Potsdam - Wenn dieser Student in der Uni ist, kann ihn jeder sehen. Steffen Heidenreich setzt sich quasi immer selbst auf den Präsentierteller. Denn der 28-Jährige hat einen Stammplatz in der Bibliothek der Potsdamer Film-Universität „Konrad Wolf“, die sich gleich neben den legendären Babelsberger Filmstudios befindet. Er sitzt immer am dritten Tisch links neben dem Eingang, zwischen den Bücherregalen mit den Schlagworten „Spielfilm“ und „Filmgeschichte“.

Sein Blick fällt auf die Scheibe vor seinem Tisch, und da dies die gläserne Außenwand der Bibliothek ist, fällt sein Blick immer auf Haupteingang, durch den die Studenten in die Uni strömen. „Alle möglichen Leute, die ich sehe, inspirieren mich für meine Filme“, sagt er. Das Gewusel vor seinem Tisch habe aber durchaus auch etwas Entspannendes. „Es ist, als würde man in ein Lagerfeuer schauen.“

Steffen Heidenreich ist gerade so etwas wie der aktuelle Star dieser Film-Uni. Sein Kurzfilm „Und ich so: Äh“ ist für den Deutschen Kurzfilmpreis nominiert – die wichtigste Auszeichnung, die es für diese Art von Film in Deutschland gibt.

Einer von zwei Nominierten

Diese Ehre macht ihn nicht etwa selbstgefällig, sondern tatsächlich etwas demütig. „Allein die Nominierung sehe ich als Auszeichnung, denn es sind bundesweit gerade einmal zwölf Filme nominiert“, sagt der gebürtige Karlsruher, der 2011 für das Studium nach Potsdam zog und seit 2014 in Berlin wohnt.

Die Potsdamer Uni hofft nicht nur, dass Heidenreichs Spielfilm am kommenden Donnerstag in München ausgezeichnet wird – noch ein zweiter Streifen dieser Hochschule ist nominiert: „Tehran Derby“ von Regisseur und Autor Simon Ostermann geht ins Rennen um den Preis als bester Dokumentarfilm. Dieser 20-minütige Film erzählt von einem Fußballspiel in der Islamischen Republik Iran, das aber viel viel mehr ist als ein bloßes Fußballspiel.

Da Heidenreich Spielfilmregisseur werden will, ist er gedanklich schon viel weiter als der Film, durch dessen Nominierung er sich in der Branche nun einen Namen gemacht hat. Denn die Arbeit am letzten Film in diesem Gewerbe liegt meist schon eine Weile zurück. Der 30 Minuten lange Film „Und ich so: Äh“ war Heidenreichs Abschlussfilm für das Bachelor-Studium und wurde im vergangenen Jahr gedreht.

Inzwischen arbeitet er an seinem Abschlussfilm für das Master-Studium, den er 2018 fertigstellen will. Die Arbeit am Buch läuft schon eine Weile. Er arbeitet wieder mit dem Autor Jörn Zander zusammen, der in Hamburg wohnt und auch das Drehbuch für den Taxi-Film schrieb. Auch an diesem Tag sitzt Heidenreich mal wieder mit seinem Laptop in der Bibliothek auf seinem Stammplatz. Er schreibt, überlegt schreibt. Dann springt er auf, geht vor die Tür und wählt Zanders Nummer am Handy und fragt den Kollegen in Hamburg: „Was machen wir denn nun mit Kowalski? Wie bauen wir diese Nebenhandlung ein?“

Heidenreich will über den neuen Film noch nicht viel verraten. „Es wird ein richtiger Spielfilm, 90 Minuten. Es soll um einen Investmentbanker gehen, der während eines Anschlags auf ein Hotel dort einen der Terroristen trifft“, sagt er. „Das Ganze wird ein Schwarze Komödie, so etwas kann nur als Schwarze Komödie erzählt werden.“

Der neue Film wird also anders als „Und ich so: Äh“. Schon diesem Film ist anzusehen, dass er von Leuten gemacht wurde, die Lust haben, gute Geschichten zu erzählen. Aber es ist kein harter, böser Film, sondern einer, der leicht daherkommt und oft schon fast heiter ist.

Angefangen hat bei Heidenreich alles im Alter von fünf Jahren. „Damals drehte ich mit der Kamera meiner Eltern und ein paar Freunden meinen ersten Film“, erzählt er. Es war ein Thriller, eine Verfolgungsjagd – aber nicht mit Autos, nicht mal mit Fahrrädern. „Wir sind gelaufen, mehr konnten wir mit fünf noch nicht.“ Er dreht immer weiter, inzwischen sind es mehr als ein Dutzend Kurzfilme. „Es ist einfach so gekommen, ich habe mich nicht entschieden: Ich werde Regisseur“, erzählt er. Er wollte einfach nur Geschichten in Bildern erzählen. „Könnte ich es mit Worten, dann würde ich einen Roman schreiben und müsste keine Filme machen.“

Finanzierung und Förderung

Denn Filme sind eine unheimliche logistische Herausforderung, so arbeitete Heidenreich bei seinem Taxi-Film mit knapp 100 Leuten zusammen. Und es geht beim Film immer auch um viel Geld – auch bei einem Studiumsfilm wie „Und ich so: Äh“, der immerhin 33 000 Euro kostete. „Alle bekommen Mindestlohn, nur ich bekomme nichts“, sagt Heidenreich und lacht. Die Finanzierung lief über eine Förderung vom Fernsehsender RBB.

Als nächstes muss er das Fördergeld für seinen Abschlussfilm beantragen. „Maximal 133 000 Euro kann man bekommen“, sagt er. „Aber wie viel wir kriegen, wissen wir natürlich nicht.“ Er weiß, dass er eigentlich noch mehr Geld benötigt. Aber immerhin bekommt beim Kurzfilmpreis nicht nur der Sieger 30 000 Euro, auch jeder Nominierte erhält 15 000 Euro für den nächsten Film.

„Wir planen den Drehbeginn für kommenden Herbst“, sagt Heidenreich. Das klingt nach viel Zeit, ist es aber nicht. „Am Buch schreiben wir wieder bis drei Tage vor Drehbeginn“, sagt er und holt sich noch ein paar Filme aus der Bibliothek – als Inspiration für sein eigenes Werk.