BerlinMehrere hundert Menschen haben am Montag am Brandenburger Tor gegen die Invasion der Türkei in die Kurdengebiete Syriens demonstriert. Bei der Kundgebung die am späten Nachmittag begann, skandierten die Demonstranten Parolen wie „Erdogan - Kindermörder“ und forderten ein Verbot der deutschen Waffenexporte in die Türkei. Zu Gewalt wie in den vergangenen Tagen kam es dabei nicht.

Den Tag über hatte es an mehreren Orten in der Stadt kleinere Blockade-Aktionen gegeben, zu denen ein Bündnis „Riseup4Rojava“ aufgerufen hatte – Rojava ist der Name des Kurdengebiets im Norden Syriens. Am Montagmorgen hatte es bereits eine Demonstration gegen Waffenexporte vor ThyssenKrupp am Friedrich-Krause-Ufer in Moabit gegeben. Ebenso sollte es eine Blockade der Türkischen Botschaft an der Tiergartenstraße geben. Doch nur eine Person fand sich nach Angaben einer Polizeisprecherin ein.

Am Vormittag blockierten laut Polizei etwa 50 Demonstranten den Zugang zum Büro der Bundeswehr in der Friedrichstraße. Die Demonstranten skandierten unter anderem „Alle Besatzer raus aus Kurdistan.“ Armeeangehörigen wurde der Zugang verwehrt.

Proteste für die ganze Woche angekündigt

Die ganze Woche über soll unter dem Motto „Jeder Tag ist Tag X – Aufruf zum Handeln!“ deutschlandweit und in Berlin protestiert werden. Für seine Mobilisierung nutzt das Bündnis beim Messengerdienst Telegram einen Kanal, für den auch auf linksextremistischen Internetseiten geworben wird.

Wurde für Anfang der Woche zur Blockade von Büros, Ausstellungsräumen und Produktionsstätten deutscher Rüstungsunternehmen, die Waffen in die Türkei lieferten, aufgerufen, sollten am Mittwoch Redaktionen lokaler Zeitungen, Fernsehsender oder Radios an der Reihe sein. Damit wolle man eine aus Sicht der Aktivisten „wahrheitsgemäße Berichterstattung“ einfordern.

Proteste gibt es seit Beginn der Invasion. Am Donnerstag zogen Demonstranten durch Mitte und Kreuzberg. Als türkische Nationalisten sie mit dem „Wolfsgruß“ provozierten, wurden sie von den Protestierern angegriffen. Als Polizisten einschritten, wurden auch sie mit Steinen und Schlägen attackiert.

Autos bei Protesten angezündet

In der Nacht zu Freitag hatten Unbekannte am Halleschen Ufer ein Auto der türkischen Botschaft angezündet. Der Staatsschutz geht von einem Zusammenhang mit dem Syrien-Türkei-Konflikt aus.

Am Sonnabend bewegte sich ein Zug aus mehreren Tausend pro-kurdischen Demonstranten durch Kreuzberg und Neukölln. Dabei kam es zu Böller- und Flaschenwürfen und Angriffen auf Polizisten. Nebeltöpfe wurden gezündet.

Demonstranten zeigten Bildnisse des inhaftierten Kurden-Führers Abdullah Öcalan. Die Bilanz: sechs Festnahmen, 17 Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen schweren Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung und versuchter Gefangenenbefreiung. Vier Polizisten wurden leicht verletzt.

Süleyman Mohammed: „Es ist eine ganz schlechte Zeit“

Süleyman Mohammed ist einer der Demo-Anmelder. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung berichtet der Funktionär der Kurdischen Gemeinde von regelmäßigen Kontakten mit Verwandten und Mitstreitern in der alten Heimat. Natürlich halte man „Direktkontakt zu unseren Kämpfern“, sagt der 59-jährige gebürtige Iraker. Erst am Morgen habe er mit Daheim telefoniert.

Süleyman Mohammed, Vorstandsmitglied der Kurdischen Gemeinde: „Niemand kann mehr gut schlafen, jeder hat dort Familie. Es ist eine Katastrophe. Wenn sich der IS durchsetzt, kann man im kurdischen Siedlungsgebiet nicht mehr leben.“
Foto: Andreas Klug

In dem Büro in Neukölln mit seinen bunten Gemälden aus der alten Heimat an den Wänden läuft ununterbrochen der Fernseher. Ein kurdischer Sender berichtet aus dem Kriegsgebiet. „Es ist eine ganz schlechte Zeit“, sagt Mohammed. Was er aus dem kurdischen Gebiet in der Türkei, Syrien und dem Irak höre, seien sehr schlechte Nachrichten. „Niemand hier kann mehr schlafen. Jede Minute kann etwas Fürchterliches passieren.“

Die Kurden seien ein friedliches Volk

Süleyman Mohammed mag ungern über seine Familie sprechen, seine Angehörigen, die im Konfliktgebiet leben. Wohler fühlt er sich, wenn er seinem Besucher die politische Lage erklären kann. Er sagt, was man auch hier in den Nachrichten hört: Dass die Kurden ein friedliebendes Volk seien, das über Jahrtausende mit den vielen Nachbarvölkern der Region gut zusammenlebe. Dass man sich jetzt alleingelassen fühle, nachdem man doch heldenhaft die Islamisten vom IS besiegt habe. Dass bei Bombardements auf Gefängnisse inhaftierte IS-Kämpfer freigekommen seien und diese jetzt Rache nehmen wollten. Dass dann eine Flüchtlingswelle von bis zu drei Millionen Menschen nach Europa drohe. Dass man weder US-Präsident Donald Trump noch Syriens Staatschef Baschar al-Assad trauen könne.

Während des Gesprächs hat sich Hassan Dejoar im Hintergrund gehalten. Später berichtet der 30-Jährige, dass er alle zwei Tage mit seinen Leuten telefoniere, die er erst vor einem Jahr verlassen habe, als er sich nach Deutschland aufmachte. Er habe acht Verwandte in der Miliz YPG, „fünf von ihnen sind verwundet“. Das Bangen geht weiter.