Berlin - Wenn der Wind richtig steht, kann Steffi den Baulärm hören. Bis in in die Frobenstraße, wo sie vor einem Kiosk steht. Wo sie auf und ab tippelt, nach vorn an die Straße, sich vorbeugt zu einem Auto, dann zurück zur Hauswand. Wo sie auf Kundschaft wartet.

Steffi, die eigentlich anders heißt, ist Prostituierte. Seitdem sie 13 Jahre alt ist, sagt sie, geht sie im Kiez rund um die Kurfürstenstraße anschaffen. Heute ist sie 37. Und wenn der Wind das Surren der Bohrer und das Krachen von brechendem Beton zu ihr trägt, denkt sie manchmal, dass sie den Job schon zu lange macht.

Der Lärm erinnert Steffi daran, dass der Kiez an der Grenze zwischen Mitte und Schöneberg sich wandelt. Dass vielleicht auch sie sich verändern sollte. „Ich will aufhören“, sagt sie. Das Areal zwischen Lützowstraße, Bülowstraße und Potsdamer Straße, in dem sie seit 24 Jahren auf und ab läuft, wird ihr immer fremder.

In der Gegend um die Kurfürstenstraße, wo seit den Zwanzigerjahren Berlins berüchtigter Straßenstrich ansässig ist, entstehen luxuriöse Neubauten. Weiße Fassaden, die mitten in den verwaschenen Beton des Rotlichtmilieus hineinwachsen. Brachflächen verschwinden.

Wo sich in den Nachkriegsdekaden große Möbelhäuser ansiedelten und einst Christiane F. ihren Körper für Drogen verkaufte, verdichtet sich nun die Stadt. Früher verteilten sich Transvestiten, Junkies und Prostituierte unterschiedlichster Nationalitäten hier in informell eingeteilte Bereiche. Heute weichen die Frauen – je nach Jahreszeit sind es zwischen 200 und 400 – diffus in die Nebenstraßen aus.

„Die anderen Weiber sind jung, fast nackt“

„Es kommen immer mehr Weiber. Aus Rumänien, Bulgarien, Tschechien oder Ungarn“, sagt Steffi. Die blonde Frau trägt einen knielangen, schwarzen Mantel über blauer Jeans. Sie könnte eine normale Spaziergängerin sein, einzig das eingefallene Gesicht und die heisere Stimme zeugen von ihrer Heroin-Vergangenheit.

Einen Zuhälter habe sie nicht, nur einen „Mann“, der zwinge sie aber zu nichts. „Die anderen Weiber sind jung, fast nackt. Bei denen kannst du mir nicht erzählen, dass die das freiwillig machen.“ Der Kampf zwischen den Frauen werde rauer, der Strich härter. „Hier bekommst du mittlerweile alles. Ohne Schutz. Alles. Ab 20 Euro bist du dabei.“ Steffi nimmt für Sex etwa 45 Euro. Sie bedient hauptsächlich Stammkunden, sagt sie.