Kunst wird immer dann besonders interessant, wenn sie Dinge zusammenbringt, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. So sitzt etwa der Künstler Mario Asef an einem Frühlingsmorgen im Verkaufsraum der Schokoladenmanufaktur Edelmond in Luckau. Er schaut erwartungsvoll auf die Konditorin, die eine Zeichnung mit seinem Entwurf für sein Kunstwerk in der Hand hält: Ein dreidimensionaler Schnitt durch die Gesteinsschichten unter der Lausitz. Kunst, die gebacken werden soll.

Konditorin Kristin Kuntze tippt mit dem Finger auf die Schicht ganz unten, auf die Braunkohle, und fragt „Das hier, das soll aus Schokolade sein, ja?“ Der Künstler nickt. Ein Stück Spreewaldboden auf dem Kuchenteller, das ist seine Idee. Gesteinsschichten aus hellem und dunklem Teig, vielleicht garniert mit ein paar Krokantbrocken. Und etwas Rotes, das sie durchzieht. „Vielleicht Himbeermarmelade?“, fragt Asef. Die Konditorin schaut skeptisch. Der Spreewald und die Kunst – das ist seit 2005 die Aquamediale, ein Festival, das gerade begonnen hat und zum elften Mal stattfindet. Zehn Künstler aus aller Welt gestalteten Arbeiten, die sich an vielen Orten rings um die Stadt Lübben in die Natur einfügen, sich mit ihr auseinandersetzen, sie in Skulpturen, Objekten und Installation aufgreifen, mit ihr spielen, sie kontrastieren. Einer von ihnen ist Mario Asef, ein Argentinier, dessen Kuchen die Besucher der Aquamediale kosten können.

Kein gefälliges Programm

Es werden wohl wieder mehr als 100 000 Besucher sein, die sich die Kunstwerke bis zum 19. September anschauen werden. Das Festival ist Teil des brandenburgischen Kultursommers, der Veranstalter ist der Landkreis Dahme-Spreewald, durchgeführt wird es in Zusammenarbeit mit dem Lübbener Stadtmarketing. Doch gefällig ist das Programm deshalb in diesem Jahr keineswegs. Das liegt auch an Künstlern wie Mario Asef mit seinem Bodenschichtenkuchen – ein Kunstwerk, bei dem es auch um das Thema Umweltverschmutzung gehen soll. Denn die Himbeermarmelade, die der Künstler von der Konditorin im Kuchen haben will, soll nichts anderes darstellen als Eisenoxid. Jenes Überbleibsel aus der Braunkohlegewinnung, das seit einigen Jahren das Wasser im Spreewald rostrot verfärbt. Ein heikleres Thema gibt es derzeit kaum im Spreewaldidyll. Und es ist nichts, worüber die Menschen gerne reden. Denn niemand weiß genau, wie das Eisenoxid nun aus dem Wasser entfernt werden soll, bevor es weiter in den Spreewald eindringt und die Natur zerstört.

Camus und der Spreewald

Dass die Kunst in diesem Jahr aneckt, liegt auch an der Kuratorin des Festivals, Petra Schröck. Sie leitet in Berlin die Galerie der Brotfabrik. Sie hat keine Angst vor Konzepten, die zunächst sperrig anmuten. Sie sagt: „Für mich ist es immer reizvoll, wenn Verbindungen geschaffen werden, die nicht auf den ersten Blick zwingend sind.“ Zwischen dem französischen Literaturnobelpreisträger Albert Camus und dem Spreewald zum Beispiel.

Es ist nicht überliefert, ob Camus jemals durch den Spreewald geschippert ist. Aber es gibt einen Eintrag aus seinem Tagebuch aus dem Jahr 1954, der Petra Schröck beeindruckt hat. Camus hat darin Begriffe festgehalten, die sein Leben ausmachen: die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer. Ein Leben in Schlagworten. Diese Idee nun hat Petra Schröck für das Konzept der Aquamediale aufgegriffen: Der Spreewald in Worten, aus denen dann Kunst wird. Eine Metamorphose. Die zehn internationalen Künstler, die in diesem Jahr an der Aquamediale teilnehmen, suchten sich also Begriffe aus, die den Spreewald ausmachen und nahmen sie als Inspiration für ihre Arbeiten: das Binnendelta, die Schleuse, der Übergang, die Fährleute, die Sorben, die Spreewaldgurke, der Hochwald, die Kanäle, die Stille, das Biosphärenreservat. Der Konsum.

Für diesen Begriff entschied sich Mario Asef. Sein Kunst-Kuchen verdeutlicht recht anschaulich, was Petra Schröck meint, wenn sie sagt: „Die Begriffe waren nur der Anfang, die Initialzündung.“ Der Spreewald und der Konsum: Asef dachte an die Landschaft, an die Braunkohle, die die Menschen hier seit 150 Jahren aus dem Boden holen und verheizen. Die Tagebaue senken das Grundwasser, und wenn sie eingestellt werden, so wie vielerorts nach dem Ende der DDR, steigt das Wasser wieder und spült Eisenoxid aus dem Boden in die Fließe des Spreewalds, färbt das Wasser rot, vergiftet Fische und Pflanzen.

Und Asef dachte an eine weitere Form des Konsums: den der Touristen, die die Landschaft genießen wollen und nicht mit der Umweltzerstörung behelligt werden wollen. Konsum im Spreewald, das ist auch Essen: Grützwurst. Kartoffeln mit Quark und Leinöl. Gurken. Und eben Kuchen.

Auf die Marmelade kommt es an

Auf die Himbeermarmelade, sagt Mario Asef also zur Konditorin, auf die kommt es an. Sie soll dem Kuchenesser den Gaumen kitzeln, ihn aufmerken lassen. Das Eisenoxid als Himbeermarmelade. Solch ein Kuchen ist genau nach seinem Geschmack: Es geht um ein Thema, das ihm ernst ist, aber was er daraus macht, ist ironisch, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne die Schwere, die mit solch einem Thema ohnehin daherkommt: Umweltverschmutzung. Und am Ende hat man viel begriffen.

Mario Asef ist vor rund fünfzehn Jahren aus Argentinien nach Berlin gekommen. Seine Arbeiten, hauptsächlich Klang- und Videoinstallationen, wurden in Metropolen wie Wien, Paris, Hamburg, Malmö, Seoul ausgestellt. „Ich will etwas schaffen, womit die Leute etwas anfangen können“, sagt Mario Asef nun, als er vor der Konditorin sitzt. Einen Kuchen also, den die Festivalbesucher essen können, konsumieren. Asef hat in seiner Studentenzeit in einem Berliner Café Kuchen gebacken. Eines seiner frühen Werke ist eine Plattenbauwohnung aus Brownies. Asef mag es, Dinge zu manipulieren.

Zu seiner Arbeit gehört außerdem ein zweiter Teil. Dafür hat der Künstler eigens mit einer Betonfirma aus der Region daran gearbeitet, etwas Sinnvolles aus dem Eisenoxid herzustellen. Eine Metamorphose, doch viel Spielraum gibt es nicht, denn das feine Pulver ist alles andere als rein, ganz unterschiedlich zusammengesetzt, je nachdem, aus welchem Kanal es gefischt wurde; es ist spröde; es färbt stark. „Aber selbst wenn man es rein dekorativ verwendet, wäre das schon etwas“, sagt Asef. Als Färbemittel von Beton zum Beispiel. Das Ergebnis wird dann auf dem Festival Aquamediale zu sehen sein. Die Sache mit der Himbeermarmelade hat dann doch nicht so funktioniert wie gewünscht. Die Marmelade verschwand einfach in den Teigschichten. Aber die Konditorin hat eine Idee – Marzipan, rosa eingefärbt. Das hat geklappt.