An den Motiven kann es wohl nicht gelegen haben, die sehen wirklich harmlos aus. Große und kleine Fische sind zu sehen, Krebse und ein paar Wasserpflanzen, an anderer Stelle zwei Wildschweine. Eigentlich nichts Aufregendes. Doch über diese naiv anmutenden Bilder, sie erinnern an Kinderzeichnungen, diskutieren die Studierenden, Dozenten und Professoren der Kunsthochschule Weißensee heftig, seit vor einer Woche das Wintersemester begonnen hat. Denn in der frisch renovierten Mensa sind Teile eines historischen Wandbildes aufgetaucht. Niemand hatte gedacht, dass es überhaupt noch existiert. „Das Bild galt als zerstört“, sagt die Rektorin der Kunsthochschule, Leonie Baumann.

Das bunte Tierleben, das nun teilweise wieder zu sehen ist, gehört zu einem bisher wenig erforschten Teil der Geschichte der Kunsthochschule. Angefertigt hat es der Berliner Maler Bert Heller (1912–1970) in den 50er- Jahren, als er dort zwei Jahre lang Rektor war. Doch warum sein Wandbild verschwand und warum Heller nur so kurze Zeit Rektor war, all das ist nicht bekannt. Plötzlich gibt es viele Fragen, aber kaum Antworten. Und plötzlich sind Fische ein Politikum.

Als Rektor entlassen

Bert Heller war seit 1953 Professor für Malerei an der Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst in Weißensee. So hieß die Uni damals. 1955 wurde er zum Rektor berufen. In dieser Zeit entstand sein Wandbild in der Mensa. Doch schon zum Herbstsemester 1957 sei er „ohne Mitteilung“ nicht mehr als Rektor angetreten, hat die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Hildtrud Ebert recherchiert.

1958 wurde Heller offiziell entlassen. Warum? Bert Heller war, soviel steht fest, kein starrköpfiger Staatsfunktionär in den stalinistisch geprägten 50er-Jahren der DDR. „Er kämpfte gegen die geistige Enge an der Hochschule, es war ein Aufbruch gegen die Erstarrung“, sagt Hildtrud Ebert. Heller habe die „dirigistische Hochschulpolitik“ abgelehnt, die starren Lehrpläne und Aufgaben. Die Studenten kritisierten die „reine Stoffvermittlung, die keinen Raum lasse zum selbstständigen Suchen, Wählen und Sichentscheiden“, sagt Ebert. Heller stellte sich auf die Seite der Studenten und Dozenten. „Politisches Tauwetter“ war 1955 angesagt und Heller präsentierte es für kurze Zeit.

Anlässlich der Jugend-Weltfestspiele 1973 in Ost-Berlin soll sein Wandbild verdeckt und übermalt worden sein. Zu den Festspielen hatte man ausländische Gäste in der Mensa einquartiert. War das Wandbild der Hochschulleitung zu unpolitisch? Passte es nicht mehr in die Zeit? Oder lag es an Hellers Vergangenheit? Er war Mitglied der NSDAP. „All das wissen wir nicht“, sagt die Rektorin. Bisher hat es wohl auch niemanden interessiert.

Das ändert sich im Mai 2013. Als die Bauarbeiten in der Mensa beginnen, erinnern sich Denkmalschützer anhand alter Fotos an das Wandbild. Sie nehmen Proben, Restauratoren entfernen in monatelanger Arbeit acht Farbschichten und eine Gipsschicht von den Wänden. Eigentlich rechnen sie nicht damit, etwas zu finden, aber sie legen Motive frei: Fische, Krebse, Wildschweine, Hellers Wandbild war wieder da.

Und was soll nun damit geschehen? Die Studenten und Lehrer haben einige Ideen. Manche schwärmen von den Farben und der Technik, sie wollen das gesamte Wandbild wieder sichtbar machen, es sei ein Kunstwerk, sagen sie. Anderen reichen die bisher sichtbaren Ausschnitte, mehr müsse nicht sein. „Wir müssen einen Kompromiss finden“, sagt Ana Cristina Solono, Bühnenbild-Studentin im 6. Semester. Sie möchte nicht, dass das komplette Wandbild freigelegt wird. „Es gibt schon genug Orte in der Hochschule, an denen die Geschichte deutlich wird.“ Vor der Aula etwa hängt ein riesiges politisches Wandbild von Arno Mohr, sozialistischer Realismus mit stolzen Arbeitern und Bauern und Karl Marx.

„Wir sind uns der Geschichte unserer Schule bewusst. Ich fände es gut, wenn wir eine Wandfläche der Aula zeitgenössisch und aktuell nutzen könnten, als Ausstellungsfläche für Arbeiten der Studenten“, sagt Maximilian Pecher, Diplomand im Fach Visuelle Kommunikation. Die Mensa ist der Mittelpunkt der Hochschule, das Schaufenster. Dort treffen sich alle.

„Eine spannende Diskussion hat jetzt begonnen“, sagt Leonie Baumann. Wenn sie dafür Geld hätte, würde die Rektorin die Geschichte des Wandbildes erforschen lassen.

Podiumsdiskussion: Unter dem Titel „Ein unsichtbares Erbe – Zur Wiederentdeckung eines Wandbildes“ findet am Donnerstag, 31. Oktober 2013, 19.30 Uhr, eine Diskussionsrunde in der Kunsthochschule Weißensee, Bühringstraße 20, statt. Wissenschaftler, Studenten, Professoren, Restauratoren und Landeskonservator Jörg Haspel sind anwesend.