Die Zahl der Manufakturen in Berlin und ganz Deutschland wächst. Damit wird nicht nur altes Handwerk bewahrt, sondern auch das Image von „Made in Germany“ gestärkt. Über Rolle und Bedeutung dieser kleinen Handwerksbetriebe sprachen wir mit Michael Thomas Schröder von der Initiative Deutsche Manufakturen – Handmade in Germany.

Herr Schröder, der Begriff Manufaktur heißt: etwas mit der Hand machen. Sind deshalb auch Handwerker Manufakturisten? Betreibt jeder „Selbermacher“, der zum Beispiel Strickmützen herstellt, eine Manufaktur?

Auf beide Fragen: nein. Eine Manufaktur ist im klassischen Sinne ein organisierter Betrieb mit mehreren Mitarbeitern. Ein solcher Betrieb verantwortet die gesamte Herstellung, angefangen von der Idee und dem Design, vom Rohstoff über alle Arbeitsschritte bis hin zum fertigen Produkt. Teile für ein solches Produkt dürfen nicht etwa in China oder Fernost produziert und dann nur noch in dem Unternehmen zusammengeschraubt werden. Tischler, Ofensetzer, Dachdecker hingegen sind nicht für das gesamte Produkt zuständig und verantwortlich. Wenn jetzt auch viele Kleinst-Unternehmen oder Mützenstricker den Begriff Manufaktur verwenden, wollen sie ihr Produkt aufwerten. Besser lässt sich allerdings gar nicht belegen, wie angesehen Manufaktur-Produkte heute wieder sind.

Was sind die Gründe dafür?

Das ist eine klare kulturrevolutionäre Antwort auf Massenproduktion und Massenkonsum und damit auch auf den Verlust von Identität und Individualität. Ich bin den Schweden so dankbar, dass sie Ikea erfunden haben... diese Möbel-Massenproduktion hat zu einem Umdenken und dazu geführt, dass die Leute zum Beispiel wieder handgefertigte Möbel aus nachhaltigem Holz und individuellem Design wollen.

Bleiben wir bei dem Beispiel: Als die Schweden Ende 1974 ihre erste Filiale in Deutschland eröffneten, war die Begeisterung groß und hält ja noch immer an. Wann setzte denn aus Ihrer Sicht das Umdenken ein?

Das ist eng mit der Entstehung der Grünen-Bewegung Ende der 1970er Jahre verbunden. Mit dem Auftauchen der Grünen bekamen Naturschutz, gesünderes Essen, Nachhaltigkeit einen höheren Stellenwert. Das nutzte den Manufakturen. Und die Käufer von Manufakturwaren sind denn heute auch eher so um die 50plus, arriviert und gut gestellt.

Wer über Manufakturen spricht, redet meist auch gern von der Bewahrung kulturhistorischer Traditionen, dem Erhalt alter Techniken oder er schwärmt von Made in Germany.

Ja, das alles spielt eine Rolle, und das ist auch sehr wichtig. Manufakturen sind oft sehr prägend für den Ort oder die Region, wo sie angesiedelt sind. Bekannte Porzellan-Standorte zum Beispiel sind Bayern, Thüringen, Sachsen und Berlin. Bremen ist für Silberbesteck bekannt, Uhren kommen aus dem sächsischen Glashütte. Ganze Regionen leben von diesen Unternehmen, sie haben dort Schulen gebaut, Wohnungen, Kindergärten. Der Manufakturen-Aufschwung spiegelt in Zeiten von H&M, Starbucks, McDonald’s auch eine Rückbesinnung auf nationales Erbe wieder, ohne dabei national-konservativ zu sein. Und mit diesen Produkten kann man im Ausland Imagepflege für Deutschland betreiben.

Was heißt das?

Als wir die Initiative vor sechs Jahren gründeten, haben wir Kontakte zum Außenministerium aufgenommen. Der inzwischen verstorbene FDP-Politiker Guido Westerwelle war damals Außenminister und ließ sich überzeugen, dass man damit im Ausland werben kann. Seither werden jedes Jahr, finanziert vom Auswärtigen Amt, weltweit 15 bis 20 Journalisten von den deutschen Botschaften eingeladen, die dann eine Woche lang deutsche Manufakturbetriebe besuchen.

In kleineren Orten oder auch Regionen mögen Manufakturen wichtig und auch prägend sein. Aber welche Rolle spielen sie für Großstädte wie Berlin?

Denken Sie an die Königliche Porzellan-Manufaktur. KPM-Porzellan ist in aller Welt bekannt, das Unternehmen ist ein Botschafter Berlins. Als es nach der Privatisierung durch Misswirtschaft in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und fast Insolvenz anmelden musste, hätte der damalige Bürgermeister Klaus Wowereit die Manufaktur allerdings am liebsten sterben lassen. Die Stadt war nicht bereit, da etwas zu tun, sie wurde dann von dem Bankier Jörg Woltmann gerettet. In Sachsen hilft die Landesregierung der Meißner Porzellanmanufaktur. Aber auch Manufakturen wie der Audio-Instrumente Hersteller Burmester oder „Bechstein-Klaviere“ haben zum internationalen Ruf Berlins beigetragen. In unserer Zeit ist die Stadt zu einem Zentrum von Manufaktur-Neugründungen geworden, in allen Bereichen, selbst nach den Kriterien unserer Initiative.

Bietet Berlin einen besonders guten Boden dafür?

Der Trend zu guten nachhaltigen Produkten passt zu einer Stadt, die sich immer neuen Entwicklungen zuwendet. Der Trend sowohl zur Herstellung als auch zum Kauf von Manufaktur-Produkten ist vor allem im Ernährungsbereich sehr ausgeprägt, bei Lebensmitteln und Getränken. Da muss man nur in die Markthalle Neun in Kreuzberg gehen. Berlin ist ein Anziehungspunkt für junge Leute aus ganz Deutschland wie auch aus dem Ausland, die etwas ausprobieren wollen und das hier eher können als in Hamburg, Frankfurt oder Düsseldorf.

Wieso?

Ein Grund dafür ist, dass hier die Mieten für Gewerberäume im Vergleich zu anderen Städten noch immer extrem günstig sind, dass Hersteller und Konsumenten jünger sind als in anderen Städten, unter anderem, weil es hier so viele Fachschulen, Hochschulen, Universitäten gibt. Berlin ist damit ideal in jeder Hinsicht.

Auch Manufakturen brauchen in der Regel Lehrlinge, deren Besitzer auch Nachfolger. Wie reagieren die Handwerkskammern auf diese Entwicklung?

Für die Handwerkskammern sind das noch Hobby-Unternehmen. Auch deshalb haben wir die Initiative Deutsche Manufakturen gegründet, die sich nicht nur um Werbung und Marketing kümmert, wozu diese Betriebe weder Leute noch Mittel haben, sondern auch um die Nachwuchsfrage. In den Standard-Handwerksberufen wie Tischler oder Uhrmacher gibt es zwar wie in anderen Branchen auch einen Fachkräftemangel, aber man kann diese Berufe noch an den Berufsschulen erlernen. Bei Spezialkräften wie Graveuren, Handschuhmachern, Glasbläsern herrscht hingegen extremer Nachwuchsmangel. Da wird vielleicht noch die Ausbildung angeboten, aber nicht mehr am oder in der Nähe des Standorts, sondern nur konzentriert in einigen Regionen Deutschlands. Bei der EU in Brüssel haben wir uns deshalb einer Initiative angeschlossen, die sich um aussterbende Berufe wie Böttcher, Seiler, Sattler kümmert.

Das Gespräch führte Martina Doering.