Kriminalkommissar René Allonge mit dem angeblichen Stillleben von Fernand Léger.
Foto: Andreas Förster

BerlinEs war der größte Kunstfälschungsskandal der deutschen Nachkriegszeit: Über Jahrzehnte hinweg hatte Wolfgang Beltracchi Bilder im Stil berühmter Meister gemalt und über Auktionshäuser für schätzungsweise 20 bis 40 Millionen Euro verkauft. Zu den prominentesten Opfern seiner Betrügermasche gehörten der US-Schauspieler Steve Martin sowie die Unternehmerfamilien Würth in Deutschland und Hilti in Liechtenstein.

René Allonge ist Kriminalhauptkommissar im Berliner Landeskriminalamt, 47 Jahre alt, im mecklenburgischen Malchin geboren. Seit 23 Jahren arbeitet er beim Landeskriminalamt Berlin, seit elf Jahren im Kunstdezernat, dessen Leiter er 2010 wurde. Beltracchi war Allonges erster großer Fall.

Es war fast auf den Tag genau vor zehn Jahren, im Juni 2010, als die Berliner Rechtsanwältin Friederike von Brühl im LKA erschien und Strafanzeige gegen unbekannt stellte. Es ging um ein Bild des Expressionisten Heinrich Campendonk: „Rotes Bild mit Pferden“, gemalt angeblich im Jahr 1914. Es sollte aus der Sammlung des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim stammen und war im November 2006 im Kölner Kunsthaus Lempertz für 2,4 Millionen Euro versteigert worden.

Speziallabore fanden verdächtige Farbpigmente

Die neue Besitzerin, eine ukrainische Geschäftsfrau mit Schweizer Wohnsitz, zweifelte jedoch daran, tatsächlich ein Original erworben zu haben. So lag dem Bild, als es von der Galerie Lempertz übergeben wurde, keine sonst übliche schriftliche Expertise eines Fachexperten zur Herkunft und Entstehungsgeschichte bei. Die materialtechnische Untersuchung des Gemäldes durch zwei Speziallabore erhärtete schließlich den Fälschungsverdacht: Das renommierte Doerner-Institut in München fand in dem Gemälde zwei Farbpigmente, die erst ab Mitte 1935 in den Handel gelangt waren, und ein Londoner Labor konnte nachweisen, dass diese Pigmente Teil eines anderen Bildes waren, das von der Leinwand abgeschliffen worden war, bevor der angebliche Campendonk darüber gemalt wurde. Das „Rote Bild mit Pferden“ konnte also frühestens 1935 entstanden sein.

Beltracchi sprach später von einer „kleinen Nachlässigkeit“, die ihm zum Verhängnis geworden sei. Er habe bei dem Campendonk-Bild nicht wie üblich die Farben selbst angemischt, sondern eine fertige Tube Zinkweiß benutzt, die Spuren des erst 1935 entwickelten Titanweiß enthielt.

Hauptkommissar Allonge sieht das anders. „Beltracchi sind bei seinen Fälschungen viele Fehler unterlaufen, nicht selten hat er regelrecht gepfuscht“, sagt er. Zum Beweis stellt er sechs Bilder auf den Tisch, Fälschungen, die sich im Archiv des LKA zur weiteren wissenschaftlichen Begutachtung befinden. „Kubistisches Stillleben“ gehört dazu, das angeblich von dem französischen Maler Fernand Léger stammt. Allonge dreht das Gemälde um und deutet auf das Etikett auf der Rückseite des Bildes. „Fernand Leger“, steht da und „Stilleben“.

„Soll Léger wirklich den Akzent in seinem Namen vergessen haben? Und warum schreibt ein französischer Maler das deutsche Wort ‚Stilleben‘ und nicht den französischen Begriff ‚nature morte‘?“, fragt der Kommissar.

Auf einem weiteren Etikett, das die angebliche Herkunft aus der Sammlung des Pariser Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler belegen sollte, hatte der Fälscher eine Nummer eingetragen, die im Kahnweiler-Archiv aber zu einem ganz anderen Gemälde gehörte. Und auch die angeblichen Flechtheim-Aufkleber seien stümperhaft gewesen, sagt Allonge.

Der Vorname des Künstlers war falsch geschrieben

Wieder stellt er ein Bild auf den Tisch und dreht es um. Das Etikett ist ein Holzschnitt, der Flechtheims Kopf im Dreiviertelprofil zeigt. „Das Porträt erinnert mit der extrem gebogenen Nase eher an eine antisemitische Karikatur aus dem NS-Blatt ‚Stürmer‘. Niemals hätte sich ein erfolgreicher Kunsthändler wie Flechtheim so auf seinen Sammlungsetiketten dargestellt.“ Allonge deutet auf eine handschriftliche Notiz auf dem Etikett: „Das soll der Künstler angeblich selbst geschrieben haben. Nur steht hier der falsche Vorname: Heinz und nicht, wie Campendonk eigentlich hieß, Heinrich.“ Ganz zu schweigen vom Sekundenkleber, mit dem das Etikett befestigt wurde. Die chemischen Bestandteile dafür wurden erst 1956 entwickelt.

Insgesamt habe man 23 von Beltracchis Fälschungen untersucht. Allonge sagt: „Die zum Teil gravierenden Fehler, die ihm unterlaufen sind, hätten den Kunsthändlern bei mehr Sorgfalt und Aufmerksamkeit auffallen müssen. Es wundert mich schon, dass seine Masche so lange so gut funktionieren konnte. Die Auktionshäuser, über die er seine Fälschungen vertrieb, tragen daher eine Mitverantwortung.“

Nach der Strafanzeige der Berliner Anwältin Friederike von Brühl im Juni 2010 nahmen die Ermittlungen des Berliner Kunstdezernats Fahrt auf. Schon vorher hatten die Ermittler – ohne zu ahnen, welchem großen Kunstskandal sie da auf die Spur gekommen waren – weitere Puzzlesteine in dem Betrugsfall zusammengetragen. Seit Herbst 2009 führten sie Ermittlungen zu drei weiteren angeblichen Campendonk-Bildern, die sich als Fälschung entpuppt hatten. Eins der Gemälde war ebenfalls im Kunsthaus Lempertz versteigert worden. Angeboten hatte sie ein promovierter Kunsthistoriker, der angab, sie stammten aus der gleichen Quelle in Südfrankreich wie Campendonks „Rotes Bild mit Pferden“.

Die Berliner Fahnder fanden heraus, dass es sich bei dieser französischen Quelle um zwei Schwestern handelte, eine davon war Helene Beltracchi, die Ehefrau von Wolfgang Beltracchi. Schon seit Jahren hatte sie einzigartige Werke der Klassischen Moderne in mehrere Auktionshäuser eingeliefert, darunter auch bei Christie’s in London. Allein von Lempertz in Köln seien sechs Gemälde zwischen 1996 und 2006 versteigert worden. Der Erlös für die Schwestern betrug knapp drei Millionen Euro.

Als Herkunft der Bilder hatten die beiden Frauen die Sammlung ihres verstorbenen Großvaters Werner Jägers angegeben. Der angebliche Kunstliebhaber habe die Bilder in den 1920er- und 1930er-Jahren bei dem jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim erworben, was die von den Künstlern selbst beschrifteten Aufkleber mit dem Konterfei Flechtheims auf der Rückseite der Gemälde belegen würden, erzählten sie. Dass der angebliche Sammler Jägers erst zehn Jahre alt war, als er damit begonnen haben soll, bei Flechtheim einzukaufen, stieß den Experten im renommierten Kunsthaus Lempertz ebenso wenig auf wie das markante Label auf den Bilderrückseiten, die sich von den bekannten Flechtheim-Aufklebern erheblich unterschieden.

Millionenschwere Villengrundstücke

Nachdem die Ermittler noch weitere Indizien zusammengetragen hatten, schlug die Polizei zu. Am 27. August 2010 wurden die Beltracchis festgenommen. Die Beamten stellten in deren Besitz millionenschwere Villengrundstücke in Freiburg und im südfranzösischen Mèze sowie Dutzende Konten in der Schweiz, Andorra und Panama sicher, wo das Betrügerpaar auch eine Briefkastenfirma führte. Ob jedoch alles Geld gefunden wurde, das die Beltracchis mit den Fälschungen verdient haben, bleibt ungeklärt. Wolfgang Beltracchi gab nach seiner Festnahme an, hohe Summe in Aktiengeschäften verloren zu haben.

Wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs wurden im Oktober 2011 Wolfgang Beltracchi zu sechs Jahren und seine Frau zu vier Jahren Haft verurteilt. Weil sie bereits 14 Monate in Untersuchungshaft verbracht hatten, wurde ihnen offener Vollzug gewährt. Angeklagt waren in dem Prozess nur 14 Einzelfälle, weil die überwiegende Zahl der in den Handel gebrachten Fälschungen bereits verjährt war. Deshalb gelang es dem Gericht auch nicht, das ganze Ausmaß der Betrügereien aufzuklären.

Das LKA hat insgesamt 100 Gemälde identifiziert, die mit großer Wahrscheinlichkeit von Beltracchi gefälscht wurden. Die Dunkelziffer der noch unentdeckten Fälschungen schätzt Kommissar Allonge mindestens noch einmal so hoch ein. Beltracchi selbst avancierte nach seiner Haftentlassung zum Medienstar, bei 3sat bekam er sogar eine eigene Show: „Der Meisterfälscher“. Allonge hat die neue Karriere Bertracchis mit Unverständnis verfolgt. Er sagt: „Ich habe nie verstanden, wie ein gebührenfinanzierter deutscher Fernsehsender einem solchen Betrüger auch noch eine Bühne bieten konnte.“

2014 sagte Betracchi in einer Talkshow, dass er über einen Zeitraum von 40 Jahren etwa 300 Bilder gefälscht habe. Einige davon könne man noch heute in renommierten Museen anschauen.

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