Berlin - Die Nacht verbringt Nicola Rost am liebsten am Schreibtisch, da könne sie in Ruhe arbeiten, ohne sich abzulenken, sagt sie. Am Tag laufe sie durch die Gegend, da habe sie Sorge, etwas Tolles und Aufregendes in der Stadt zu verpassen. Manchmal endet ihre Nachtschicht erst, wenn beim Nachbarn der Wecker klingelt und die Toilettenspülung rauscht. Aber Nicola Rost kann nicht jede Nacht durcharbeiten, dennoch wird es meistens spät, bis sie ins Bett geht. Und morgens ist sie immer müde.

Jetzt hat dieser Zustand Rost und ihre Band Laing plötzlich bekannt gemacht. Ihr Song „Morgens immer müde“ lief permanent im Radio, ungewöhnlich für eine bis dahin unbekannte Band. Seit ein paar Tagen gibt es einen Nachfolger: „Sehnsucht“ steht bei Radio Eins und Motor FM in den Playlists. Und doch bleibt „Morgens immer müde“ die Initialzündung, ein Glücksfall.

Die Freude darüber sieht man Nicola Rost an. „Wir waren so ungeduldig, aber der langsame Aufbau unserer Band hat sich gelohnt“, sagt die Gründerin, Leadsängerin und Produzentin der Band. Die 26-Jährige sitzt an diesem Nachmittag beim Ingwertee mit Honig in einem Café an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg, sie schaut freundlich und zufrieden. Sie wohnt in der Nähe, vor elf Jahren zog die gebürtige Mannheimerin mit Familie nach Berlin. Da war sie 15.

Ein paar Jahre später, mit Anfang 20, gründete sie mit ihren Freundinnen Susanne Berivan, Johanna Marshall und Marisa Akeny die Band Laing. Die vier sind bis heute mehr Clique als Band, vier Freundinnen, die gemeinsam Musik machen, sich verrückte Bühnenkostüme ausdenken und auf der Bühne tanzen. Die Band nannte Nicola Rost nach dem Mädchennamen ihrer Mutter: Laing. „Das ist eine große Familie mit vielen verrückten Ideen.“ Ein Name als Statement.

Immer auf der Suche

In ihrer Wohnung hat sich Nicola Rost ein kleines Studio eingerichtet: Rechner, Synthesizer, Boxen, Keyboard. Alles passt auf den Schreibtisch. Sie experimentiert, sampelt und covert, produziert elektronische Beats, manche Stücke erinnern an Kraftwerk und Trio, mal verspielt, mal hart, mal minimalistisch. Nicola Rost mag HipHop, Funk, Soul, Techno, Orchester- und Filmmusik, sie steht auf deutsche Dichter, etwa Erich Kästner, sie hört Hildegard Knef, Herbert Grönemeyer, Brecht und Weill. Die Band tingelt seit drei Jahren durch Berlin, tritt im Yaam auf, im Lido, Tacheles im früheren Rodeo-Club und im Admiralspalast.

Nicola Rost ist immer auf der Suche nach deutschen Texten. Im Internet fand sie Lieder von Trude Herr. Die Sängerin (1927-1991) mit der voluminösen Stimme („Ich brauch’ keine Schokolade …“) hatte 1960 „Morgens immer müde“ veröffentlicht. Es ist eine Lobpreisung auf das wilde Nachtleben, es geht ums Feiern, Spaß und diese Unvernunft, abends bloß nicht an den nächsten Tag zu denken. Nicola Rost gefällt das, sie spricht von der „Leichtigkeit des Seins“, für seine Zeit ist das Lied ungewöhnlich emanzipiert. „Das ist ein Lied, das die alten Rollenmodelle der damaligen Zeit aufbricht, Frauen nicht nur als fleißige Hausarbeiterinnen darstellt. Trude Herr ist eine fantastische Figur“, sagt Nicola Rost. Sie bastelte einen flotten Sound zum Text. Die Band spielte das Lied bei ihren Live-Auftritten.

Im Mai erschien Laings erstes Album „030/57 70 78 86“ (hinter der Nummer verbirgt sich ein Anrufbeantwortung in Callcenter-Manier), die Cover-Version von „Morgens immer müde“ wurde zum Hit. Das Lied passt zum Nachtleben der Stadt, es wirkt unbekümmert, sorglos und frech. Schrille Frauenstimmen machen aus dem Oldie eine poppige Partynummer.

Dabei lebt Nicola Rost viel solider und disziplinierter. „Zu Partys gehe ich nur noch, wenn es einen konkreten Anlass gibt“, sagt sie. Etwa, wenn befreundete DJs auflegen oder sie eine bestimmte Band sehen will. Einfach nur mal so die ganze Nacht weggehen, das gibt es bei ihr nicht mehr. „Die Zeit ist mir zu kostbar.“ Noch können Nicola Rost und die anderen von der Musik nicht leben. Sie jobben in Cafés und als Babysitter. Nicola Rost betreut als Tagesmutter Kinder. Und sie arbeitet an ihrer neuen Platte, am liebsten nachts, bis morgens der Wecker des Nachbarn klingelt.