Lärm im Simon-Dach-Kiez: „Gegröle bis nachts um drei“

So schlimm wie in diesem Sommer war es noch nie, sagt Karola Vogel. Bis nachts um drei Uhr seien Touristen-Horden grölend durch die Straßen gezogen und hätten Flaschen auf dem Gehweg zerschmissen. „Zum Schlafen bin ich so manches Mal in meine Werkstatt geflüchtet“, sagt die 51-jährige Veranstaltungsmacherin. Vogel wohnt seit 20 Jahren im Simon-Dach-Kiez. Sie kennt das Viertel. Vor einigen Jahren, sagt sie, konnte man in den Kneipen anrufen, wenn es mal zu laut wurde. Die Wirte hätten dann für Ruhe gesorgt.

Das sei vorbei, seit immer mehr Touristen kämen. „Jeder denkt nur noch ans Geschäft, wir sind allen egal.“ Gemeinsam mit anderen Betroffenen hat Karola Vogel deshalb im Juli eine Anwohnerinitiative gegründet. Sie heißt „Die Anrainer“ und will gegen das vorgehen, was sich jede Nacht vor den Fenstern im Kiez abspielt. Ein Anwalt habe bereits Unterstützung zugesagt. Die Mitglieder der Initiative sind zwischen 20 und 80 Jahre alt, manche leben schon 60 Jahre im Kiez, andere sind erst jüngst zugezogen. Sie sind Studenten, Handwerker und Unternehmer, Mieter und Wohnungseigentümer.

Hausflure als Toilette

„Wir lassen es uns nicht länger gefallen, dass unsere Lebensqualität immer weiter eingeschränkt wird“, sagt Karola Vogel. Sie berichtet von Betrunkenen, die nachts Wohnungsfenster im Erdgeschoss als Theke und Hausflure als Toilette nutzen. Von Bässen, die von Clubs auf dem nahen RAW-Gelände herüber wummern. Von dortigen Clubs, die Bretterbuden angebaut hätten, aus denen zusätzlicher Lärm dringe. „Einige Nachbarn haben Lärmpegel von 80 bis 90 Dezibel vor ihren Fenstern gemessen“, sagt sie. Das sei so laut, als würde ein schwerer Lkw am Fenster vorbeifahren. Und das über Stunden.

Karola Vogel erzählt von einem Nachbarn, der einen Wirt angezeigt habe. Kurz darauf sei der Nachbar auf offener Straße verprügelt worden, zweimal seien die Reifen seines Autos zerstochen worden. Die Polizei ermittele derzeit, ob es einen Zusammenhang zwischen Anzeige und Überfall gibt. Vogel: „Die Familie wohnt seit Wochen auswärts bei Bekannten, sie traut sich nicht in ihre Wohnung.“ Sie berichtet auch von Anzeigen gegen Wirte, die gegen Sperrzeiten verstoßen hätten. Die Bearbeitung der Vorgänge im Amt habe fünf Monate gedauert. In dieser Zeit sei das Saisongeschäft gelaufen.

Karola Vogel sagt: „Berlin muss sich dringend überlegen, was für ein Tourismus in der Stadt gewollt wird.“ Der Party-Tourismus sei zwar ein Wirtschaftsfaktor, aber wieso müsse er in einem Wohngebiet stattfinden?