Dreiecksbeziehungen sind grundsätzlich eine miese Angelegenheit. Vor allem, wenn man von allen anderen Seiten erst einmal nichts zurückbekommt. Oder nur Schlechtes. Oder etwas völlig anderes, als man sich erhofft hat.

Wer in Berlin lebt, weiß das. Berlin stellt sie auf die Probe. Die Liebe zur Stadt, die Liebe zu sich selbst, die Liebe an sich. Auch Bruno kennt das. In dem Kurzfilm „Nashorn im Galopp“ macht er sich auf, die „Seele Berlins“ zu entdecken.

„Woraus besteht die Stadt?“, fragt Bruno darin. Spannende Frage. Noch spannender ist allerdings, wie er in diesen 15 Minuten seine Antworten zu finden gedenkt. Behaarlich scannt er Objekte und blickt hinter die Mauern der Stadt, leuchtet Details und Ecken aus. Doch alle Versuche, die gehamsterten Informationen zu erlösenden Ergebnissen zusammenzufügen: vergebens.

Bis der Zufall dem verklemmten Dauergrübler Bruno unerwartet eine alerte Gefährtin beschert. Er bereist die Welt in seinen Gedanken, sie nimmt dafür das Flugzeug. Um sie herum kreisen Hinweispfeile: „I am here“, steht knallig drauf. Für sie die Standortbestimmung, für Bruno Richtungsweiser. Endlich raus aus dem Gedankenkerker, rauf auf die Gefühlswolken. Nicht ganz. Denn dann wäre „Nashorn im Galopp“ keine klassische Berlin-Geschichte.

Ach ja, Berlin. Der Durchlauferhitzer unter den Metropolen. Da schüttet das Leben die Menschen im Schwall in die Stadt, heizt sie tüchtig auf und spült sie dann durch den Abfluss wieder hinaus. Benutzt, verbraucht, die nächsten bitte. Leute kommen, Leute gehen. Im Fluss der Unbeständigkeit bleibt so natürlich kein Halt für Romantik-Routine.

Berlin erzählt etwas anderes. „Wir wollten damals eine möglichst einfache Geschichte darstellen. Aber eben nicht nur die klassische ‚Boy-meets-Girl-Story’, die man schon hundertmal gesehen hat, sondern eine neue Art der Liebe, mithilfe der Stadt und ihrer Sprache“, erzählt Erik Schmitt vom Berliner Regisseur-Duo Kamerapferd.

Damals? „Nashorn im Galopp“ wurde bereits im Sommer 2012 gedreht, 2013 dann auf der Berlinale präsentiert und seitdem auf sehr vielen Festivals mit Preisen überhäuft. Damit erklärt Schmitt auch, warum das Filmchen erst jetzt seine Online-Premiere feiert: „Solange ein Beitrag auf Festivals gezeigt wird, darf er nicht im Netz erscheinen.“

Plopp-Effekt mit Popcorn-Herz

Sei’s drum. Die höchst unterhaltsame Gestaltungstechnik wirkt bis heute nach. Keine Computer-Effekte. Stattdessen Schnipsel da, Symbole dort. Die Collage als Bebilderung von zerfransten und zersausten Gefühlswelten. Munteres Fassadenrücken auf der Suche nach der Substanz dahinter.

Sequenzen aus Einzelbildern, in Trickfilmmethode mühevoll zusammengesetzt. „Der Bastellook ist ein bisschen als Demokratisierung der Filmkunst zu verstehen. Jeder kann heutzutage eine gute Idee umsetzen, auch mit den einfachsten Mitteln“, so Schmitt. „Uns ging es damals darum, einen neuen Stil zu schaffen, der auch ohne viel Budget auskommt.“

Wenig Geld, aber viel Liebe zum Detail. Damit wären wir dann auch wieder beim großen Thema. Dankenswerterweise verzettelt sich „Nashorn im Galopp“ aber nicht im inflationär gebrauchten Berlin-Kitsch mit überreizten Hipster-WG-Dramen. Kein überborderndes Liebesgesülze, keine bemüht tiefsinnschürfenden Hormonduschen.

Der Plot beschränkt sich auf grundsätzliche Fragen von Bindungswunsch und Heimatfindung. Dass die Charaktere und das dazugehörige Gefühlschaos recht holzschnittartig angelegt sind? Geschenkt. Das ist sowieso eher ein Vehikel für die grandiose Bild- und Zeichensprache. Der große Plopp-Effekt kommt mit dem Popcorn-Herzchen.

„Als viele Filmemacher lieber mit dem Digitalen gearbeitet haben, haben wir nach einem anderen Weg gesucht", erklärt Schmitt. „Das Bild sollte wieder mehr Kraft bekommen. Unser Ziel war es, eine simple, emotionale Geschichte in einer neuen Ästhetik vorzutragen. Die Sachen durften dabei ruhig wie selbstgemacht aussehen.“

Provisorisch zusammengeschustert: ein bisschen auch Berlins Selbstverständnis. Nichts passt zusammen und dann wieder doch. Hält schon irgendwie. Daraus besteht die Liebe. Daraus besteht die Stadt.

Weitere Informationen zum Film unter http://kamerapferd.com/nashorn und http://erikschmitt.de