Berlin - Der deutsche Bildhauer Gregor Schneider hat Hass-Mails bekommen. Von Ewiggestrigen, die ihm drohen. Er habe sich an Joseph Goebbels Geburtshaus vergriffen. Er macht aus dem Schutt Kunst. Aktionskunst. Kunst mit politischer Aussage. Kunst, die hinterfragt, entlarvt, verstört. Soweit geht für gewisse Neo-Volksgenossen die Freiheit der Kunst nun wirklich nicht.

Eigentlich können Häuser ja nichts dafür, wer unter ihrem Dach geboren wird, da aufwächst, lebt. Ob Berühmtheit oder Herr und Frau Niemand, ob Gutmensch oder Bösewicht, ob Opfer oder Täter.

Aber das grün gestrichene Haus Odenkirchener Straße 202 in Mönchengladbach-Rheydt war eben kein gewöhnliches Haus, das sich mit neutralem Blick hätte betrachten lassen. Der unscheinbare Bau war das Geburtshaus von Hitlers Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, dem Initiator der Pogromnacht am 9. November 1938.

Weg mit einem fast vergessenen Symbol der Nazi-Zeit

„Unsubscribe“ (Abmelden) will der Rheydter Künstler Gregor Schneider dieses alte Haus, das bis 2013 beinahe zu einem Wallfahrtsort der Neonazi-Szene geworden wäre. Die hatten vor der Haustür schon öfter Blumen abgelegt. Immerhin hatte der wortgewaltige Goebbels sein Vaterhaus eingehend beschrieben, die Tagebücher kursieren bekanntlich durch die immerbraune Szene. In seinen Schriften fantasierte der narzisstische Orator – derweil die Alliierten schon Deutschland überrollten – davon, dass er den Rheydter Oberbürgermeister „niederschießen“ lassen werde, weil der vor den Amerikanern – vor Goebbels Geburtshaus – die weiße Fahne gehisst habe.

Gregor Schneider, in dessen sperriger Kunst seit Jahren symbolbeladene Häuser, deren Geschichte samt des darin gelebten Lebens eine gesellschaftliche, ja, politische Rolle spielen, will diese Goebbels-Behausung aus der Geschichte abmelden. Ein für allemal: Stein und Ton zu Staub, Holz zu Sägemehl, Tapetenreste zu Papiermulm. Zuvor aber will er noch der Welt zeigen, was übrig geblieben ist von dem banalen Zweigeschosser, das einst einen der perfidesten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts beherbergt hat.

Der Abrissschutt landete in zwei Containern, die lässt Schneider per Lkw herumfahren. Vor einer Woche erst nach Warschau, vor die Nationalgalerie Zacheta. Für die polnische Kulturszene – die Kulturministerin hielt die Eröffnungsrede für die Aktion – war das ein ganz besonderes Statement: Da kommt ein deutscher Bildhauer, 45 Jahre alt, also einer aus der Wohlstands-Generation Golf, und besagt vor aller Welt und in einem Land, das unter den Nazis unsäglich gelitten hat, dass es falsch sei, wenn die Deutschen sich in ihrer Geschichte so gemütlich einrichten. In Polen erfährt Gregor Schneider eine Menge Respekt, dass er, ein Nachgeborener, ein fast vergessenes Symbol der Nazi-Zeit abreißt – und aufräumt.

Gerade steht der zweite Lkw-Container mit dem Schutt – ganz dem künstlerischen Konzept Schneiders gemäß, alles zu verdoppeln, zu parallelisieren, zu irritieren und dabei dennoch Verborgenes, Verdrängtes aufzuzeigen – auch vor der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die begeht soeben ihr 100-jähriges Jubiläum. Und das eben auch gerade mit dieser brachialen, kruden, symbolschweren Installation vor der Eingangstreppe, mitten auf einem Platz, der in Hitlers Tausendjährigem Reich nach dem Nazi Horst Wessel benannt war und auf dem einst die Hakenkreuzler marschierten.

Goebbels brachial abkippen

Schneider hat das Goebbels- Geburtshaus letztes Jahr über Immobilien-Scout gekauft, von einer Familie, die seit Generationen vom Keller bis zum Dach fast alles so bewahrt hatte wie zu Goebbels Zeit, von den braunen Fliesen bis zu den Büchern in den Regalen. Niemand vor Schneider wollte das Haus haben.

Als er zum Besitzer wurde, hat er gleich schweres Gerät bestellt. Für den Abriss. Der Bau ist nun völlig entkernt. Es steht nur noch das Gerippe. Die Stadt Mönchengladbach-Rheydt hat sich noch nicht zu dem Vorschlag ihres derzeit berühmtesten Künstlers – Schneider bekam 2001 auf der Biennale Venedig den Goldenen Löwen – geäußert: Schneider will anstelle des Hauses einen Gesprächsort, etwa über Geschichte, Politik, Kunst, darüber, wie wir morgen leben wollen , schaffen.

Gregor Schneider und Anda Rottenberg, Leiterin der Warschauer Nationalgalerie Zacheta, hatten deutschlandweit nach einem parallelen Ort für die Schutt-Aktion gesucht. Vergebens. Nirgendwo wollte man dieses – politische – Statement zur Geschichte haben. Außer eben die Berliner Volksbühne. Die Genehmigung durch den Stadtbezirk Mitte war ein zähes Prozedere. Vor drei Tagen, endlich, kam sie.

Gregor Schneider sagte am Freitagabend vor dem Container, er wolle den ganzen Schutt, bevor er ihn zerstöre, also in seine Ursubstanzen zurückzerlegen lasse, mal irgendwo richtig brachial abkippen. Zum definitiven „Abmelden“ eben.

Aber noch ist für einen solchen – symbolischen – Bekenner-Akt dafür in ganz Deutschland keine einzige Stadt oder Gemeinde wirklich bereit. Vorsicht Kunst!