In der zwölften Klasse sprach die Lehrerin Vincent nie mit seinem Vornamen an. Zumindest nicht mit dem richtigen. Nicht etwa, weil sie den Namen nicht aussprechen konnte. Sondern weil sie sich weigerte, anzuerkennen, dass Vincent nun keinen Mädchennamen mehr trug. Der Jugendliche war 17, als er sich öffentlich dazu bekannte, nicht mehr als Frau leben zu wollen, sondern als Mann. Ein Schritt, der ihn bis heute Mut, Kraft und manchmal auch Tränen kostet – und an dem er ohne Unterstützung vielleicht verzweifelt wäre.

Rückhalt hat Vincent beim Jugendnetzwerk Lambda gefunden, einer Anlaufstelle für lesbische und schwule junge Leute, Transgender und Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen. Der Senat stärkt nun die Arbeit von Lambda: In den Räumen des Trägers eröffnete Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Montag das erste queere Jugendzentrum der Stadt.

Diskriminierung und Gewalt

Es richtet sich an Teenager zwischen 12 und 27 Jahren und soll Freiräume, Schutz vor Diskriminierung und Hilfe beim Coming-Out bieten. Im Doppelhaushalt 2018/19 sind pro Jahr 175.000 Euro dafür eingeplant. Damit will der Träger das bisher bestehende Angebot deutlich ausweiten. Neben Jugendgruppen, Schulprojekten, dem Cafétreff und der Bibliothek soll es künftig etwa zusätzliche Räume, ein Patenprogramm, Elternarbeit und eine Infobroschüre für Lehrer und Pädagogen geben.

„Ich wurde oft gefragt, warum es in einer weltoffenen Stadt wie Berlin, wo Politiker und Kulturschaffende offen und selbstverständlich mit ihrer Sexualität umgehen, ein eigenes Zentrum für queere Jugendliche braucht“, sagt Sandra Scheeres. „Doch die Realität zeigt, dass die jungen Leute im Alltag noch immer gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt kämpfen.“

Es braucht ein Zentrum

In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts geben 74 Prozent der befragten Teenager an, Ablehnung im Freundeskreis zu fürchten, wenn sie sich outen. Die Suizidrate bei jungen Menschen, die nicht heterosexuell sind, ist demnach viermal so hoch wie bei anderen jungen Leuten.

„Es ist wichtig, dass die Jugendlichen positive Rollenmodelle sehen, dass sie Kontakt zu Erwachsenen mit ähnlichen Erfahrungen haben und erleben: So, wie die sind, kann man gut leben“, sagt Scheeres. Deswegen brauche es ein Zentrum für queere Jugendliche, nicht nur einen Träger, der auch Angebote für sie hat.

„In einen Badeanzug gezwungen“ 

Auch Vincent will heute Jüngeren bei ihrem Outing helfen. Er ist mittlerweile 19 Jahre alt und hat an diesem Montag ein Freiwilliges Soziales Jahr bei Lambda begonnen. „Viele der Kids zeigen sich hier offen lesbisch, schwul, trans oder bi, aber nicht in ihrem Freundeskreis, der Schule und in der Familie.“ Wie schwer der Schritt aus dem Verborgenen inmitten einer pubertierenden Schulklasse fällt, daran erinnert sich Vincent noch gut. „Sie nannten mich ,Quotentranse’, ein paar Jungs steckten meinen Kopf in die Toilette“, sagt er. Obwohl sich viele Mitschüler hinter ihn stellten, ließen die Mobber nicht von ihm ab.

Auch waren ihm Lehrer auf dem Weg zu sich selbst selten eine Hilfe. „In der Grundschule nannte ich mich Frank, wollte unbedingt mit einer roten Badehose zum Schwimmunterricht gehen – und wurde von den Lehrkräften in einen Badeanzug gezwungen.“ Schon damals, sagt Vincent, habe er ein diffuses Gefühl gehabt, dass er nicht in diesen Badeanzug gehört. Den Namen „trans“ bekam dieses Gefühl, als er mit 14 zufällig in einem Workshop von Lambda saß, den das Netzwerk für die Schülervertreter der Pankower Schulen organisiert hatte.

Outing durch den Lehrer

Mit 16 vertraute er sich einem Lehrer an. „Dann wollte ich mich vor der Klasse outen, hatte mir Worte für die Ansprache zurechtgelegt – und als ich ins Klassenzimmer kam, hatten Lehrer auf dem Beamer eine Präsentation über Transidentitäten vorbereitet. Da saß ich dann und hörte meinem eigenen Leben zu. Die Entscheidung, mit welchen Worten ich von mir erzähle, hat mir die Lehrkraft abgenommen.“

Vincent glaubt nicht, dass der Lehrer es böse meinte. „Diskriminierung entsteht oft, wenn Lehrer alles richtig machen wollen. Etwa, wenn sie sagen, sie dürfen mich erst mit einem Jungennamen ansprechen, wenn sie einen Ausweis sehen.“ Dass Vincent sich nicht ernst genommen fühlte, wenn er den Mädchennamen hörte, dass das war, als würde seine neue Identität bloß für eine Phase gehalten, verstanden Lehrer nicht.

Vincent ist froh, jetzt das FSJ zu beginnen. Denn die Schule hat er verlassen. Vor dem Abschluss. Weil der Druck auf ihn als Transperson zu groß war. Er will jetzt anderen helfen, dass es nicht so weit kommt.