Berlin - In der düsteren Tordurchfahrt des Kunsthaus Tacheles steht eine weiße, fast drei Meter hohe Mauer. Sie versperrt den Blick und den Weg auf die dahinter liegenden Grundstücke. 25000 Quadratmeter nahezu unbebaute Fläche. Mitten in Mitte. Bis zu 3000 Euro werden derzeit für den Quadratmeter Bauland in dieser Lage bezahlt.

Wer hinter die Mauer schauen wollte, konnte bis vor Kurzem die Stiegen zu einer Plattform hinaufsteigen. Ähnliche Konstruktionen gab es schon früher in Berlin. Die waren etwas höher und standen an der Westseite jener Sperranlage, die die Stadt teilte. Meist waren es Touristen, die den Aussichtspunkt erklommen.

Im Tacheles waren es auch fast nur Touristen, die auf das Podest stiegen und staunten. Von oben konnten sie auf eine ungewöhnliche Brache blicken. Kreuz und quer über das mit Büschen und Unkraut überwucherte Gelände verlaufen neue grüne und schwarze Zäune.

Die hat der Zwangsverwalter der Immobilie, eine renommierte Hamburger Kanzlei, dort aufgestellt. Hinter den Zäunen werkeln Künstler an Metallskulpturen. Es sieht aus wie ein Freiluftgefängnis. Das Kunsthaus selbst ist für Besucher seit drei Wochen gesperrt.

Anders als 1989 wurde am Tacheles nicht etwa die Mauer eingerissen, sondern das Podest davor. Am Montag im Morgengrauen rückte ein Kommando an, um den Ausguck zu zerstören.

Vor den Trümmern aus Holz und Metall steht ein stark gestikulierender Fremdenführer. Er ist umringt von jungen Engländerinnen, die ihm gebannt zuhören. Er erzählt von den „young artists“, die nach dem Fall der Berliner Mauer die Halbruine an der Oranienburger Straße am 13. Februar 1990 besetzten, die Reste des fast hundert Jahre zuvor erbauten Kaufhauses vor dem Abriss retteten und dort offene Ateliers einrichteten. „This was the energy of the new Berlin“, ruft der Mann begeistert. Das war die Energie des neuen Berlin.

Ein Raum für die Freiheit

Das neue Berlin von heute interessiert sich nicht mehr für diese marode Idylle. Vielleicht ist es zu schmutzig dort, nicht schick genug. Und es gibt zu viele Touristen. Nur die offiziellen Hauptstadt-Werber nennen das Kunsthaus in einem Satz mit der Staatsoper Unter den Linden und dem Deutschen Theater. Dass das Tacheles bald endgültig einem Investitionsprojekt weichen soll, regt in der Stadt kaum noch jemanden auf.

Für den 4. September hat der Gerichtsvollzieher die Räumung des Kunsthauses angeordnet. Das gesamte Areal soll noch in diesem Jahr von der HSH Nordbank zwangsversteigert werden. Und die Künstler stören bei der Verwertung.
Einer dieser young artists, der jungen Künstler von 1990, ist Hüseyin Arda. Er ist jetzt 43 Jahre alt. So lange wie Arda hat sonst niemand durchgehalten.

Vierzehn Räumungsversuche hat er schon miterlebt und in den vergangenen Jahren zunehmend Schikanen erfahren. Mit den rostigen, überlebensgroßen Skulpturen, die in der von einem guten Dutzend Künstlern als Kollektiv geführten Metallwerkstatt entstehen, war er an zahlreichen Projekten inner- und außerhalb Deutschlands beteiligt. In Istanbul ist der dunkelblonde, gebürtige Türke Gastdozent an der Technischen Universität. „Ich kann von der Kunst leben“, sagt er.

Arda nimmt die Schutzbrille ab und unterbricht seine Schweißarbeiten. Er setzt sich unter ein von Knöterichranken überwuchertes Wellblechdach. Auf einem wackeligen Tisch steht ein Laptop, das über ein geflicktes Kabel eine Lautsprecherbox mit sphärischen Klängen speist. Der Bildhauer sagt, dass der Nutzwert des Standortes erhalten bleiben müsse. Und das wäre? Ein demokratischer Raum für Kunst, Kultur und Öffentlichkeit, wie es ihn kein zweites Mal gebe. Er spricht von einem dynamischen Kunstprojekt mit ständig wechselnden Teilnehmern. Von der Freiheit jenseits des Marktes. „Die meisten verstehen das nicht.“

Eine mit Graffiti geschmückte Ruine

Seit einem Jahr ist das eingezäunte Gelände nur noch über einen Trampelpfad von der Johannisstraße aus zu erreichen. Trotzdem herrscht ständig Betrieb. Meist sind es junge Leute, die mal gucken kommen, was es da so los ist. „Das ist ein wundervoller Ort. Total frei“, sagt Joseph Comar aus Paris. Er hat im Reiseführer vom Tacheles gelesen und findet kaum Worte, seine Begeisterung auszudrücken. „Fantastic!“, ruft eine Besucherin, die durch die Metallwerkstatt streift. Gerne hätte sie sich auch die Ateliers in der mit Graffiti geschmückten Ruine gegenüber angeschaut. Aber sie durfte nicht hinein. Der Eingang ist zu.

Vor einem Monat hatte der Zwangsverwalter bedrohliche Mängel beim Brandschutz angezeigt. Darauf musste der Bezirk Mitte reagieren. Schließlich zieht das Tacheles nach wie vor täglich Tausende Besucher an, gilt als eine der meistbesuchten Kultureinrichtungen der Stadt.

So hat die HSH, die Landesbank von Hamburg und Schleswig-Holstein, kurz vor dem Räumungstermin noch einmal deutlich gemacht, dass ihr die Sache ernst ist. Seit vier Jahren verfügt die staatliche Bank über das Areal. Seither ringt sie mit den Tacheles-Aktivisten mit allen juristischen und auch manch anderen Mitteln um den Zugriff auf das Kunsthaus.

Als sich die Türen schlossen, war Martin Reiter gerade auf der Documenta in Kassel. Der 49-jährige Wiener ist seit Mitte der Neunzigerjahre im Tacheles dabei. Er ist ein hagerer Mann, dem sein gewelltes, leicht angegrautes Haar bis auf die Schultern fällt. „Die ganze Kunst hat sich erledigt“, sagt Reiter in breitem Wienerisch. „Surrealer können wir nicht mehr arbeiten.“ Er sitzt auf einem bunt beklebten Plastikstuhl auf dem Gehweg vor der schummrigen Galerie Welturlaub und zeigt auf die in allen Winkeln angebrachten Überwachungskameras.

Kahlköpfige Sicherheitsleute

Er berichtet von aggressiven, kahlköpfigen Sicherheitsleuten, die der Zwangsverwalter im Haus einquartiert hat. Von zerstörten Kunstwerken, gelegten Bränden, gekappten Strom- und Wasserleitungen. Von ergebnislosen Anzeigen bei der Polizei. Und von verrammelten Fluchttüren, die zufällig genau an jenem Tag wieder offenstanden, als er drei angemeldete Mitarbeiter der Bauaufsicht durch das Haus führte.

Nach der Besichtigung hat die Behörde die nach der Anzeige verfügte Totalsperrung zurückgenommen. Zumindest die Künstler dürfen weiter ins Haus. Das dürfen sie inzwischen sogar mit dem Segen des Verwaltungsgerichts. Einen gegen das moderate Vorgehen der Bauaufsicht gerichteten Eilantrag des Zwangsverwalters schmetterten die Richter ab. Die Bank lässt erklären, sie habe mit dem Geschehen vor Ort nichts zu tun. Der Zwangsverwalter will sich nicht äußern und verweist auf die Bank.

Der für den Bezirk Mitte zuständige Baustadtrat Carsten Spallek von der CDU beklagt, dass er seine Behörde instrumentalisiert sieht: „Ohne Nutzer ist das Grundstück in der Zwangsversteigerung natürlich mehr Wert als mit ihnen“, sagt er. Er bedauert das Ende des Tacheles. Berlin verliere mit ihm eine Attraktion. Ähnliche Sätze sagen Politiker aller Parteien. Trotzdem sind diverse Initiativen, eine Dauerlösung für das Kunsthaus zu finden, im Sande verlaufen. Das Gebäude steht zwar unter Denkmalschutz. Auch eine kulturelle Nutzung ist gesichert. Aber in seiner bisherigen Form ist das Tacheles längst abgeschrieben.

„Das war und ist ein sehr geschätzter Kulturstandort“, sagt Dietrich Wulfert, Sprecher der Kulturverwaltung, deren Chef der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ist. „Aber wir können da nicht eingreifen.“ Der einzige, der kürzlich noch einmal vorbeigeschaut und Unterstützung bekundet hat, ist Gregor Gysi von der Linken. Er stellt jetzt eine Anfrage an die Bundesregierung. In der geht es um all die Merkwürdigkeiten, die den Nährboden bilden für Verschwörungstheorien über fragwürdige Beziehungen zwischen staatlichen Institutionen und millionenschweren Investoren.

Auch um die Frage, warum der Verkauf nicht rückabgewickelt wird, wie es der Bund der Steuerzahler fordert. 1998 hatte der Pleitier Anno August Jagdfeld die Grundstücke zwischen Oranienburger-, Johannis- und Friedrichstraße vom Bund unter der Prämisse gekauft, dort bis 2005 Wohn- und Gewerbehöfe, Büros, Läden, Restaurants und ein Hotel für 400 Millionen Euro zu bauen. Daraus ist nichts geworden. Gysi erwartet nicht wirklich erhellende Auskünfte. Er will nur noch ein wenig stänkern.

Auch Harm Müller-Spreer hat er angeschrieben. Dem 50-jährigen Hamburger Investor gehört das 2009 fertiggestellte Bürohochhaus am Bahnhof Friedrichstraße und auch sonst ein beachtlicher Teil der neuen Mitte Berlins. Und er zählt zu den meist gehandelten Interessenten für das Jagdfeld-Areal.

Dass er Interesse daran hat, bestreitet er auch gar nicht. Die Konjunktur für solche Projekte sei wieder gut, sagt Müller-Spreer. Aber unter den jetzigen Umständen vor Ort komme für ihn eine Beteiligung an der Versteigerung nicht in Frage. „Nicht, so lange diese Idioten noch da sind.“ Richtig in Rage reden kann sich Harm Müller-Spreer über das Tacheles. Kirmes-Kommerz nennt er das, was dort geboten wird. Die Akteure seien keine Künstler, nur Bestandswahrer.

Die multiplizierte Idee

Etwa die Hälfte der Tacheles-Leute hat bereits im vergangenen Jahr das Gelände verlassen, als ein mit dem Zwangsverwalter verbandelter Anwalt hohe Abfindungen zahlte. Eine Million Euro haben etwa die Betreiber des Café Zapata bekommen. In den Verträgen heißt es, „der hinter dem Treuhänder stehende Auftraggeber hat ein Interesse daran, die Immobilie im geräumten Zustand zu erwerben bzw. zu ersteigern“. Wer das Geld gab, ist nicht bekannt.

Hüseyin Arda wurden von dem Anwalt 330.000 Euro geboten. Er fand das würdelos und lehnte ab. „Die wollen hier nur die Hülle erhalten. Die Idee soll raus.“ Selbst wenn er wütend ist, spricht der Bildhauer leise. Er hat jetzt ein Projekt gestartet, mit dem er die Tacheles-Idee multiplizieren will.

In einem Hostel mit 750 Zimmern am Warschauer Platz im Bezirk Friedrichshain kann man sich anschauen, was damit gemeint ist. Im grünen Innenhof stehen große Metall-Skulpturen und ein aus rostigen Platten zusammengefügter Kubus. Dieser dient als Werk- und Ausstellungsraum. Abends kommen manchmal junge Leute und beginnen mit den Künstlern zu malen.

Arda will sich demnächst auch um Flächen auf dem Tempelhofer Feld bewerben. Aber der Ausgangspunkt und das Ziel seiner künstlerischen Arbeit soll das Tacheles bleiben. „Wir sind das einzige erfolgreiche Projekt an diesem Ort“, sagt er. „Es wird weitergehen. Es ist immer weitergegangen.“ Hüseyin Arda spricht mit ruhiger, sicherer Stimme und macht den Eindruck, als ob er wirklich glaubt, was er sagt.