Am frühen Nachmittag fliegen an der Werkbank die ersten Funken. Davor hatten sich die jungen Teilnehmer des Workshops in der Alten Börse Marzahn und die Künstler Kerta von Kubin und Claudio Greco ein bisschen kennengelernt. Nun dürfen die Jugendlichen ans Schweißgerät. Den eigenen Namen auf eine Metallplatte schweißen – so lautet die erste Aufgabe.

„Zu Beginn ist es schwer, die richtige Geschwindigkeit zu finden“, sagt Mike. „Wenn man den Schweißdraht zu schnell bewegt, bekommt man nur Punkte statt einer Linie.“ Der 18-Jährige trägt Handschuhe, Lederprotektoren für die Beine und eine Gesichtsmaske zum Schutz gegen den grellen Lichtbogen. Kerta von Kubin steht dicht neben ihm und passt auf, dass er nicht abrutscht. Die junge Künstlerin hat viel vor mit Mike und den fünf anderen Marzahner Jugendlichen.

„Youth meets Metal“ (Jugend trifft Metall) heißt der mehrmonatige Workshop, den sie und Claudio Greco organisieren. Am Ende soll es ein großes Kunstwerk geben, gemeinsam erdacht und erschaffen, massiv und wetterfest. Eine Stahlskulptur, wie man sie aus dem Künstlerhaus Tacheles in Mitte kannte.

Von dort kommen Kerta von Kubin, 24 Jahre alt, und der 33-jährige Claudio Greco her. Die Skulpturen-Künstler zählten zu den letzten, die im Tacheles ausharrten, bis es im Juni 2013 endgültig geräumt wurde. Kurz danach zogen sie mit anderen Künstlern in die Alte Börse an der Beilsteiner Straße in Marzahn, einem früheren Magerviehhof, der vergangenes Jahr als Kunst- und Kulturzentrum zu neuem Leben erwacht ist.

„Dieser Ort ist wunderbar“

Kerta von Kubin, Französin, ein Master in Philosophie in der Tasche, und Claudio Greco, Italiener, gelernter Schmied, gründeten dort die Kunstwerkstatt Marzahn. Die beiden haben kein Problem mit ihrer neuen Heimat tief im Osten der Stadt. „Dieser Ort ist wunderbar“, sagt Kerta von Kubin. Als Künstler hätten sie viele Freiheiten.

Wenn die beiden von Jugendlichen umringt werden, ist es genau das, was sie suchen. Sie wollen sich verwurzeln in Marzahn. „Ich bin selbst in einer Gegend groß geworden, in der es kaum kulturelle Angebote gab“, sagt Kerta von Kubin. Für die jungen Leute etwas zu tun, liege ihr sehr am Herzen. Die Jungen und Mädchen, 14 bis 18 Jahre alt, kennen sich aus dem Marzahner Jugendzentrum „Betonia“. Voraussetzungen für den Workshop gab es nicht. „Nur Interesse sollten sie mitbringen“, sagt Kerta von Kubin. Mit der Leiterin des „Betonia“, Jennifer Hübner, plante sie den Workshop und warb Fördergelder beim Bezirk ein.

„Es gibt kaum Kulturorte in Marzahn, die so etwas anbieten“, sagt Hübner, die auch für die SPD in der Bezirksverordnetenversammlung sitzt. Sie freut sich, dass die früheren Tacheles-Künstler jetzt in Marzahn sind. „Das ist ein Mehrwert für den Bezirk.“

„Man kann aus Eisen alles machen“

Welche Art Kunstwerk sie zusammenschweißen wollen, weiß die Gruppe noch nicht. Inspiration gibt es aber genug in dem kleinen Skulpturen-Feld, das die Künstler dort aufgebaut haben. Da sitzt der stählerne, nachdenkliche Narziss, Kerta von Kubins jüngste Schöpfung. Neben ihm steht eine drei Meter hohe, rostige Figur, halb Baum, halb Flammengebilde, und ein Ensemble riesiger Buchstaben, die das Wort „Tacheles“ ergeben. In der Werkstatt ruht ein großer, stählerner Globus, dessen Erdoberfläche einmal mit 1- und 2-Cent-Stücken bedeckt sein soll – Sinnbild für die Käuflichkeit der Welt.

„Man kann aus Eisen alles machen“, sagt Claudio Greco und zeigt auf die Innenwände der Werkstatt. Dort hängen kleine Bilder, die aus farbig bemalten Eisenresten zusammengeschweißt sind.

Ihr Kunstwerk wollen die Jugendlichen später an einem öffentlichen Ort in Marzahn aufstellen. „Dort, wo viele Menschen vorbeilaufen“, sagt Mike. Im Laufe des Sommers wird die Gruppe regelmäßig in der Alten Börse sein. „Vielleicht kommen wir auch mal mit Zelten zum Übernachten“, sagt Jennifer Hübner. Platz gibt es genug, zwischen Narziss und Erdkugel.