Dies ist sozusagen eine – kunst-diplomatische – Premiere. Geradezu eine Sensation. Maler aus Süd- und Nordkorea stellen jetzt in der Mauerstraße Nr. 80, nahe dem Checkpoint Charlie, erstmals hierzulande gemeinsam aus. Es gibt in Berlin seit einiger Zeit einen Ort, der ganz der koreanischen Gegenwartskunst gewidmet ist: eine Plattform für Künstler aus einem brutal geteilten Land im Kalten Krieg.

Ein kleiner Politik-Exkurs: Korea ist, eine bittere Folge des Zweiten Weltkrieges und des Pazifikkrieges USA-Japan, seit 1948 in zwei Staaten getrennt: die (kommunistische) Demokratische Volksrepublik Korea (Nordkorea) und die moderne, westlich orientierte Republik Korea (Südkorea). Eine Wiedervereinigung scheint fern, die Spannungen und wiederholte Eskalationen sind extrem. Und doch sind die Gemeinsamkeiten groß: Geschichte, Sprache, Kultur, Flora und Fauna.

Zwei kommen aus dem Süden und drei aus dem Norden der asiatischen Halbinsel zwischen Gelbem und Japanischem Meer. Und es ist eine eher konspirative und sachte Annäherung, ohne Statements oder Pressekonferenzen.

Kunst ist Kunst. Alles andere ist alles Andere. So haben Galeristin Mihyun Son aus Seoul, die nach Deutschland kam, um Kunstgeschichte zu studieren, als hier die Wiedervereinigung gefeiert wurde, und ihr deutscher Mitstreiter Max Kofler es mit den fünf für die Schau eingeladenen Malern beschlossen.

Ohnehin leben die drei Südkoreaner nicht mehr daheim: der Abstrakte Sun Cheol Kwun, geboren 1944, lebt in Paris, Junggeun Oh und Kwang Lee in Berlin. Ihre Bildsprache hat sich deutlich der westlichen Moderne geöffnet, der Stil ist nahezu informell, der Farbfeldmalerei der deutschen und französischen Nachkriegsavantgarde wahlverwandt oder aber streng tektonisch und in einer sehr stimmungsvollen Art fast surreal, wie Junggeun Ohs „Zwischenräume Berlin“-Szenen es zeigen. In ihnen treffen das Zeitalter des hiesigen Klassizismus und die futuristische Moderne zusammentreffen. Und an den Schnittpunkten der Rot-Schwarz-Kontraste werden die Motive zur Parabel dafür, dass auch dieses Berlin 40 Jahre lang eine durch Mauer und waffenstarrende Soldaten zertrennte Front-Stadt gewesen ist.

Ihre jungen, realistisch malenden Kollegen aus dem Norden, Kwang Chol Sim, und Hyon Chol Pak, durften einige Wochen ausreisen für den Arbeitsbesuch in Berlin. Damit erging es ihnen weit besser als derzeit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei, der vom Pekinger Regime bislang nicht mal für seine Berliner Schau den Pass bekam.

Was fällt auf in dieser feinen kleinen Dialog-Ausstellung, außer dem erstaunlich häufigen Künstlernamen Chol, der keineswegs für Verwandtschaften steht. Er ist in Korea trotz Grenze, Todesstreifen, Mauer so etwas Verbindendes, wie in Deutschland etwa Hans oder Bernd.

Kwang Chol Sim hat sich, das ist wohl kaum zu übersehen, mit Ikonen der modernen Malerei-Geschichte des Westens befasst, denn er zitiert in seinem Gemälde „Sabine – descending a staircase“ deutlich erstens Duchamps stil-revolutionären „Akt, die Treppe herabsteigend“ von 1912, die Sensation der New Yorker Amory-Show 1913, sowie die verschwommen gemalte Paraphrase des Motivs „Emma“, mit der der Deutsche Gerhard Richter 1966 den Kunstbetrieb aufmischte. Mit offensichtlich Herzblut wie diebischem Spaß malte der Nordkoreaner nun, mit Hilfe eines Fotos, die dritte Ehefrau des weltweit höchstbezahlten Malers: Richters Gattin Sabine, eine Treppe herabsteigend. Und Landsmann PAK setzt das stilistische Irritations-Spiel genussvoll fort: „Sommer am Oga Berg“ scheint zwar, samt Wasserfall, traditionell koreanisch. Aber wer genau guckt, sieht auch die Flora des deutschen Waldes. Eine Symbiose.

Galerie Son, Mauerstr. 80. Bis 21. Juni, Di–Sa 11–18 Uhr, Tel.: 53 79 97 03.