Auch ohne freundliche Hilfe findet man seine Lebensmittel.
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BerlinWer länger in Berlin lebt, der wird mit Freundlichkeiten sicherlich nicht verwöhnt. Als ich nach Berlin zog, musste ich immer sehr über einen bestimmten Spruch lachen, den man damals exemplarisch für Berliner Schnoddrigkeit auf jeder noch so drögen Küchen-Kartoffelsalat-WG-Party anbrachte und von dem man glaubte, er würde alles charakterisieren, was Berlin ausmacht:

Kommt eine Frau aus München (wahlweise jede andere westdeutsche Stadt) in eine Bäckerei und frage: „Entschuldigung, kann ich hier Brötchen kaufen?“

Bäckereifachverkäuferin (empathielos): „Wenn ’se die Tür zu machen und hier Wasser reinlassen, dann können ’se hier drin auch ein paar Runden schwimmen.“

Hahahaha! Damals, also vor rund 20 Jahren, fand ich das charmant. Viele Menschen, die ich damals kennenlernte, schworen Stein und Bein, diese Geschichte genauso erlebt zu haben. Oder jemanden zu kennen, der jemanden kennt, dessen Bruder und so weiter.

Mittlerweile hat die Schnoddrigkeit in dieser Stadt und natürlich auch in den sozialen Medien, die ja ebenfalls so eine Art virtuelle Stadt sind, derart drastisch zugenommen, dass sich die Bäckereifachverkäuferinnen-Ankedote ausnimmt, wie die Weihnachtsgeschichte zu einer Schmähschrift.

Unlängst war ich im Biosupermarkt meines Vertrauens, der sich gerne den Anschein der warmherzigen Kundenbindung und des entschleunigten Einkaufens gibt. An der Fleischerei-Theke fragte ich (höflich!!), ob man Lachsschinken habe. Der Fleischereifachverkäufer blickte mich gelangweilt an und wies in Richtung mehrerer Kühlregale und murmelte etwas. Ich verstand das so, dass ich mir eines aussuchen könne und in jedem Lachsschinken liege.

Unsinn, natürlich tat ich das nicht, sondern ich steuerte treudoof auf eine Kühltruhe mit Fleisch zu und fand keinen Lachsschinken. „Da ist er nicht“, rief ich. „In der KÜHLUNG, Mann“, maulte der Verkäufer. „In der KÜHLUNG, nicht in der Truhe. Was ist denn daran so schwer?“ Ich war so perplex ob dieses Ausbruchs, dass ich überlegte, ob ich dem Mann den Lachsschinken aus der KÜHLUNG vielleicht an den Kopf werfen sollte. Tat ich nicht, ich ignorierte ihn einfach und fand das Fleisch schließlich alleine. Immerhin hat er mir keine Schwimmstunden angedroht, dachte ich beim Hinausgehen.