Jamlitz - Den Befehl, sämtliche Konzentrationslager im Deutschen Reich „judenfrei“ zu machen, erließ Reichsführer SS Heinrich Himmler am 2. Oktober 1942. Von da an wurden die noch vorhandenen jüdischen Häftlinge nach Auschwitz oder Lublin (Majdanek) überstellt. Dieser Umstand begründete eine weit verbreitete Meinung, es hätte auf dem heutigen deutschen Staatsgebiet keine speziellen Judenvernichtungsstätten gegeben.

Das ist falsch. Knapp 100 Kilometer südöstlich von Berlin, in Jamlitz (Dahme-Spreewald), erlitten Tausende Juden ihre planmäßige „Vernichtung durch Arbeit“. Anders als andere Lager war es ein Ort der Shoah, ein Ort, wie es außerhalb der Hauptlager Sachsenhausen und Ravensbrück weit und breit keinen gab. Berlin, die so gedenkbeflissene Hauptstadt mit dem Stelenfeld am einstigen Führerbunker ignoriert den authentischen Schauplatz der „Endlösung“ in der Nähe. Wer sich das erklären will, stößt auf deutsche Geschichten deutschester Art.

Direktanschluss nach Auschwitz

Ende 1943 begann der Bau des KZ-Außenlagers von Sachsenhausen in Jamlitz. Die Wehrmacht war auf dem Rückzug, das „Dritte Reich“ ergriff zu seiner eigenen Rettung immer radikalere Maßnahmen. Himmlers Plan, von jüdischen Häftlingen einen riesigen Truppenübungsplatz für die Waffen-SS errichten zu lassen (siehe Info-Box), zeugt von Panik.

Für den eiligen Bau der Kasernen, Büros, Magazine, Gleisanlagen gab es keine normalen Arbeitskräfte mehr im Reich. In einem „Schnellbrief“ des Reichsicherheitshauptamts an das Auswärtige Amt vom 24. April 1944, Betreff: „Arbeitseinsatz von Juden aus Ungarn im Reich“, wird eingeräumt, dass „ein offener Arbeitseinsatz“ nicht in Betracht komme, „da er im Widerspruch zu der inzwischen im Großen und Ganzen abgeschlossenen Entjudung des Reichsgebietes“ stehe. Einer „Übernahme in Arbeitslager“ stehe jedoch nichts im Wege. Hitler erlaubte die Deportation von etwa 100.000 sogenannter Arbeitsjuden ins Reichsgebiet.

Jamlitz passte: gelegen in dünn besiedeltem Gebiet, leicht abzuschotten. Am Lagertor platzierte die SS einen Stein mit der verschleiernden Aufschrift „Arbeitslager Lieberose“. Der nebenan gelegene Bahnhof bot praktischerweise Direktanschluss nach Auschwitz. Tatsächlich kam die Mehrzahl der Häftlinge für Jamlitz von dort – selektiert zur Vernichtung durch Arbeit in Kommandos mit Namen wie „Sägewerk“, „Holzfäller“ oder „Bunkerbau“. Häufig gingen Waggons voller abgearbeiteter und kranker Häftlinge nach Auschwitz zurück, wo sie in Gaskammern ermordet wurden.

Im Juni 1944 lief der erste Transport aus Auschwitz in Jamlitz ein, 2400 Menschen. Die Bauarbeiten hatten zuvor Häftlinge aus Sachsenhausen vorbereitet, hauptsächlich „Politische“, unter ihnen Russen, Italiener, Norweger, Polen, Deutsche. Insgesamt durchliefen etwa 8000 Häftlinge das Lager; andere Quellen, so Dokumente aus dem Moskauer Staatsarchiv, legen nahe, dass es bis zu 10.000 waren. Mindestens 7000 von ihnen waren Juden aus zwölf europäischen Ländern, vor allem aus Ungarn und Polen, – so viele wie in keinem anderen Lager außerhalb der großen KZ-Stammlager. In der Phase der höchsten Belegung drängten sich 4107 Häftlinge in 18 Baracken. 30 Häftlinge starben im Tagesdurchschnitt, zuerst die extrem geschundenen und nahezu unversorgten Juden. Die Sterberate lag so hoch, dass zeitweise die Hälfte der Toten des gesamten Sachsenhausen-Komplexes mit seinen 100 Nebenlagern und 50.000 Insassen in Jamlitz registriert wurden. Höchstens 400 überlebten – fünf Prozent, vielleicht weniger.

Das schreckliche Ende kam im Februar 1945. Der Evakuierungsbefehl vom 31. Januar lautete auf marschieren oder töten. 3500 Häftlinge waren noch im Lager. Etwa 1600 wurden auf den Todesmarsch Richtung Sachsenhausen getrieben, weniger als 1400 kamen an – und wurden fast alle ermordet. 1342 Zurückgebliebene starben in einer Mordaktion nach dem 2. Februar. In und um das Krankenrevier erschossen die Wachmannschaften die Siechen. Die Toten ließen sie von Häftlingen verscharren, die hernach ebenfalls erschossen wurden.

577 Ermordete wurden 1971 in einer nahen Kiesgrube bei Staakow gefunden und exhumiert, zwölf waren 1959 entdeckt worden. Das Grab oder die Gräber der etwa 700 Anderen blieb trotz intensiven Suchens und Grabens unauffindbar.

Hier beginnen die Folge-Geschichten: die erste des Verdrängens und Vergessens nach dem Krieg, die zweite des passgerechten DDR-Erinnerns an Widerstandskampf statt an Rassenmorde, die dritte des Aufdeckens und Korrigierens nach 1990. Auch letzteres geschah und geschieht auf von Interessenkonflikten seltsam gekrümmten Wegen.

Bald nach dem Krieg nahm der sowjetische Geheimdienst NKWD das Lager Jamlitz in Beschlag. Fortan saßen dort ehemalige Nazis ein, KZ-Aufseher, Gauleiter, HJ-ler, aber auch Gegner der neuen Macht, die sich keines Verbrechens schuldig gemacht hatten. Dieses Lager bestand bis 1947. Anders als zuvor waren die Ortsansässigen jetzt direkt betroffen, schließlich saßen dort auch „ihre Leute“ – Väter, Onkels, Cousinen, Nachbarn. Laut sprechen durften sie darüber bis zum Ende der DDR nicht. Auf dem Lagergelände entstand in den 50ern eine Siedlung für deutsche Flüchtlinge. Bald deutete nichts mehr auf den Leidensort hin.

Die 1971 exhumierten Toten äscherte man gegen alle jüdischen Begräbnisregeln ein und raubte sogar ihr Zahngold. Eine Urne unbestimmten Inhalts kam in ein Mahnmal drei Kilometer von Jamlitz entfernt in Lieberose. Dieses trägt alle Merkmale des antifaschistischen DDR-Gedenkens, das auch die Juden zu Widerstandskämpfern umlog. Lehrer aus Lieberose begannen wenige Jahre darauf als erste, die Geschichte der Gewalt und der Opfer genauer zu betrachten. Ein kleines Museum zeugt von ihrem ehrenhaften Bemühen.

Keine Ehre den Holocaustopfern

Mit der Wende von 1989 kamen die Internierten zu Wort und Recht. Politprominenz wie der damalige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck und Wolfgang Thierse, Vize-Präsident des Bundestags, erwiesen auf dem Internierten-Friedhof den Toten die Ehre. An diesem Ort der Judenvernichtung haben sich bislang weder Ministerpräsident Dietmar Woidke noch etwa ein Bundestagspräsident gezeigt. Von einem Bundespräsidenten ganz zu schweigen.

Heute stehen zwischen Birken, Kiefern und Häuschen einige Informationstafeln, die von den Verbrechen künden, nah bei jenen Baracken, wo das Massaker an 1342 Menschen stattfand. Sie stehen eine Lagerstraßenbreite getrennt von den Tafeln, die an das NKWD-Speziallager erinnern. An der Kiesgrube, in der die Ermordeten gefunden wurden, erlaubt ein auf Betreiben des Zentralrats der Juden 2009 nach rabbinischen Regeln eingerichteter kleiner Friedhof ein würdiges Gedenken. Er wurde schon mehrfach geschändet.

Immerhin gibt es ihn. Aber angesichts der Bedeutung des Ortes, befriedigt der Zustand nicht. Eine kleine Erweiterung der Dokumentationsstätte am KZ wird angestrebt. Weitere Gräber werden wohl nur durch Zufall gefunden. Örtliche Initiativen, die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Vertreter des Zentralrates der Juden, das Land streiten um das Wie des Erinnerns. Von den Berliner Gedenkstätten, etwa der Topographie des Terrors, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas oder dem Haus der Wannseekonferenz, ist kein angezeigtes Interesse bekannt.