Ein dreiviertel Jahr ist seit dem Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz vergangen. Seit März ist Kurt Beck Opferbeauftragter der Bundesregierung. Bis Ende des Jahres will der einstige SPD-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz einen Abschlussbericht vorlegen und Vorschläge dafür unterbreiten, wie Berlin besser auf Terrorattacken reagieren und Betroffenen helfen kann.

Herr Beck, Kerzen an der Gedächtniskirche erinnern derzeit an den Terroranschlag. Wird es am Breitscheidplatz bald einen künstlerisch gestaltetes und würdiges Mahnmal geben?

Sieben Künstlerinnen und Künstler erarbeiten derzeit Vorschläge für einen solchen Gedenkort. Ich weiß noch nicht, wie er aussehen wird. Die Stadt und die Kirche sind federführend. Die Vorschläge werden Anfang September präsentiert, der Ort soll dann zum 1. Jahrestag des Anschlags eingeweiht werden.

Sie wurden in die Gestaltung aber einbezogen?

Wir waren uns schnell einig, dass auch Vertreter der Betroffenen dabei sein sollten.

Inwiefern?

Meine Mitarbeiter und ich haben uns um das Einverständnis der Hinterbliebenen bemüht, die Namen der Verstorbenen verwenden zu dürfen. Ich habe mit Angehörigen im Ausland gesprochen – Israelis, Italiener. Es gibt auch Angehörige, die in den USA leben.

Nach dem Anschlag hat man nur sehr wenig über die Opfer erfahren. Gab es überhaupt den Wunsch der Hinterbliebenen für einen öffentlichen Gedenkort?

Das hat sich entwickelt. Es gibt noch heute Angehörige, die lieber weit weg vom Stadtzentrum etwas errichten würden. Aber das ist die Ausnahme. Die große Zahl der Hinterbliebenen will, dass nicht einfach vergessen wird, was mitten in unserer Gesellschaft, mitten in Berlin geschehen ist. Sie sagen, es kann am Ende nicht sein, dass nur der Mörder in Erinnerung bleibt.

Mit wie vielen Betroffenen haben Sie mittlerweile gesprochen?

In der Zwischenzeit sind es deutlich mehr als Hundert Menschen. Von Angehörigen der Verstorbenen oder Schwerverletzten bis hin zu Zeugen. Wir haben mit 60 von ihnen intensiveren Kontakt. Hinzu kommen derzeit Gespräche über Hilfen für die Budenbesitzer, die in existenzieller Weise betroffen sind. Bisher konnten wir in allen Fällen hilfreich sein. Das gilt für das Gespräch und die Anteilnahme, und auch für materielle Unterstützung.

Wo haben die Gespräche mit den Angehörigen stattgefunden?

Meistens daheim bei den Betroffenen.

Und wie liefen diese Gespräche ab?

Ich habe zuerst einfach nur zugehört. Manche haben zum Anfang mit einem Wutausbruch reagiert. Andere haben scheinbar nüchtern und kühl über ihre Situation geredet. Erst, wenn man einander näher gekommen ist, ist bei ihnen die ganze Verzweiflung hochgekommen.

Wie gehen Sie damit um?

Ich habe als Ministerpräsident jeden zweiten Sonntag eine Sprechstunde bei mir zu Hause abgehalten. Da ist eine gewisse Erfahrung gewachsen, wie man in schwierigen Fällen von Verzweiflung und Not mit Leuten umgeht.

Lassen Sie das, was Sie erfahren, gar nicht an sich heran?

Man kann eine solche Aufgabe nicht übernehmen, wenn man sagt, ich lasse es nicht an mich heran. Das spüren die Leute. Wenn man nicht versucht, sich ein Stück hineinzudenken, sich innerlich zu öffnen, sind solche Gespräche nicht hilfreich. Was ich höre, geht mir schon sehr an die Nieren.

Welche Schicksale bewegen Sie am meisten?

Man kann da nicht unterscheiden. Bei allen hat sich das Leben von jetzt auf sofort geändert.

Haben Sie ein Beispiel?

Etwa der junge Mann, der sein Leben lang schwerstbehindert bleiben wird. Natürlich hoffen wir auf ein bisschen Besserung. Aber bisher kann er nur die Augen bewegen. Und wenn man dann mit dem Partner redet und erlebt, wie sich das Leben so plötzlich verändert hat, ist das hart. Jetzt wird den meisten erst schubweise bewusst, was es bedeutet, mit einer Behinderung leben zu müssen.

So etwas kann auch bei einem Autounfall geschehen.

Natürlich kann ein Verkehrsunfall genauso verheerend für den einzelnen sein. Aber dieser Gewaltakt, dieser Wahn, umbringen zu wollen, das verletzt die Menschen noch einmal ein Stück tiefer. Bei den Betroffenen ist noch immer das Gefühl zu spüren, dass so etwas doch nicht sein darf.

Gibt es auch schöne Momente?

Ich freue mich, wenn ich den Leuten wenigstens die finanziellen Sorgen nehmen kann. Ein Unternehmer etwa hat für eine junge Frau, die Mutter und Vater verloren hat, die Studienkosten für Jahre übernommen. Bei anderen stellt sich die Frage, wer nun das Haus der Eltern weiter abzahlt. Da helfen wir. Mich freut aber auch diese riesige Unterstützung von allen Seiten.

Hat Sie diese Hilfsbereitschaft erstaunt?

Ich hatte erwartet, dass es in den ersten Monaten schon eine solch große Hilfsbereitschaft gibt. Aber sie hält an.

Und wie helfen die Berliner?

Die Hilfe hier war besonders intensiv. Es geht dabei gar nicht um kleine oder große Beträge. Sondern es geht darum, dass dieses Zeichen gesetzt worden ist: Wir helfen Euch. So können wir aus den Spenden , die bei der Cityhilfe eingehen, viele Menschen über das rechtlich Geregelte hinaus unterstützen.

Was ist denn rechtlich geregelt?

Es gibt den Härtefonds beim Bundesjustizamt, Mittel aus dem Opferentschädigungsgesetz für Gewaltopfer und die Verkehrsopferhilfe – ein Fonds der deutschen Versicherungswirtschaft.

Und wieviel Geld ist bisher aus diesen drei Töpfen geflossen?

Ich schätze, mehr als 1,5 Millionen Euro. Es ist aber noch Einiges offen.

Sie und ihr Stab helfen nicht nur mit Geld.

Nein, wir kümmern uns auch – wenn nötig – um neue behindertengerechte Wohnungen. Einem Mann, der beruflich in aller Welt unterwegs war und der nun alleinerziehender Vater eines sechsjährigen Jungen geworden ist, haben wir geholfen bei der Suche nach neuer Arbeit – und nach einem Platz in der Ganztagsschule für sein Kind. Damit er sich nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau um das Kind kümmern kann. Für beide haben wir auch eine Vater-Sohn-Betreuung organisiert. Wir wollen, dass die Menschen ein Stück weit wieder ein normales Leben führen können.

Hilft Ihnen Ihre Bekanntheit?

Ich glaube schon. Ein profanes Beispiel ist der polnische Lkw, mit dem der Attentäter Amri den Anschlag begangen hat. Das Fahrzeug war lange beschlagnahmt. Das alles war existenziell für den polnischen Spediteur. Da ging es um die Fragen, wer für die verspätete und beschädigte Ladung an die Firma ThyssenKrupp zahlt, und was mit dem geleasten Lkw wird, der nicht fährt und nur Geld kostet. Ich habe mit den Firmen gesprochen.

Und?

Thyssen-Krupp hat sich sehr schnell bereiterklärt, auf Schadenersatz zu verzichten. Und der Lkw-Hersteller Scania machte das Angebot, den Laster auf eigene Kosten zu reparieren, auf die Leasingraten zu verzichten und das Fahrzeug zurückzunehmen. Mit dem Lkw sind Emotionen verbunden, denn der Schwager des Spediteurs ist schließlich in dem Fahrzeug erschossen worden.

Sind das Ausnahmen?

Nein, ich bin so gut wie nie auf Leute gestoßen, weder bei den Behörden noch in der Privatwirtschaft, die gesagt haben, was geht mich das an. Das darf man auch mal als ein Stück menschliche Kultur in unserer Gesellschaft bewerten.

Sie werden in Ihrem Abschlussbericht, der Ende des Jahres fertig sein wird, darauf hinweisen, dass die Ersthilfe für Hinterbliebene in Deutschland zu gering ist.

Derzeit gibt es 10 000 Euro für denjenigen, der in so einem Fall einen Angehörigen ersten Verwandtschaftsgrades verliert. Das ist sehr wenig. Darüber müssen wir reden.

Was werden Sie noch empfehlen?

Ich möchte, dass auf Bundesebene und auf Länderebene Stäbe von fachlich qualifizierten Beamtinnen und Beamten eingerichtet werden, die im Falle eines solchen Anschlags immer bereit stehen.

Und was sollte nach einem erneuten Anschlag anders laufen als nacam Breitscheidplatz?

Wir brauchen ganz schnell vor Ort eine optisch erkennbare Anlaufstelle. Damals wusste niemand, wer wo ist. Das kann man aber nicht den Sanitätern und Notärzten zuschieben. Die haben versucht, den Sterbenden und Schwerstverletzten zu helfen. Und die Polizei wusste nicht, ob dem Lkw-Attentat noch ein Sprengstoffanschlag folgt. Die Folge war, dass Leute abgedrängt wurden, die nach ihrer Tochter oder ihrem Sohn gesucht haben. Ich habe mit einer jungen Frau gesprochen, die ihre Mutter gesucht hat. Ihr ist gesagt worden, sie sei nicht tot, sondern unter den Verletzten. Und dann war die Mutter doch unter den Toten. Ich will daraus keine Vorwürfe konstruieren.

Was soll diese Anlaufstelle bewirken?

Wichtig ist es, den Menschen zu helfen und ihnen zu sagen, wir registrieren die Informationen über deine Angehörigen.

Wie kann man Menschen, die einen Verwandten auf so furchtbare Weise verloren haben oder schwerst verletzt sind, optimal helfen?

Man muss ihnen eine persönliche Betreuung zukommen lassen. Da schauen wir gerade, wie das die Israelis machen. Israel hat ja leider bittere Erfahrung mit Terrorakten.

Sie haben auch kritisch angemerkt, dass Hinterbliebene Rechnungen für Obduktionen erhalten haben.

Ich habe zunächst gedacht, so etwas gibt es nicht. Und dann habe ich einen solchen Brief gelesen. Der war in einer unfassbaren Diktion geschrieben. Den Leuten wurde mit Inkasso gedroht, wenn sie nicht zahlen würden. So etwas darf nicht passieren. Diese Rechnungen müssen an die Staatsanwaltschaft gehen.

Kritik geübt haben Sie auch daran, dass Menschen lange Zeit über den Tod ihres nahen Verwandten im Ungewissen gelassen wurden.

Es gibt eine internationale Vereinbarung, zuerst den gentechnischen Beweis für die Identität eines Verstorbenen heranzuziehen. Das hat Sinn bei großen Flugzeugunglücken oder Erdbeben. Aber bei dem Anschlag in Berlin sind Menschen gestorben, die waren nicht entstellt, die hatten Papiere dabei. Und dann wurden die Angehörigen drei Tage nicht informiert. Das ist eine Folter. Das war sicher nicht böswillig. Aber es war unpassend. Wenn jemand einwandfrei identifizierbar ist, sollten die Angehörige schnell Gewissheit bekommen.

Haben Sie Ihre Zusage, Opferbeauftragter zu werden, irgendwann einmal bereut?

Nein. Als mich der Justizminister Heiko Maas damals anrief, war mir sofort klar, so etwas kann ich nicht ablehnen.

Das Interview führte Katrin Bischoff.