Berlin - Herausragende Künstler, legendäre Clubs, unbeschränkte Öffnungszeiten – Berlin ist in Deutschland unangefochtene Königin des Nachtlebens. Nicht wenige der 5,1 Millionen Touristen, die es 2017 aus aller Welt nach Berlin gezogen hat, kommen, um hier zu feiern. Doch während die einen ausgelassen tanzen, wälzen sich andere schlaflos in ihren Betten.

Immer häufiger hatten Anwohner in Berlin in den vergangenen Jahren die Nase voll von der Partymeute. Besonders in den Stadtteilen Friedrichshain und Kreuzberg, wo viele Clubs und viele Anwohner auf engstem Raum aufeinanderprallen, wurde Widerstand laut.

50.000 Euro für schalldämpfenden Umbau

Im vergangenen Jahr hat der Senat deswegen erstmals ein Programm aufgelegt, das helfen soll, Anwohner und Partyszene miteinander zu versöhnen. Eine Million Euro investiert der Senat in einen Förderfonds für „Clubs und Musikspielstätten“, die ihren Schallschutz verbessern wollen. Erfüllen Clubs die zahlreichen Bewerbungskriterien, können sie bis zu 50.000 Euro für den schalldämpfenden Umbau ihrer Anlagen oder Räume erhalten.

In Einzelfällen können auch 100.000 Euro ausgeschüttet werden. Der Fonds wird von der Berliner Clubcommission, Interessenvertretung für rund 200 Mitglieder, verwaltet. Im Februar tagt erstmals eine Jury aus Experten, die entscheiden soll, wer den Zuschlag erhält. Wie groß aber ist das Interesse der Clubbesitzer, Rücksicht zu nehmen? 

Lärmbelastung bei Open-Air-Locations

Nach Aussage von Raimund Reintjes, bei der Clubcommission zuständig für das Thema Lärmschutz: groß. Zwölf Berliner Clubs haben bisher Anträge gestellt, zwei davon wollen mit dem Höchstsatz von 100.000 Euro gefördert werden. „Wir könnten schon jetzt den halben Fonds ausschütten“, sagt Reintjes, und Bewerbungen seien weiterhin möglich. „Das Volumen von einer Million Euro wird auf Dauer vermutlich nicht ausreichen.“ Unter den Clubs, die sich bereits beworben haben, befinden sich einige prominente Namen: die legendäre linke Konzerthalle SO36 in der Kreuzberger Oranienstraße, der Open-Air-Techno-Club Ipse am Kreuzberger Flutgraben und der Holzmarkt in Friedrichshain, Nachfolger der einst weltberühmten Bar 25. 

Am Flutgraben ist die Lage für die Anwohner besonders hart, hier reihen sich Locations wie die Ipse, der Club der Visionäre, das Birgit und Bier, das Chalet, die Burg Schnabel und der Festsaal Kreuzberg mit wenigen Schritten Abstand aneinander. Viele der Clubs sind erst seit 2010 hergezogen, fast alle sind Open-Air-Locations. An Sommerwochenenden strömen Zehntausende in den Kiez, um unter freiem Himmel am Ufer zu tanzen.

Clubs bemühen sich um Lärmschutzfonds

Thomas Franke lebt seit 19 Jahren in der Straße Am Heckmannufer, Luftlinie rund 500 Meter von der Partyzone entfernt. Mit Dutzenden Nachbarn hat der Journalist 2016 die Initiative Clublärm am Flutgraben (CLAF) gegründet. Franke ist selbst Technofan und betont, dass er nichts gegen Feiernde hat. Doch die Belastung sei in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, der Kiez sei zum „Ballermann 6“ von Berlin und Schlafen unmöglich geworden. Horden von Touristen würden an Sommer-Wochenenden anreisen. „Wo hört Clubkultur auf, wo fängt Kommerz an?“, fragt Franke. 

Die Ipse reagierte am schnellsten auf die Kritik der Nachbarn. Bereits 2017 habe man „mehrere Zehntausend Euro“ investiert, um die Boxen so umzurüsten, dass die Bässe weniger wummern, sagt Clubmanager Tom Szana. Mit dem jetzt beantragten Geld aus dem Lärmschutzfonds sollen die Boxen noch einmal überarbeitet und anders angeordnet werden. Auch Szana hat Verständnis für die Gegenseite. Pro Woche würden alleine 5000 Besucher die Ipse durchlaufen, multipliziert mit den angrenzenden Clubs sei die Belastung für die Nachbarn enorm.

Lärmproblem für Anwohner nicht gelöst

Die technischen Umrüstungen, auch das zeigt der Fall Flutgraben, sind nur ein Teil der Lösung. Wichtiger waren laut Franke und Szana die Runden Tische, an denen sich Clubbetreiber und Anwohner 2016 und 2017 erstmals aussprachen. Daraufhin wurde ein Beschwerdetelefon für Nachbarn eingerichtet. Wer sich in seiner Wohnung gestört fühlt, ruft seither nicht mehr bei der Polizei an, sondern auf einem Handy, das bei einem Clubmanager liegt, der gegebenenfalls die Regler runterdrehen lässt. Nicht immer klappt das reibungslos. Doch der neue Weg der direkten Kommunikation habe die Lage enorm entspannt, das sagen beide Seiten.

Die Politik hatte an dieser neuen Harmonie wenig Anteil. Franke erzählt, dass sich auf Beschwerden der Initiative zunächst weder Stadtrat Florian Schmidt (Grüne) noch Parteien gemeldet hätten. Erst dank des Einsatzes der SPD-Bundestagsabgeordneten Cansel Kiziltepe, gebürtige Kreuzbergerin, sei es zur Vermittlung gekommen. 

Das Lärmproblem am Flutgraben aber sei für die Anwohner damit noch lange nicht gelöst. Inzwischen fände das Myfest in direkter Nähe statt. „Warum muss jede große Veranstaltung in Kreuzberg stattfinden?“, fragt Thomas Franke. „Wir erwarten von Bezirk und Senat, dass sie die Entwicklung hin zur Monokultur, hin zum Ballermann-Kiez stoppen.“