Berlin - Diskretion ist oberstes Gebot. Man kennt sich, doch man lernt sich nicht kennen. Wer kein Kunstkenner, Händler oder Galeriebesitzer ist, braucht gar nicht erst zu versuchen, mit einem der anderen etwa 150 gut gekleideten Menschen im Auktionsraum der Villa Grisebach ins Gespräch zu kommen. Freundliches Schweigen, dezentes Flüstern, keine Namen, bitte.

Über die Kunstwerke erfährt man zwar alles, jedes Details und die genaue Entstehungsgeschichte des Bildes, auch Schätzwerte und der aktuelle Marktpreis auf dem Kunstmarkt sind kein Geheimnis, doch die Besitzer, die vorherigen und die neuen, sie bleiben anonym. Wer will schon, dass jeder weiß, in wessen Wohnzimmer bald ein Millionen teures Gemälde hängt.

Festwoche mit 1.463 Werken

Das Berliner Auktionshaus Villa Grisebach wird 25 Jahre alt und anlässlich dieses Jubiläums haben die Kunsthändler des Hauses in der Fasanenstraße in Charlottenburg eine regelrechte Auktions-Festwoche bis zum 26. November organisiert: Sechs Versteigerungen in vier Tagen stehen auf dem Programm, 1 463 Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Grafiken und Fotografien werden angeboten. Die Werke deutscher Expressionisten sind dabei, Emil Noldes „Sonnenblumen im Abendlicht“, Schätzwert 1,5 Millionen Euro, Ernst Ludwig Kirchners „Die Violinistin“, 700.000 Euro wert. Auch zeitgenössische Kunst wird versteigert: Werke von Gerhard Richter, Sigmar Polke, Norbert Bisky, Günther Uecker. Der Gesamtwert beträgt 22,6 Millionen Euro.

Im grell erleuchteten Verkaufsraum der Villa Grisebach stehen die Kunstinteressierten am Mittwochnachmittag dicht gedrängt, alle Stühle sind besetzt. Knapp 100 Kunstwerke versteigert Auktionator Peter Graf zu Eltz im Laufe von 90 Minuten, es ist Kunst des 19. Jahrhunderts. Der Mann arbeitet routiniert, der Ablauf ist eingespielt.

Graf zu Eltz nennt das Einstiegsgebot, Mitarbeiter des Hauses tragen jedes Werk mit weißen Handschuhen zur Ansicht in den Saal. Dann sind die Bieter dran. Sie sitzen im Saal, blättern im Katalog, dort sind alle Werke aufgelistet, sie bieten per Telefon und per Internet mit, manche haben schriftliche Gebote abgegeben.

Es dauert manchmal nicht länger als eine Minute, da steht der neue Besitzer fest. Bild 138: Friedrich Nerly malte 1830 eine römische Landschaft mit den Resten einer Säulenhalle, eine Herde Ziegen lagert davor. 50.000 bis 70.000 Euro sei das Bild „Forum Romanum“ wert, schätzen Experten. Auktionator Graf zu Eltz beginnt bei 45.000 Euro. In Sekundenschnelle steigt der Preis: 115.000, 118.000, 120.000 Es geht weiter bis 140.000, 148.000, zwei Interessenten bleiben hartnäckig. Als der Auktionator zum dritten Mal die Summe von 172.000 Euro nennt, steht der neue Besitzer fest.

Manchmal gehts ein bisschen billiger

22 Prozent dieses Betrages, konkret 37.000 Euro muss er später an das Auktionshaus zahlen, macht insgesamt 209.840 Euro. Es geht aber auch billiger. Manche Werke unbekannter Maler, kleine Skizzen und unvollendete Bilder werden für wenige tausend Euro versteigert. In der Ergebnisliste steht später für diese Auktion eine Gesamtsumme von 1,77 Millionen Euro, der Schätzpreis lag bei 990.000 Euro. „Außerordentlich erfreut“ sei er, sagt Florian Illies, der neue Geschäftsführer des Auktionshauses.

Doch was machen die neuen Besitzer denn nun mit ihrem neuen Besitz? Kaufen sie teure Kunst als Geldanlage? Verleihen Sie die Bilder an Museen? Verstecken sie ihre Gemälde oder verkaufen sie diese weiter? „Die Kunden kaufen nicht für den Safe“, sagt Micaela Kapitzky vom Auktionshaus Villa Grisebach. Das Thema Geldanlage spiele zwar eine Rolle. „Aber die Interessenten haben eine Beziehung zur Kunst, sie wollen damit leben und sich mit ihr umgeben.“

Die meisten Besucher seien Privatkunden. Sie kämen aus allen Teilen der Welt, sagt Micaela Kapitzky. Es gibt Interessenten aus Kuwait, Ungarn, China den USA und der Schweiz. Manche bieten im Internet mit und am Telefon. „Das Interesse ist so groß wie nie zuvor.“