mitzureden, überlässt das ganz dem Bund. Und alles, was die Kulturpolitik an Neuem anpackte, lief schief, aber richtig.

Die Idee einer Kunsthalle verbaten sich die Künstler, so ein Geschenk wollten sie nicht. Die neue Landesbibliothek auf dem Tempelhofer Feld wählten die Bürger ab. Die Sanierung der Staatsoper erweist sich als Planungsdesaster und dauert bei galoppierenden Kosten doppelt so lange. Das neue Gebäude der staatlichen Schauspielschule würde nach einem Jahrzehnt heute noch in Entwurfsstadien dümpeln, hätten die Studenten den Bau nicht auf der Straße erzwungen.

Selbst die Bettensteuer, der Kultur und dem Tourismus zur Hälfte fest versprochen, erwies sich als brutale Täuschung der ganzen Branche. Von neuer Verteilungsgerechtigkeit nicht zu reden – die knapp 400 Millionen Euro Kulturetat fließen noch immer fast nur in die großen Institutionen.

Spitzenverdiener in hochsubventionierten Häusern streiken bisweilen für noch mehr Geld, freie Künstler mit ihren Hungergagen sehen es fassungslos. Aber warum sollte es in der regionalen Kulturpolitik anders zugehen als in der Bundespolitik?

In Berlin laufen die Dinge einfach weiter wie immer. Davon geht die Welt nicht unter, aber sie verändert sich still. Die Gentrifizierung zerstört alte Kunstorte, Klubs, Ateliers. Die Politik unternimmt keine Anstrengungen, die Szenen von Künstlern in der Stadt zu halten, dem Mangel an Räumen und steigenden Mieten zu begegnen. Ab einem bestimmten Level ist Armut nicht mehr sexy. Seine wahnsinnige Anziehungskraft aber holt Berlin aus dieser Mischung, prekärem Charme und kulturellem Reichtum.

Das Tipi am Kanzleramt veranstaltete vor ein paar Tagen eine Abschiedsparty für Wowereit, bei der ihn Künstler, insbesondere die queere Szene pries wie einen Popstar. Gayle Tufts warf sich nieder und sang schluchzend: We love you, Klaus, can’t live without you. Nie würde sie als „Kleinkünstlerin“ mit dem New Yorker Mayor befreundet sein und ihn auf die Bühne zum Tanz bitten können, aber mit dem Berliner, da ginge das.

Tipi-Chef Holger Klotzbach: „Du hast geackert für diese Stadt. Hast Liebe, Toleranz, Offenheit und die ganze Welt hierher gebracht. Das hat sie verändert.“ Und genau das macht den Abschied von diesem Regierenden so schwer, nicht der Verlust eines Kultursenators. Für die Zukunft übrigens empfiehlt Klaus Wowereit, das Amt gefälligst wieder eigenständig zu führen.