Schufa-Auskunft, Mietschuldenfreiheit, Einkommensnachweis. Bei all den Unterlagen, die man bei der Wohnungssuche braucht, können gerade junge Menschen schnell durcheinander kommen. Damit das nicht passiert, wurde das Projekt „Wohnführerschein“ ins Leben gerufen. Dabei sollen Jugendliche in speziellen Kursen fit für die erste eigene Wohnung gemacht werden. Am Dienstagabend bekamen neun von ihnen in der Köpenicker degewo-Kundenzentrale ihre Urkunde überreicht. „Es war Mega cool“, sagt die 18-jährige Eda Tatlici über den Kurs. „Wir haben viel in Rollenspielen und Gruppenarbeit gemacht.“

Strom vergessen

In den vergangenen Wochen lernten sie und ihre Mitschüler in acht Treffen nahezu alles, was man wissen muss. Sie bohrten Löcher in Wände, bauten den Siphon eines Waschbeckenabflusses aus, diskutierten über Mietrechtsfragen oder übten Bewerbungsgespräche. Sogar ein Verhaltenstraining im Falle eines Nachbarschaftsstreits steht auf den Stundenplan. Die Trainer sind Sozialpädagogen. Geübt wird aber auch mit Mitarbeitern der Wohnungsbaugesellschaften, etwa ein Bewerbungsgespräch. Am Ende erwartet die Teilnehmer eine schriftliche Prüfung mit zwanzig Fragen. Nur wer mindestens 60 Prozent richtig beantwortet, bekommt das Zertifikat.

Mit dem Erlernten sollen die Jugendlichen all die Fehler vermeiden, die für ihr Alter typisch sind. Ein Klassiker seien unvollständige Unterlagen oder unsicheres Auftreten beim Bewerbungsgespräch, meint Thorsten Scharf von Independent Living, einem der Veranstalter des Wohnführerscheins. Für viele Vermieter würden Jugendliche schon nach kleinen Fehlern oft nicht mehr als Interessenten berücksichtigt. Sollte es mit der Wohnung dennoch klappen, gibt es weitere Fettnäpfchen. So würde häufig mal die Stromanmietung vergessen, da einige denken, dies sei schon in der Warmmiete enthalten.

Die Idee des Wohnführerscheins wurde 2010 in Marzahn geboren. Das Konzept war zu der Zeit noch für den Einsatz an Schulen gedacht. Mittlerweile gibt es zahlreiche Partner wie Jugendämter, freie Träger, und weitere Wohnungsgesellschaften. In den vergangenen fünf Jahren haben in Berlin bereits 250 Jugendliche an den Kursen für den Wohnführerschein teilgenommen. Allerdings bekamen nicht alle das Zertifikat. Rund 20 Prozent der Teilnehmer brachen den Kurs nach ein oder zwei Terminen ab.

Am Ende soll der Wohnführerschein vor allem die Chancen der Jugendlichen auf dem Berliner Wohnungsmarkt erhöhen, indem er sie als zuverlässige Mieter ausweist. Bei der Übergabe der Zertifikate am Dienstagabend betonte Christian Glaubitz, der Leiter des degewo-Kundenzentrums in Köpenick, dass die Inhaber eines Wohnführerscheins vorrangig behandelt werden. Immerhin sei die Vertrauensbasis bereits hergestellt.

Seit Monaten auf der Suche

Allerdings kann das Zertifikat nicht darüber hinwegtäuschen, dass junge Menschen häufig ein noch geringes Einkommen haben. Die meisten Wohnungsgesellschaften verlangen ein Bruttoeinkommen, das der dreifachen Warmmiete entspricht. Bei einer Warmmiete von 400 Euro muss ein Interessent also ein Gehalt von mindestens 1200 Euro aufweisen. Selbst mit dem Wohnführerschein bleibt diese interne Regelung bestehen, so Glaubitz. Auch die 18-jährige Eda Tatlici, die an den Kursen teilgenommen hat, macht sich in dieser Hinsicht keine Illusionen. „Wenn der Vermieter die Wahl zwischen einem 35-Jährigen mit Job und einer 18-Jährigen im freiwilligen sozialen Jahr hat, ist es klar, wie die Entscheidung ausfällt.“ Trotzdem hoffe sie, dass ihr der neue Wohnführerschein zumindest ein wenig hilft. Immerhin sucht sie bereits seit vier Monaten nach einer Wohnung. Egal, wie es ausgeht: Sie habe viel gelernt und viel Spaß gehabt, sagt Tatlici.