Mit hagerem Gesicht und freiem Oberkörper kauert ein Mann mit wirrem Haar und Vollbart auf dem Boden eines verschlossenen Einwegglases. Er trägt eine gestreifte Häftlingshose. „Isolationshaft“ hat der Künstler Günther Finneisen sein Werk genannt. Es ist ein Selbstporträt aus dem Gefängnis. Überlebensgroß hängt es seit Freitagabend im Wahlkreisbüro von Hendrikje Klein (Linke), Lichtenberger Abgeordnete des Berliner Parlaments. Das Bild ist Teil der Ausstellung „Verschlusssache. Gezeichnetes aus dem Gefängnis“ des Strafgefangenen und Künstlers Günther Finneisen.

Es sei eine ungewöhnliche Idee gewesen, eine Ausstellung mit den Werken eines Häftlings zu zeigen, muss Hendrikje Klein bei der Eröffnung eingestehen. In ihrem Team habe es deswegen viele Diskussionen gegeben. Können wir so etwas überhaupt zeigen?, lautete die Frage. „Wir haben uns dafür entschieden“, sagt die 42-Jährige nun. Sie wolle mit der Schau sichtbar machen, dass Strafgefangene auch Menschen seien. Menschen, die wieder in den Alltag finden wollten – und nicht zurück in den Knast.

Der Künstler, der bei der Vernissage nicht anwesend war, ist ein Mann mit jahrelanger Knasterfahrung. Einen Großteil seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht – derzeit sitzt er in der Justizvollzugsanstalt Tegel ein. Er sei kein Mörder und auch kein Sexualstraftäter, sagt Hendrikje Klein. Finneisen habe eine Ausbruchskarriere und sich „auch wilde Jagden mit der Polizei durch Deutschland und Europa geliefert“, wie sie sagt. Mehr wolle sie aus Gründen des Datenschutzes nicht erzählen.

Finneisens Karikaturen spiegeln aus der Sicht eines Gefangenen den Alltag in einer Haftanstalt wider, den von ihm empfundenen Umgang der Justizvollzugsbediensteten mit den Inhaftierten, die Rolle von Richtern und Gutachtern in Strafprozessen. Er selbst sieht seine teils verstörend anmutenden Werke als Überlebensventil, als letzte Möglichkeit, sich frei zu äußern, heißt es im Begleittext zur Ausstellung.

Benjamin Pritzkuleit
Die Ausstellung

Die Ausstellung „Verschlusssache. Gezeichnetes aus dem Gefängnis“ ist im Wahlkreisbüro von Hendrikje Klein in der Alfred-Kowalke-Straße 14 in Lichtenberg zu sehen. Geöffnet ist montags 14–18 Uhr, mittwochs 11–15 Uhr, donnerstags 10–13 Uhr. Der Künstler Günther Finneisen, Jahrgang 1958, hat eine jahrelange Knasterfahrung. Er sitzt derzeit in der Justizvollzugsanstalt Tegel – nach eigenen Angaben wegen „Planung einer Straftat“.

Finneisen, 1958 in Niedersachsen geboren, machte seine erste Gefängniserfahrung mit 16 Jahren, wegen Autodiebstahls. In seiner in der Ausstellung hängenden Kurzbiografie heißt es, seit 1979 sei er mehrfach aus den Gefängnissen in Hannover, Lingen und Celle ausgebrochen. Danach tauchte er zeitweise in Südafrika, Frankreich, Holland und Spanien unter – wurde jedoch immer wieder gefasst.

Bei seinem letzten Ausbruch aus der Justizvollzugsanstalt Celle 1995 nahmen er und ein Mitgefangener einen Wärter als Geisel. Drei Tage später wurde er von einem Spezialeinsatzkommando überwältigt. Danach kam er zurück in den Knast – 16 Jahre blieb er in Isolationshaft.

Er sei „lebendig begraben“, schrieb ein Taz-Reporter nach einem Besuch im Jahr 2011 über ihn. Das Justizministerium wird in dem Beitrag damit zitiert, dass es sich nicht um Isolationshaft, sondern um „die unausgesetzte Absonderung eines Gefangenen“ handele. Ein Jahr später kam Finneisen frei, er zog nach Berlin, sitzt nun wegen „Planung einer Straftat“ erneut in Haft – in der Justizvollzugsanstalt Tegel.

Benjamin Pritzkuleit
Diese Zeichnung nahm Justizsenatorin Kreck als Geschenk mit.

Klein erzählt, sie habe bei der Planung der Ausstellung in allen Berliner Justizvollzugsanstalten nach einem Künstler, einem Maler gefragt. Sie sei dann auf Günther Finneisen hingewiesen worden. Finneisen hatte in der JVA Celle als Autodidakt zu zeichnen angefangen. Für ihn war das die letzte Möglichkeit, sich frei zu äußern, so sagt er es selbst.

Berlins Justizsenatorin Lena Kreck (Linke) sagt bei der Eröffnung der Vernissage, sie sehe es als ihre Aufgabe an, in den kommenden Jahren die Bedingungen im Strafvollzug zu verbessern. Vor allem treibe sie die Frage um, warum Menschen überhaupt ins Gefängnis kommen.

Berlin habe rund 4000 Haftplätze, etwas mehr als 3300 davon seien belegt. „Es werden gerade mehr Inhaftierte“, sagt Kreck und fügt erklärend hinzu: Während der Pandemie sei der Vollzug der Ersatzfreiheitsstrafe ausgesetzt worden. „Seit dem 1. Juni wird wieder vollstreckt.“

Aus Sicht der Senatorin ist die Ersatzfreiheitsstrafe nicht mehr zeitgemäß. Sie sei eingeführt worden, um Menschen zu sanktionieren, die eine Geldstrafe nicht zahlen wollen. Heute sitzen aber Menschen eine Ersatzfreiheitsstrafe ab – meist fürs sogenannte Schwarzfahren – , die die Geldstrafe nicht zahlen können. Es sei ein klassisches Armutsdelikt. Da müsse sich etwas ändern. Denn diese Leute gehörten nicht in Haft.

Kreck erklärt auch, dass Berlin beim Vollzug im bundesweiten Vergleich sehr weit fortgeschritten sei – hier werde der Resozialisierungsgedanke konsequent gedacht. „Das soll aber nicht heißen, dass ich jetzt verlange: Schließt alle Türen auf!“, sagt die Senatorin. Es gebe auch Menschen, die wegen schwerwiegender Delikte in Haft säßen, Verhaltensweisen, die nicht tolerabel seien und bei denen es Konsequenzen geben müsse. „Wir sollten aber bedenken, dass solche Sanktionen immer einen radikalen Bruch im Leben eines Menschen bedeuten“, sagt Kreck. Job, Wohnung, Familie, soziale Kontakte, all dies breche von einem Tag auf den anderen weg. Und Wegsperren löse das Problem nur temporär. „Strafgefangene sind eingesperrt, sie sind aber trotzdem ein Teil der Gesellschaft“, sagt die Senatorin. „Sie sind Menschen.“

Wohl auch um die Inhaftierten teilhaben zu lassen am gesellschaftlichen Leben, plant die Justizverwaltung die Haftraumdigitalisierung. Zuerst würden in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Lichtenberg Zellen mit digitalen Medien ausgestattet: Tablets und WLAN. Noch seien Inhaftierte gezwungen, Briefe zu schreiben. Das sei völlig aus der Zeit gefallen, sagt Kreck.

Einen solchen Brief will die Justizsenatorin nun auch Günther Finneisen schreiben und sich dafür bedanken, dass er seine Werke zur Verfügung gestellt habe.

Hendrikje Klein indes hofft, dass Finneisen die Ausstellung besuchen wird. Einmal im Monat hat er Ausgang und schon signalisiert, einmal vorbeikommen zu wollen.

Günther Finneisen hat zur Eröffnung der Ausstellung ein kleines Grußwort geschrieben. Darin heißt es: „Solange ich mir selbst noch’n Witz erzählen kann und drüber lache, is alles gut.“ Sein Wunsch: „Trinkt’n Bierchen für mich mit.“