Neuglienicke - Thomas Pakropa sitzt auf seinem Kutschbock. Vor ihm zwei schwitzende Pferde und der gelbe Sandweg, über den der Kremser rollt. Hinter ihm die Gäste auf dem Wagen. Es blüht ringsum in großen Tuffs lila, blau und manchmal auch weiß; das ansonsten unscheinbare Heidekraut zeigt in diesen Augusttagen, was es farblich drauf hat. Kiefern, Birken und Ginster geben dem Blick in der Ferne Halt. Über allem spannt sich ein blauer Himmel mit weißen Wölkchen. Bei so einer Fahrt durch die Heide weiß Thomas Pakropa wieder einmal, dass er alles richtig gemacht hat im Leben – und stimmt ein Lied an: „Hoch auf dem gelben Waaagen …“.

Pakropa hat schon vieles beruflich versucht. Zur Wende lebte er als Funk- und Fernmeldetechniker in Berlin-Marzahn. „Was wir gebaut und repariert hatten, gab es plötzlich viel schicker für 99 Mark problemlos im Laden zu kaufen. Also waren wir bei den ersten, die ohne Arbeit zu Hause saßen“, erzählt er. Er verkaufte dann eine Weile Versicherungen, aber schon damals war er sich mit seiner Frau einig: „Wenn Kinder kommen, ziehen wir zurück aufs Land. Sie sollen nicht in einer Großsiedlung aufwachsen.“

Also kehrte er 1996 in seine alte Heimat ins brandenburgische Rheinsberg zurück, wo er die Kindheit verbracht hatte, und kaufte im Nachbardorf Wallitz einen Bauernhof. Er fuhr in seiner Freizeit für Hotels und Familienfeiern gelegentlich mit Kutsche oder Kremser durchs Ruppiner Land. Seine Touren kamen so gut an, dass er sich bald fragte, ob er aus seinem Hobby mit den Pferden nicht einen Beruf machen sollte. Zumal die Versicherungsgesellschaft immer mehr Druck aufbaute, er möge seine Klienten zu neuen Abschlüssen drängen. Abschlüsse, die sie seiner Meinung nach gar nicht brauchen.

Kremserfahrten auf dem früheren Militärgelände

Gedacht, getan. Pakropa lebt heute vom Kremsergeschäft und ist glücklich. Nicht zuletzt, weil ihm die Heinz-Sielmann-Stiftung, die die nahe gelegene Kyritz-Ruppiner Heide von einem ehemaligen Truppenübungsplatz der Sowjetarmee zu einer Nationalen Naturerbe-Fläche umgestaltet, neue Kundschaft bringt. Vom 15. August bis zum 15. September, wenn die Heide blüht, organisiert sie mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) Kutschfahrten auf das immer noch gesperrte Ex-Militärgelände.

Start für die Kremsertouren ist „Bombodrom“, wie der Truppenü bungsplatz genannt wird, ist stets am „Kleinen Waldhaus“ von Klaus Keil in Neuglienicke, in einem winzigen Dörfchen mitten im Wald zwischen Neuruppin und Flecken Zechlin. Auch Keil ist zufrieden über die Zusammenarbeit mit der Sielmann-Stiftung und der Bima, bringt sie doch Gäste in seine Pension, seien es Waldarbeiter, die auf dem Gelände arbeiten, oder Jäger, die dort Wild erlegen dürfen. Oder eben die Teilnehmer der Kutschfahrten, die Keil mit Kesselgulasch oder Kaffee und Kuchen versorgt. Es waren jüngst sogar Leute aus Augsburg und Bonn da, um die Heide zu sehen. Die meisten Gäste kommen aber aus Berlin und Potsdam sowie aus den Städten und Dörfern der Region. Die Leute wollen sehen, was aus dem früheren Truppenübungsplatz geworden ist, seitdem dort Ruhe herrscht.

Keils Waldhaus ist von der Stiftung als Standort ausgewählt worden, weil es einen großen Parkplatz hat. Dort können bequem mehrere Kremser und Dutzende Pkw halten, ohne die Dorfstraße zu verstopfen. Und weil es von Neuglienicke aus nur wenige hundert Meter bis zu einem der Schlagbäume sind, die die Zufahrten zur Kyritz-Ruppiner-Heide begrenzen.

Die Natur heilt ihre Wunden

Lothar Lankow ist der Projektleiter der Sielmann-Stiftung für diese Naturerbe-Fläche im Süden des ehemaligen Bombodrom und hat die Schlüssel, um die Schlagbäume öffnen zu können. Der gelernte Feuerwerker erklärt, dass das Gelände noch auf Generationen mit Munition belastet bleiben wird. Im Kerngebiet müssten fünf bis sieben Euro pro Quadratmeter für die Munitionsentsorgung gerechnet werden. Jeden Quadratmeter des insgesamt rund 12.000 Hektar großen Truppenübungsplatzes beräumen zu lassen, wäre demzufolge schlicht unbezahlbar.

Die Sielmann-Stiftung hat 2011 den Zuschlag für ein 4000 Hektar großes Teilstück im Süden der Kyritz-Ruppiner Heide bekommen. Hier soll sanfter Tourismus entwickelt werden. Die begleiteten Kremserfahrten in diesem Sommer sind ein erster Anfang. Ab Mai 2015 sollen die Kutscher mit ihren Wagen auch allein auf einigen ausgewählten Wegen unterwegs sein dürfen. Im Herbst dieses Jahres werden dazu die Wege so tief befestigt, wie es die Technik hergibt, und die Flächen seitlich der Wege ebenfalls gründlich von Munition beräumt. Geplant sind weiterhin ein Aussichtsturm auf dem zentralen Rastplatz sowie Schutzhütten mit Informationstafeln.

Auf der natürlichen Anhöhe, auf der die Pferde vor dem Rückweg erst einmal pausieren und auf der früher eine Aufklärungsstation der sowjetischen Truppen stand, zeigt Lankow lachend die Stellen, wo Besucher Kaffee, Brause und Bier hinter Kuschelkiefern entsorgen können, ohne dabei Gefahr zu laufen, in die Luft zu fliegen. Geduldig beantwortet Lankow auch alle Fragen nach Flora und Fauna, Manövern und Jagden. Er gestattet den Heidetouristen auch, sich ein Sträußchen der lilafarbenen Calluna zu pflücken, wie die Besenheide auf lateinisch heißt. Schließlich ist die Kyritz-Ruppiner Heide viel, viel größer als die Lüneburger Heide und kann so etwas ab.

Johanna Reußner aus Berlin, die Heidelandschaften liebt und ihren Mann sowie das befreundete Ehepaar Böse zu diesem Ausflug überredet hat, ist begeistert: „Es ist noch schöner als ich dachte. Unglaublich, wie schnell die Natur Wunden wieder heilen kann.“