Kunst durch Bücher: Pergament für den Riesenkalmar

Berlin - Man merkt der Werkstatt von Veronika Schäpers an, dass sie lange in Japan gelebt hat. In dem großen hellen Raum in einem Weddinger Gewerbe-Hinterhof liegt nichts herum. Ihr Arbeitsmaterial lagert in hohen Regalen an der Wand, dort stehen Aufbewahrungsboxen in Reih und Glied. Die beiden Arbeitstische sind leer, nur ein Laptop und ein Smartphone liegen darauf. Und ein kleines Stück Papier.

15 Jahre in Japan

Für Veronika Schäpers ist das hauchdünne, pergamentartige Stückchen der Rohstoff ihrer Kunst. Die 43-Jährige macht Bücher. Aber sie ist keine Schriftstellerin, obwohl sie den Inhalt ihrer Werke bestimmt. Sie ist keine Druckerin, obwohl sie jedes Buch von eigener Hand herstellt. Sie selbst bezeichnet sich als „Künstlerin, die Bücher macht.“

Wenn Veronika Schäpers über ihre Bücher spricht, verwundert es einen, dass man sich selbst bisher immer nur über deren Inhalt Gedanken machte, aber nie über ihre Form. In Japan ist das anders. Und daher war es vermutlich zwangsläufig, dass die deutsche Künstlerin nach ihrer Lehre zur Buchbinderin und dem Studium der Malerei und Buchgestaltung 15 Jahre in Japan gearbeitet hat.

Sie nimmt eine Acrylbox aus dem Regal und stellt sie auf den Tisch. Darin liegt das erste eigene Buch, das Veronika Schäpers 2007 druckte. 46 Seiten auf dünnem Pergament, ihr erstes Kunst-Buch. Die Seiten knistern leise, als sie sie langsam umblättert. Sie sind nicht auf klassische Art gebunden, eher gefaltet und ineinandergelegt. Der Titel des Buches lautet „Durs Grünbein: 26˚57,3'N, 142˚ 16,8'E“. Die Zahlen bezeichnen einen Breiten- und Längengrad vor den japanischen Ogasawara-Inseln. Dort hat der japanische Meeresbiologe Tsunemi Kubodera im Jahr 2006 die weltweit ersten Videoaufnahmen eines Riesenkalmars gemacht. Sie leben eigentlich in der Tiefsee, zuvor hatte man höchstens mal ein totes Exemplar geborgen.

Eine Ahnung des Meeres

„Diese Geschichte hat mich sehr fasziniert“, sagt Veronika Schäpers. Sie suchte den Meeresbiologen auf, sah sich mit ihm die Aufnahmen an. Und bat den Schriftsteller Durs Grünbein, den sie in Tokio kennengelernt hatte, darüber zu schreiben. Es entstanden drei Gedichte. Die dünnen Seiten bedruckte sie mit Grün- und Grautönen.

„Die Farben und das durchscheinende Papier sollen eine Ahnung des Meeres zulassen“, so Schäpers. Illustriert sind die Seiten mit nautischen Karten. Das Buch ist so eine Mischung aus schriftstellerischer Fantasiewelt und wissenschaftlicher Genauigkeit geworden.

Kaum zu glauben, dass Veronika Schäpers die hauchdünnen Seiten auf der klobig wirkenden Maschine gedruckt hat, die etwa ein Drittel des Raumes in ihrem Atelier beansprucht. Die Druckvorlagen erstellt sie auf dem Computer, dann wird im sogenannten Hochdruckverfahren gedruckt. Ihre Werke sehen häufig nicht gerade aus wie man sich klassische Bücher vorstellt. „Funky Sabbath“ etwa, eines ihrer ersten Bücher, wurde auf Gummistreifen gedruckt.

Sie druckt maximal 40 Exemplaren

Der Text stammt von Marcel Beyer und ist ein Gedicht über die Hoffnungslosigkeit in der Stadt Kaliningrad, in der die Jugendlichen ohne Zukunftsperspektive am Lenin-Denkmal herumlungern und Klebstoff schnüffeln.

Öffnet man die Dose, in der die Gummirollen aufbewahrt werden, entströmt ein unangenehmer Geruch nach Gummi – der ein bisschen an den Klebstoff erinnern soll, den die russischen Jugendlichen als Ersatzdroge schnüffeln. „Der sinnliche Reiz ist mir bei meinen Werken immer sehr wichtig“, sagt die Künstlerin, „auch wenn er eher unangenehme Assoziationen weckt, wie etwa der Geruch nach Gummi.“

Eines oder zwei ihrer Bücher, die sie in Auflagen von 15 bis maximal 40 Exemplaren druckt, behält sie selbst. Die anderen gehen meist an Sammler. Sie verkauft vor allem an öffentliche Bibliotheken, besonders in den USA. Auch wenn sie mit ihren Werken in vielen dieser Sammlungen vertreten ist, kann sie von ihrer Kunst eher schlecht leben. „Ich mache gerade meine Steuererklärung“, sagt sie und lacht ein bisschen. „Unter dem Strich bleibt wenig übrig.“