Am Anfang war Erstaunen. Darüber, dass ein Szenetreff von Linksalternativen in Friedrichshain den Namen der polnischen Stadt Zielona Gora trägt. „Ich habe lange gebraucht, um diesen Namen mit der Adresse zu verbinden“, sagt Hajo Toppius vom Künstlerkollektiv Kollegen Zweikommadrei. Der linke Laden befindet sich an der Grünberger Straße, und Grünberg ist der deutsche Name für das polnische Zielona Gora.

Aus dem Erstaunen ist ein Kunstprojekt mit Signalfarbe geworden, das kaum zu übersehen ist. Es heißt „93 Straßenschilder“ und hat viel mit deutsch-polnischer Geschichte zu tun. Hajo Toppius und seine Kollegen haben in Friedrichshain insgesamt 93 Masten von Straßenschildern mit pinkfarbenen Folien beklebt. Es sind alle Masten, die an neun Straßen stehen, die deutsche Namen von heute polnischen Städten tragen. Auf ebenfalls pinkfarbenen Holzplatten, die den Umriss der polnischen Landkarte haben, sind am Boden zudem die jeweiligen Städte markiert.

Zuzug aus den Ostgebieten

Friedrichshain hat eine lange deutsch-polnische Geschichte. Zwischen 1881 und 1912 kamen Hunderttausende Menschen aus den damaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs dorthin. Die Straßen wurden nach den Herkunftsorten der Einwanderer benannt. Viele, so hat die Historikerin Nancy Waldmann dokumentiert, siedelten sich im Viertel rund um den Schlesischen Bahnhof an, der heute Ostbahnhof heißt. Der Kiez wurde im Volksmund bald „Baltenviertel“ oder „Ostpreußenviertel“ genannt.

Nach der Unterzeichnung des Görlitzer Abkommens, das 1950 die Grenze zwischen der DDR und Polen manifestierte, wurden in Friedrichshain 39 Straßen und Plätze umbenannt. Priorität hatte dabei die Tilgung von Namen, die mit Militarismus und Weltkriegskult verbunden wurden. So wurde aus der Posener Straße die Wedekindstraße, die Breslauer Straße heißt seither Am Ostbahnhof und die Bromberger wurde zur Helsingforser Straße. Aus der Memelstraße, die mit dem „Lied der Deutschen“ assoziiert wurde, wurde die Marchlewskistraße.

Neun Straßen behielten ihre deutschen Namen. Warum, weiß niemand. Auf den pinkfarbenen Folien an den Straßenmasten sind Textfragmente zu lesen, auf Deutsch oder auf Polnisch. Es sind keine wissenschaftlichen Texte oder Belehrungen, sondern Alltagsgeschichten. Zum Beispiel, dass es in Zielona Gora zwei McDonald’s-Filialen gibt. Auf der Folie an der Proskauer Straße sind die Preise einer dortigen Pizzeria vermerkt und an der Grünberger Straße, dass diese wegen ihrer Länge über 21 Straßenschilder verfügt. An der kleinsten Straße, der Konitzer Straße, steht, dass die Kaschuben die größte Bevölkerungsgruppe in der Stadt, die heute Chojnice heißt, bilden.

Die Reaktionen auf das Kunstprojekt seien überwiegend positiv, sagt die Kulturwissenschaftlerin Luise Scholl. Sie und ihre Kollegen haben viele Gespräche mit heutigen Anwohnern geführt, die oft jung und selbst Zuwanderer aus aller Welt sind. „Die meisten Leute haben wie wir am Anfang gestaunt“, sagt Scholl. Es gab aber auch Angriffe. Folien wurden abgerissen, die polnischen Städtenamen auf den Bodenplatten schwarz besprüht oder mit NPD-Aufklebern überklebt. Die Künstler haben alles repariert, Reaktionen blieben bislang aus.

Deutsch-polnische Klischees

Das auch heute manchmal noch schwierige deutsch-polnische Verhältnis spielt auch in der begleitenden Ausstellung im Kulturhaus Alte Feuerwache ein Rolle. Dort sind alle 93 Straßenschilder aufgereiht, eine Straßenkarte zeigt zudem Lieblingsplätze der Künstler. Bewusst wird auch mit Klischees gespielt: Ein polnischer Künstler hat dafür symbolisch das Thema Auto gewählt – zu hören sind seine Interviews mit einem polnischen Autoschieber und mit einem ehemaligen polnischen Zwangsarbeiter bei VW.

Provokation gehört zur Kunstaktion. Manche Besucher, sagt Projektleiter Toppius, streiten darüber, ob es politisch korrekt ist, die alten deutschen Namen heute überhaupt noch zu benutzen. Ob das allerdings zu ernsthaften Debatten über eine Umbenennung der Straßennamen führt, darf bezweifelt werden. Es gebe bislang dafür keine Anzeichen, sagt Kulturstadträtin Jana Borkamp (Grüne). Trotzdem: Mit dem Thema Umbenennung befasst sich eine Veranstaltung am 3. September um 18 Uhr in der Alten Feuerwache.

Die Künstler sagen, um neue Namen gehe es ihnen nicht. Sie regen vielmehr an, dass an den Straßenschildern Zusatzinformationen angebracht werden, mit denen auf den Ursprung der Namen hingewiesen wird. Hajo Toppius: „Das wäre für alle ein Erkenntnisgewinn.“

Ausstellung: bis zum 20. September, Kulturhaus Alte Feuerwache, Marchlewskistraße 6, Di–Do 13–19 Uhr, Fr/Sa 14–20 Uhr, Eintritt frei.

Informationen unter:

www.kulturamt-friedrichshain-kreuzberg.de

http://93strassenschilder.de/