Berlin - Kaum hat es angefangen, ist es auch schon wieder vorbei: Am Sonnabend endet das Berlin Festival auf dem Flughafen Tempelhof mit zwei sicherlich sehr guten, im weitesten Sinne dem Techno zuzurechnenden Auftritten von Fritz Kalkbrenner und Pantha du Prince. Wer sich danach noch weiter zu repetitiver Musik bewegen möchte, kann das entweder im festivalzugehörigen Club Xberg in der Treptower Arena tun. Oder – wär doch mal was anderes! – im Berghain, wo das Kölner Kompakt-Label mit einer langen Nacht seinen Geburtstag begeht. Vor 20 Jahren, im März 1993, wurde der Plattenladen in der Kölner Werderstraße gegründet, aus dem dann das gleichnamige Label, der Vertrieb und eine Künstleragentur hervorgingen.

Bei der Berghain-Nacht handelt es sich denn auch um den Abschluss ausgedehnter Geburtstagsfeierlichkeiten in Berlin. Bereits seit dem letzten Wochenende und noch bis zum morgigen Sonnabend kann man im Prenzlauer Berg den temporären Kompakt-Pop-up-Store besuchen. In den Räumen der DJ-Software-Hersteller von Ableton in der Schönhauser Allee 6-7 hat sich das Team um Label-Mitbegründer Wolfgang Voigt ein Plattenladen-Konzeptkunstwerk eingerichtet, in dem Vorträge und Diskussionen abgehalten und Partys gefeiert werden.

Am Freitag wird hier etwa ab 16 Uhr über Gegenwart und Zukunft des Schallplattenfirmenbetreibens debattiert, danach legen DJs des befreundeten Life and Death Labels auf; am Sonnabend sind ebenfalls ab 16 Uhr die Kompakt-Produzenten und DJs Justus Köhncke, Michael Mayer und Coma bei der Arbeit zu hören.

Wolfgang Voigt wiederum hat gerade ein neues Werk namens „Zukunft ohne Menschen“ herausgebracht, ein Multimedia-Projekt, das seine Premiere bei der letzten Art Cologne erlebte und nun als opulente Buch-CD auf seinem eigenen Profan-Label erschienen ist.

Herr Voigt, wie kam es dazu, dass Sie mit „Zukunft ohne Menschen“ zur Art Cologne eingeladen wurden?

Das hatte natürlich auch mit dem Label-Jubiläum zu tun. Aber gerade der Art-Cologne-Direktor Daniel Hug hatte schon länger wahrgenommen, dass Kompakt eine Pop-Art-affine Firma ist. Das betrifft die Layouts, die Strukturen, den Umgang mit Visualisierung und die generelle Nähe zur Bildenden Kunst. Also habe ich die Gelegenheit genutzt, eine Klanginstallation zu zeigen, die an der Schnittstelle von Kunst und Musik liegt. Eine rein computerbasierte, virtuos gespielte Musik, zu der mit digitalen Mitteln übermalte, eigene Bilder gezeigt werden, die wiederum animiert sind. Man könnte sagen: eine Mensch-Maschine. Im Rahmen der Art Cologne wurden diese Elemente zusammengeführt und ausgestellt.

„Zukunft ohne Menschen“ werden Sie auf ihrem Label Profan als klassisches Album veröffentlichen. Geht dabei nicht der künstlerisch-visuelle Aspekt verloren?

Es handelt sich hier um ein interdisziplinäres Projekt im Buchformat. Darin sieht man zehn abstrakte Übermalungen von Fotos und zehn musikalische Beispiele für den virtuosen Umgang mit Maschinenmusik. Preset- und Sequenzermusik sind ja vorgefertigte rhythmische Patterns, die ich so im übertragenden, virtuosen, klavierähnlichen Spiel individualisiere. Das Ganze wird durch die Handschrift des Künstlers zum Leben erweckt. Das Musikalische und Visuelle ist in Form von Buch und CD unmittelbar verbunden. Man kann es als audiovisuelle Klangausstellung betrachten oder es als reines Hörerlebnis benutzen – das ist auch so gemeint.

Was war die generelle Motivation für den Kompakt-Pop-up-Store, der jetzt in Berlin in den Räumen von Ableton zu sehen ist?

Einen runden Geburtstag zu zelebrieren, wird erwartet. Aber das ewige „höher, schneller, weiter“ von Jubelcompilations und Großraumveranstaltungen hat sich überholt. Wir wollten stattdessen an unsere Wurzeln anknüpfen: den guten, alten Vinylplattenladen komprimieren, so dass er in einen Bus passt und auf Reise gehen kann. In unserem Gründungsjahr sind wir ja auch in kleiner Besetzung auf große Raves gefahren. Das ist nun eine sentimentale Erinnerung an die Anfangstage: das Herzstück dessen auszustellen, mit dem wir begonnen haben.

Das klingt beinahe nach Musealisierung von Techno. Sie erwähnten ja bereits Kraftwerks „Mensch-Maschine“, deren 3D-Liveshows zwischenzeitlich in New York und Düsseldorf „ausgestellt“ wurden – gerade auch erst in der Galerie Sprüth-Magers in Berlin.

Techno ist in der Musikgeschichte angekommen. Für mich ist das besonders erfreulich, da ich mich seit jeher als interdisziplinärer Künstler zwischen Bildender Kunst und Musik begreife. Im Falle von Kraftwerk war es höchste Zeit! Es gab diese Ausstellungen aber nur, weil der Kurator des MoMA sich genau dafür einsetzte. In unserem Fall war das ähnlich: Wo sich Musik und bildende Kunst zwanzig Jahre lang überschneiden, darf das auch gezeigt werden. Ich sehe das nicht als Musealisierung, obgleich ich nichts gegen diesen Ritterschlag habe.

Eine sentimentale Retrospektive ist der Kompakt Pop-up-Store aber nicht geworden: Sie veranstalten dort Panels mit Journalisten, Techno-Musikern und -Labels.

Wir wagen da natürlich einen Blick in den Rückspiegel, aber das meiste lenkt den Blick nach vorn. Im Rahmen des Pop-up-Stores ist der Plattenladen ein Aspekt, aber es gibt daneben Aufführungen, Vorträge und Workshops. Im Kölner Stammhaus in der Werderstraße leisten wir anderes als das, was nun im Pop-Up-Store passiert. Früher hatten wir dort ja die Musikmesse Popkomm, heute ist es die c/o pop, in deren Rahmen Inhaltliches stattfindet. Anlässlich des Kompakt-Jubiläums geben wir nun andernorts Gastspiele und bieten dort ein festes Programm an, das sich auf Gegenwart und Zukunft bezieht – die des Labels, aber auch des Genres Techno an sich.

c/o-pop-Mitbegründer Ralph H. Christoph sagte vor rund sieben Jahren, Köln sei „in der internationalen Wahrnehmung deutlich relevanter als innerhalb Deutschlands oder der Stadt selbst. Eigentlich müsste man Kompakt die Hälfte des Kölner Außenwerbungsetats geben, für die Arbeit, die das Label weltweit um den Ruf der Stadt geleistet hat.“

Der Prophet im eigenen Land hat immer ein Problem. Köln hat international, was Musik angeht, einen sehr guten Ruf. Das Rheinland war auch mit Düsseldorf in der Kunst immer relevant – und wird es gerade wieder. Man muss dabei auch nicht immer wieder Can, Kraftwerk und Stockhausen runterbeten. Bei den städtischen Kulturverantwortlichen erfährt mittlerweile auch der Wert von Kompakt und anderen Labels eine Anerkennung. Den Institutionellen wird allmählich klar, dass ein „Sound of Cologne“ eher gut als schlecht für die Stadt ist. Der halbe Etat landet dabei aber immer noch nicht bei uns, das ist natürlich schade.

In anderen Kreisen wird Kompakt gerne unterstützt: Sie haben sich das eigene Bier nach Berlin mitgebracht.

Selbst in der alteingesessenen Kölsch-Industrie ist der Name Kompakt offensichtlich mittlerweile ein Begriff, die unterstützen uns gerne. Wenn man diesen Köln-Spirit als Label zelebriert, dann tritt man ja auch die Flucht nach vorne an, getreu dem Motto: Jetzt erst recht! Und dann bringen wir natürlich auch Gratis-Kölsch mit!

Das Interview führte Walter W. Wacht.

Kompakt Pop-up-Store Berlin:

noch bis Sa (7.9.),

täglich ab 14 Uhr im Haus der Ableton AG, Schönhauser Allee 6-7, Prenzlauer Berg

20 Jahre Kompakt:

mit Rebolledo, Michael Mayer, Tobias Thomas, Justus Köhncke und Kölsch

Sa (7.9.) ab 24 Uhr,

Berghain und Panorama Bar, Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain

Weitere Informationen:

finden Sie unter http://www.kompakt.fm/