Kulturstandort in Schöneberg: Geheimniskrämerei um die Bülowstraße 90

Berlin - Auf der Straße beziehen leichtbekleidete Prostituierte schon am frühen Nachmittag ihre Stammplätze, eine Gruppe von lärmenden und johlenden Jugendlichen mit Bierflaschen in der Hand zieht auf dem Weg zur Hochbahn vorbei. Das Haus Bülowstraße 90 im Schöneberger Norden ist keine feine Adresse. Doch das soll sich ändern. Denn der Eigentümer, die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, will das Gewerbegebäude mit einigen wenigen Wohnungen als Standort für Kunst und Kultur ausbauen.

Das Karree mit Vorderhaus, Seitenflügeln und Hinterhaus solle dem Gebiet künftig positive Impulse geben, sagt Gewobag-Sprecher Volker Hartig. „Angestrebt wird eine stärkere Öffnung des Gebäudes nach außen hin – zu den Bewohnern und Besuchern des Kiezes.“

Krach bis weit in die Nacht hinein

Allerdings sind in der Bülowstraße 90 bereits seit Jahrzehnten Künstler ansässig. An der Fassade des Vorderhauses erinnert eine Gedenktafel daran, dass sich dort ab 1897 der von Samuel Fischer gegründete S.Fischer Verlag befand, auch Filmproduzenten, Opernsänger, Musiker und Designer hatten im Haus Räume gemietet. Einigen wurden nun die Mietverträge nicht mehr verlängert, sie mussten ausziehen. Dafür kamen neue Kreative wie das Freie Museum Berlin, das Ausstellungen, aber auch Gesprächsrunden und Konzerte organisiert.

Langjährige Mieter bemängeln nicht nur die Kündigungen der Altmieter zugunsten der neuen Nutzer, sondern auch Krach durch die diversen Veranstaltungen. Teilweise gehe das bis nachts. Zudem stehe die Tür zum Hof nun meistens offen – damit die Veranstaltungs- oder Museumsgäste einen bequemeren Zugang haben. Erst kürzlich hätten Unbekannte in einer Nacht im Hof Müllbehälter in Brand gesetzt, sagen die Altmieter. Sie haben Fotos von den verkohlten und zusammengeschmolzenen Plastikbehältern gemacht, die Polizei ermittelt.

Nur vage Reaktionen

Anfragen an die Gewobag, wohin denn die Entwicklung gehen solle, wurden nur sehr vage beantwortet. So heißt es in einem Schreiben der Gesellschaft von September an einen der langjährigen Mieter, dass sich das Unternehmen derzeit „um eine Umstrukturierung des gesamten Bülowstr. 90-Areals“ bemühe. Dabei habe „die Notwendigkeit der zumindest teilweisen Veränderung unserer Mieterschaft“ bestanden. „Zu einem geeigneten Zeitpunkt“ wolle man detaillierter informieren.

Auch Grünen-Abgeordneter Thomas Birk erhielt auf eine Kleine Anfrage im Parlament keine konkreteren Auskünfte. Staatssekretär Ephraim Gothe, der entsprechende Auskünfte von der Gewobag eingeholt hatte, sprach davon, dass das Unternehmen „Verantwortung für die Stadt“ übernehme und „die Unterstützung von Kunst, Kultur, Bildung und Sport als Teil der Unternehmensphilosophie“ begreife. „Zu gegebener Zeit“ werde die Gewobag „Interessierte beziehungsweise die Öffentlichkeit weitergehend informieren“, so Gothe.

Das war bereits im Mai diesen Jahres. Die Berliner Zeitung bekam ebenfalls keine weitergehende Auskunft: „Noch befinden wir uns in der Konzeptionsphase, so dass wir zum jetzigen Zeitpunkt – auch aufgrund laufender Vertragsverhandlungen – ... noch keine weiteren Detailauskünfte erteilen können“, schreibt Pressesprecher Hartig. „Weitergehende Mieterinformationen und selbstverständlich auch eine aktive Öffentlichkeitsarbeit sind zu einem späteren Zeitpunkt fest eingeplant.“

Sibyll Klotz (Grüne), die für Stadtentwicklung zuständige Stadträtin, sagt: „Diese Nicht-Information sehen wir sehr kritisch.“ Ein solcher Umgang mit langjährigen Mietern sowie der Öffentlichkeit im Bezirk sei nicht angemessen, sagt sie. Zwar könne die Gewobag als Vermieter in dem Gewerbehaus im Rahmen der Gesetze wirtschaftlich eigenständig agieren, also auch umstrukturieren. „Allerdings sollte versucht werden, für Konflikte vernünftige Lösungen zu finden.“