Das umstrittene Kunstprojekt „Dau“ wird nach Informationen der Berliner Zeitung nicht mehr wie geplant in diesem Jahr in Berlins Mitte stattfinden. Das haben die Behörden im Senat und im Bezirksamt Mitte am Donnerstag entschieden. Bei diesem Projekt sollten vom 12. Oktober bis zum 9. November in Mitte Teile der Berliner Mauer wieder errichtet werden, um eine Diktaturerfahrung erlebbar zu machen.

Antrag kurzfristig eingereicht

„Bei allen Bemühungen, die Verwaltung hat die umfangreiche Prüfung des Antrages in der Kürze der Zeit nicht schaffen können“, heißt es aus der Verwaltung. Vor allem wegen der Sicherheit habe es erhebliche Bedenken gegeben. Tonnenschwere Mauerteile sollten errichtet werden, ein öffentlich zugänglicher Bereich wäre wochenlang für das private und kommerzielle Projekt blockiert gewesen. 

Zudem, so heißt es aus der Verwaltung, sollen die Unterlagen, die der Veranstalter mehrfach in geänderter Form eingereicht hat, nicht vollständig gewesen sein und nicht so detailliert vorgelegen haben, wie es für eine zügige Bearbeitung des Antrags nötig gewesen wäre. Der Antrag war kurzfristig eingereicht worden.

Aber das Projekt wird nicht grundsätzlich abgelehnt. Die Behörden wollen dem Veranstalter nun empfehlen, das Vorhaben auf das kommende Jahr zu verschieben. Dann liegt der Mauerfall 30 Jahre zurück. Am Freitagmorgen wollen Verkehrssenatorin Regine Günther und die zuständige Stadträtin von Mitte, Sabine Weißler, Genaueres zur Ablehnung erklären. Die Veranstalter wollten sich am Donnerstagabend nicht äußern. Sie wüssten noch nichts von der Entscheidung.   

„Die Stärke, die diese Stadt einmal auszeichnete, ist verschwunden.“

Das Nein der Verwaltung stößt auf Kritik: „Wenn das tatsächlich so ist, dann wäre das für Berlin eine Katastrophe“, sagt Carl Hegemann der Berliner Zeitung. Der frühere Dramaturg der Volksbühne war einer der ersten Förderer des „Dau“-Projektes. „Dieser fortschreitende Okkultismus der Macht – Adorno – wird die russischen Künstler an ihre Heimat erinnern, wo ihnen gesagt wird, natürlich, wir erlauben euch alles, aber wir können nichts tun, wir müssen das Theater schließen, es sind Salmonellen in der Kantine gefunden worden. Immer mehr wird das Verwaltungsdenken zum ersehnten Vorbild gesellschaftlichen Handelns. Traurig.“

Und „Dau“-Kameramann Jürgen Jürges assistiert: „Wenn es wahr sein sollte, dass die Berliner Behörden das „Dau“-Projekt nicht genehmigen, was ich kaum glauben kann, wäre das für mich ein Armutszeugnis und ein unglaubliches Zeichen von Schwäche. Die Stärke, die diese Stadt einmal auszeichnete, ist verschwunden.“

Das Mauer-Projekt wird aber auch grundsätzlich abgelehnt. Mit öffentlichen Anzeigen und einem Pressetermin hat Lea Rosh, die Journalistin und Mitinitiatorin des Berliner Mahnmals für die ermordeten Juden Europas, ihren Protest gegen das Kunstprojekt „Dau“ bekräftigt. „Wir brauchen keine Mauer“, heißt es in einem Offenen Brief. „Wir brauchen nicht die Erfahrung von Knast – das war lange bitterer Ernst in Berlin, die Mauer ist kein Event-Spielzeug!“

Weiter heißt es: „Die Herren, die sich dieses unselige Projekt ausgedacht haben, sollten sich bei Herrn Putin für Sensow (sic!), Serebrennikow einsetzen und Nawalny unterstützen. Dann können sie wahrscheinlich die Knasterfahrung an eigenem Leib erfahren.“ Oleh Senzow ist ein ukrainischer Filmregisseur, der sich in russischer Haft in einem Hungerstreik befindet. Der Theaterregisseur Kirill Serebrennikow steht in Russland unter Hausarrest. Alexei Nawalny ist ein russischer Oppositionspolitiker.

Lederer äußert sich 

Nach der Absage des Dau-Projektes für dieses Jahr in Berlin zeigt Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke), der als Unterstützer des umstrittenen Kunstprojektes gilt, Verständnis für die Entscheidung der Berliner Verkehrsverwaltung.

„Dieses Projekt hätte gut in unsere Stadt gepasst, und ich finde auch, dass die Kontroversen das eher bestätigt haben, als es zu widerlegen“, sagte Leder. Die Verantwortung würden aber die Ordnungsbehörden tragen und diese Verantwortung können ihnen auch niemand abnehmen. „Insofern war die Zeit dafür offensichtlich zu knapp. Das ist schade, aber es war klar, dass ein solches Projekt, so interessant und experimentell es ist, keine einfachen Hürden überwinden muss", sagte Lederer.