Berlin - Wie definiert man Glück? Für Ruth Kraus kommt das Wort Erfüllung dem Glück am Nächsten. „Wenn man überzeugt ist, von dem, was man tut“, sagt sie. Und dann ist sie schon beim Autofahren. Denn für sie hat das unbedingt etwas mit Glück zu tun. Ruth Kraus war 1962 die erste Fahrlehrerin im damaligen West-Berlin. Heute ist sie 88 Jahre alt. Aber wenn sie jünger wäre, würde sie sofort wieder Fahrstunden geben. „Ich träume noch nachts von Fahrstunden.“

Erzählstation Wohnung

Es ist eine Interviewsituation, der wir hier beiwohnen. Die Theaterpädagogin Andrea Bittermann, eine Fotografin und eine weitere Theaterfrau haben einen Verein mit dem Titel „Erzählstation“ gegründet. Es geht ihnen darum, ältere Menschen zum Reden zu bringen. Sie sollen ihre Lebensgeschichten erzählen. Der demografische Wandel, normalerweise negativ besetzt, könne so zur Chance werden, an den Erfahrungen dieser Menschen teilzuhaben. Über einen längeren Zeitraum suchen die Künstler ihre Gesprächspartner immer wieder in ihren Wohnungen auf. Die Gespräche werden aufgezeichnet, die Teilnehmer fotografiert. Am Ende sollen die Ergebnisse in einer Ausstellung präsentiert werden.

Ruth Kraus hat sich auf dieses Projekt eingelassen. Es ist bereits das achte Treffen. Andrea Bittermann hat schon eine Menge über Ruth Kraus erfahren. Dass sie 1925 geboren wurde und mit neun Jahren nach Berlin kam zum Beispiel. Seit 1949 lebt sie in ihrer Charlottenburger Wohnung. Damals noch ohne Aufzug und warmes Wasser, dafür kostete die Wohnung auch nur 90 Reichsmark monatlich und nicht 550 Euro kalt wie heute. Andrea Bittermann hat gehört, dass Ruth Kraus verliebt war, verlobt auch, aber nicht verheiratet. Kinder hat sie keine. Und jedes mal gibt es zum Gespräch ein Glas Sekt.

Glücklich durch den Beruf

Diesmal möchte Ruth Kraus von ihrem Beruf erzählen. Davon, was das Leben in ihren Augen erst lebenswert macht. „Man wird glücklich durch den Beruf. Ich bin immer glücklich zur Arbeit gegangen“, sagt sie. Und dann erzählt sie davon, wie ihr Vater gesagt hat, „Fahrschule ist nichts für Mädchen“. Und wie sie das gewurmt hat, so dass sie dann erst Recht eine Ausbildung zur Fahrlehrerin gemacht hat. Als einzige Frau habe sie neben elf männlichen Kollegen gearbeitet. „Wer neu war, kriegte das schlechteste Auto“, sagt Ruth Kraus. Es war ein VW-Käfer. Sie hat noch ein Foto von dem Wagen in ihrem Regal stehen.

Ruth Kraus hat Hunderte Fahrschulerlebnisse parat – von jungen Männern mit Rechts-links-Schwäche, Schülerinnen mit Sehschwäche, Hot Pants und Plateausohlen. Intimste Details aus ihrem Leben haben ihr ihre Schüler während der Fahrstunde erzählt. Ruth Kraus hat nichts vergessen und nun erzählt sie davon unbeirrt und beweist, dass man auch mit 88 Jahren durchaus noch quicklebendig sein kann.

Andrea Bittermann schreibt Stichworte aus den Erzählungen der alten Frau mit einem bunten Stift auf grobes Papier. „Wie war die Einstellung der Männer ihnen gegenüber“, fragt sie. „Das ist ein Männerberuf, war die Haltung“, sagt Ruth Kraus. Und wie hat sie sich durchgesetzt? „Ich hab einfach bewiesen, dass ich was konnte“, sagt Ruth Kraus und dann spricht sie von Rundfahrten von Frohnau bis Mariendorf, von den Ratschlägen, die sie geben konnte und vom Unterschied beim männlichen und weiblichen Fahrverhalten: „Männer denken immer, ich kann das“.

Ein Projekt mit Ventilfunktion

In Neukölln, Charlottenburg und Steglitz befragen Andrea Bittermann und ihre Kolleginnen bis Oktober im Rahmen des vom Europäischen Sozialfonds geförderten Projekts 36 Teilnehmer. Veranschlagt sind jeweils neun Zeitstunden und ein Fototermin. Zahlreiche Interessenten haben sich bereits gemeldet. „Manche erzählen ihr halbes Leben gleich am Telefon“, sagt Andrea Bittermann. Das Projekt habe eben auch eine Ventilfunktion.

Wer mitmachen möchte, sollte über 60 Jahre alt sein, Lust haben, aus seinem Leben zu erzählen und bereit sein, sich in seiner Wohnung porträtieren zu lassen. „Der Lebensraum wird im Alter kleiner, die Menschen sind oft mobil eingeschränkt, sie können nicht mehr an der Kultur teilnehmen, also kommt die Kultur zu ihnen“, sagt Andrea Bittermann. Informationen gibt sie unter der Telefonnummer 01573-9560310.