Ein feiner Geruch nach frischer Erde liegt in der Luft. Hinter der Tür zu den Werkstätten der Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) in Charlottenburg bewegen Rührstäbe in großen Trommeln eine zäh-geschmeidige Masse aus Quarz, Feldspat und Kaolin. Dieser Brei wird in die hunderten Gipsformen gefüllt, die dicht an dicht auf Regalwagen gestapelt sind.

Im nächsten Raum stehen Tassen, von den Formen befreit und aufgereiht . Noch ist ihre Oberfläche matt und grau. Bis daraus die schimmernd-weißen, hauchdünnen Porzellanstücke entstehen, die das kobaltblaue Zepter und die drei Buchstaben KPM tragen, ist es noch ein langer Weg: Sie werden getaucht, geputzt, geglättet, entgratet, glasiert – und zuletzt bei einer Temperatur von über 1400 Grad gebrannt.

25 Mitarbeiter für eine einfache Tasse

Die Porzellanmasse – das Arkanum– wird in der KPM nach einem geheimen Rezept wie zu Zeiten der Gründung der Manufaktur vor fast 250 Jahren gemischt. Es gibt zwar mittlerweile einige moderne Maschinen, aber noch immer ist jedes KPM-Teil das Ergebnis von viel Handarbeit: An der Fertigung einer einfachen Tasse sind 25 Mitarbeiter beteiligt, Gießer, Former, Glasierer, Brenner, Kontrolleure. Rund 14 Arbeitstage dauert es, bis solch ein einfaches Stück das Werk verlässt. Die Herstellung einer komplizierten Skulptur, etwa eines Pferdes, eines Adlers oder der aus 88 Einzelteilen bestehende Prinzessinnengruppe des Bildhauers Johann Gottfried Schadow kann Wochen, wenn nicht Monate dauern.

Die KPM ist die älteste noch produzierende Manufaktur Berlins. Im Jahr 1763 hatte Friedrich der Große die Porzellanmanufaktur von einem bankrotten Berliner Fabrikanten übernommen, ihr den Namen und das bis heute verwendete Markenzeichen gegeben. Erst residierte das Unternehmen in der Leipziger Straße, Ende des 19. Jahrhunderts zog die KPM nach Charlottenburg um.

Im renovierten Backsteinziegelbau in der Wegelystrasse sind heute auf zwei Etagen die Verkaufsgalerie und das Museum untergebracht. Dort befindet sich auch noch immer die Malerei. Schlämmerei, Gießerei, Formerei und die Modellwerkstatt sind in die modernen Anbauten eingezogen. Dort gibt es auch ein hauseigenes Café mit – natürlich – hausgemachtem Porzellan.

Design mit Geschichte

Theresa Haala hat Betriebswirtschaft studiert, ein Praktikum bei KPM absolviert und ist der Manufaktur treu geblieben. Sie arbeitet im Marketing. „KPM-Porzellan ist durch mehrmaliges Brennen sehr hart“, erklärt sie. „Es ist leicht, durchscheinend, ästhetisch vollkommen. Kaffee schmeckt ganz anders, wenn man ihn aus solchen Tassen trinkt.“

An diesem Tag werden nicht nur Tassen produziert: In der Formerei bringt Peggy Winterfeld gerade je zwei Henkel an handtellergroßen Schalen an. Die junge Frau säubert die Ränder mit einem Schwämmchen, begutachtet ihr Werk mehrmals, und stellt die Schalen dann auf eine Palette. Hunderte dieser Schalen müssen noch vollendet werden.

In der Formerei sitzt Kay-Uwe Gruhn auf einem Hocker vor einem Rondell, auf dem elegante Vasen stehen. Der Entwurf für diese Vasen stammt aus den 1950-er Jahren. Gruhn prüft Faltensitz und den ebenmäßigen Verlauf, reibt Unebenheiten weg, nimmt den Böden mit einem kleinem Messer die scharfen Kanten und wendet sich dem nächsten Exemplar zu.

Kunden aus aller Welt

Das ganze Ausmaß der Arbeit und Meisterschaft wird vor allem in der Malerwerkstatt augenfällig. Kein Laut ist dort zu hören, Grünpflanzen schirmen die Arbeitsplätze ab. Auf den Tischen stehen Farbpaletten und Glasdöschen, liegen Vorlagen und haarfeine Pinsel. Susanne Bauch-Markowski setzt mit sicherer Hand Farbtupfer auf eine dickbauchige Bodenvase . Es ist eine Sonderanfertigung für einen Kunden aus Taiwan.

Die Porzellanmalerin arbeitet schon seit fast drei Jahrzehnten in der KPM und bildet den Nachwuchs aus. Gegenwärtig sind es allein in der Malerei sechs junge Leute, die hier ihre Ausbildung absolvieren und die – wenn sie wollen – von der Manufaktur übernommen werden. Man stellt sich in der KPM auf die Zukunft ein.

Dabei grenzt es an ein Wunder, dass es diese Manufaktur überhaupt noch gibt. Seit ihrer Gründung 1763 hat das Unternehmen diverse Kriege und Krisen, sogar Brände überstanden. Mehrfach stand sie vor dem finanziellen Aus, denn auch die Moden und der Geschmack änderten sich: In den vergangenen Jahrzehnten ist die Nachfrage nach großen Speise- und Kaffeeservices aus Porzellan eingebrochen. Kaffeekannen und Suppenterrinen sind von festlichen Tafeln verschwunden, Handgemachtes wurde von industriell produzierten Tellern, Tassen, Schüsseln verdrängt: Diese sind vielleicht weniger schön, dafür aber billig.

Jedes Teil aber, dass die KPM verlässt, ist praktisch ein Unikat – und daher teuer. Schon zu Zeiten des Alten Fritz war die KPM ein Verlustgeschäft. „Seyne Königliche Majestät“, so stellte er bei der Durchsicht der Bücher um 1770 betrübt fest, „ist noch immer der stärkste Abnehmer der Manufaktur“. Nach hohen Verlusten wurde die Manufaktur nach einer Fast-Insolvenz im Jahre 2006 schließlich vom Berliner Bankier Jörg Woltmann übernommen.

Beliebtes Gastgeschenk

Zu den Kunden gehören noch immer Königshäuser, KPM-Porzellan wird als Gastgeschenk gern hohen Besuchern von Senat und Regierung überreicht, in Asien, den Emiraten und Russland wurden neue Märkte erschlossen. Doch zu den inzwischen etwas rosigeren Bilanzen der Manufaktur trägt vor allem bei, dass Manufakturwaren wieder in Mode gekommen sind und damit auch gutes Porzellan. „Die Leute kochen und essen gern wieder gemeinsam, erklärt Theresa Haala. „Dabei legen sie nicht nur Wert auf die Qualität der Lebensmittel, sondern auch auf die Qualöitätder Küchengeräte und des Geschirrs.“ Zudem wolle die Manufaktur verstärkt junge Kunden gewinnen. Dafür werde, sagt sie, „der Staub von der Produktionspalette geblasen.“

In der Halle mit den Brennöfen warten hunderte längliche Schalen auf einen Glasurbrand. Das Design wurde im Haus entwickelt und verbindet die traditionelle Kurland-Bordüre – entwickelt 1790 – mit dem gewellten Rand einer typischen Pappschale. Das Produkt ist inzwischen ein Verkaufsschlager.

Zu den Neuheiten gehört auch ein patentierter, doppelwandiger Thermokaffeefilter, der bereits Designpreise bekommen hat. Der Hohlraum des Filters sorgt bei der Kaffeeherstellung für die stets gleiche, optimale Temperatur.

Bei der „LAB-Serie“ wiederum hat das Labor-Porzellan Pate stand, das KPM früher produzierte: es gibt „schiefe“ Kolben für Essig und Öl, flache Schalen, konische Becher. Mit einer Müsli-Schüssel und einem Latte-Macchiato-Becher im traditionellen Kurland-Design soll der modernen Frühstücksmode Referenz erwiesen werden.

Ein tadelloser Ruf

Es gibt auch Grenzen der Anpassung an den Zeitgeschmack. Noch immer sind es nur Teller, Vasen, Dosen, Schalen, die das blaue Siegel der KPM tragen – keine Heimtextilien, kein Schmuck, keine Krawatten oder Schals. „Wir machen Porzellan. Punkt“, sagt KPM-Mitarbeiterin Theresa Haala. „Das ist unsere höchste Kompetenz, das begründet unseren Ruf.“

Dass dieser Ruf unbeschadet bleibt, dafür sorgen zehn Qualitätskontrollen auf dem Weg eines jeden KPM-Teils vom Herstellen der Masse bis zur Auslieferung. In einem kleinen Raum am Ende des Rundgangs sitzen vier Frauen vor kleinen Tischen, daneben die Paletten mit dem fertigen Porzellan. Sie nehmen noch einmal jedes Stück – jede Tasse, Schale, Schüssel oder Skulptur – in die Hand. Langsam lassen sie ihre Finger über die Ränder gleiten, prüfend begutachten sie Form und Glasur. Nur völlig makellos darf ein KPM-Produkt hinaus in die Welt.