Ingrid Stahmer ist Sprecherin der Landesarmutskonferenz, eines Dachverbandes für in der Sozialarbeit tätige Organisationen. Die frühere langjährige SPD-Senatorin warnt davor, dass künftig viele Berliner von Altersarmut betroffen sind. Neben einer Reform des Rentensystems setzt sie sich für bezahlbare Wohnungen und eine gezielte Förderung von Kindern aus kleinen Verhältnissen ein.

Frau Stahmer, es gibt die Sorge, dass die zugezogenen Flüchtlinge gegen einheimische Einkommensschwache ausgespielt werden. Nach dem Motto: Für uns ist seit Jahren kein Geld da, aber für die Flüchtlinge. Was entgegnen Sie?

Ich weise schon länger darauf hin, dass wir bezahlbaren Wohnraum schaffen müssen. Nicht nur für die Flüchtlinge, sondern für die vielen Berliner Wohnungslosen, die arbeitslos oder aus gesundheitlichen Gründen verarmt sind und seit zwei, drei Jahren keine Wohnung finden. Insofern ist es gut, dass das endlich in Angriff genommen wird.

Da mussten erst die Flüchtlinge kommen?

Ja, wir haben jahrelang Brandbriefe geschrieben, dass es keine preisgünstigen Wohnungen mehr gibt. Aber wir hatten den Eindruck, dass insgesamt die gesellschaftliche Haltung vorherrscht: Die sind eh arm und liegen uns auf der Tasche. Das ist eine gruselige Zukunftsaussicht für die Betroffenen. Viele Rentner sparen inzwischen am Essen, weil die Miete so gestiegen ist. Kinder sind von der Kita angefangen als arm ausgegrenzt. Durch Bau- und Mietenpolitik kann man dieser Entwicklung stark entgegenwirken.

Entstehen dann nicht Ghettos?

Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften haben die klare Order, die Berliner Mischung wieder herzustellen. Früher wohnten in vielen Bezirken alle miteinander. Inzwischen gibt es zum Beispiel in Spandau Gegenden, die abgehängt sind. Ich habe Anfang der 90er-Jahre das Quartiersmanagement erfunden, damit in solchen Kiezen ein Gemeinschaftsgefühl entsteht.

Das heißt aber, dass es schon lange verfestigte Armutsstrukturen gibt.

Das ist auch historisch bedingt. West-Berlin etwa war eine verlängerte Werkbank. Aus Westdeutschland wurden Schweine geschickt, hier wurden die Ohren abgeschnitten. Damals entstanden viele einfache Jobs. Diese Menschen sind heute arbeitslos.

Die Stadt erlebt ein Wirtschaftswachstum, die Arbeitslosenzahlen sinken, der Mindestlohn wurde eingeführt. Hat auch die Armut abgenommen?

Nein, weil es so viele prekäre Beschäftigungsverhältnisse gibt, die aus der Arbeitslosenstatistik herausfallen. Viele Berliner haben Mini-Jobs angenommen und müssen beim Sozialamt aufstocken.

Vor allem in der Dienstleistungsbranche gibt es prekäre Jobs. Ist das für die Beschäftigten eine Falle, aus der sie nicht mehr herauskommen?

Nicht nur. Mit einer kleinen Arbeitsgelegenheit verdienen die Menschen zwar nicht genug zum Leben, aber sie bekommen Anerkennung. Auch Ältere, die ihre Mini-Rente aufbessern, sind zufrieden, wenn sie solche Jobs annehmen können. Migranten oder schlecht Ausgebildete allerdings finden aus solchen Arbeitsverhältnissen kaum heraus.

Was hat das für Folgen?

Vielen droht die Armut im Alter. Die Rente ist auf 45 Jahre Berufstätigkeit mit steigendem Einkommen angelegt. Das gibt es so gut wie nicht mehr. In der Arbeitswelt sind viele Jobs befristet, auch an den Unis. Wenn Arbeitnehmer Glück haben, erhalten sie noch eine Betriebsrente. Aber viele werden bei einer Absenkung des Rentenniveaus einen Absturz erleben. Das betrifft insbesondere auch Selbstständige. Daher muss das Rentensystem verändert werden. Doch das größte Problem der Armut ist weiterhin Bildungslosigkeit. Die meisten Arbeitslosen sind ohne Ausbildung.

Die Sozialdemokratie stand mal dafür, dass soziale Grenzen durchlässig sind und Kinder aus kleinen Verhältnissen den Aufstieg schaffen. Warum funktioniert das nicht mehr?

Ihre Chancen sind deutlich geringer als die aller anderen, aber grundsätzlich ist ein Aufstieg immer noch möglich. Der Anteil türkischstämmiger Berliner etwa, die Abitur machen, ist gar nicht so gering. Grundsätzlich ist inzwischen die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinandergegangen, dass viele arme Menschen als Sozialmuftis abgestempelt werden. Wenn Eltern nicht von Anfang an den Wunsch haben, dass ihre Kinder Abitur machen, wird es schwer für sie. Sie brauchen die Anerkennung ihrer Fähigkeiten.

Warum wollen Eltern nicht, dass es ihre Kinder mal besser haben?

Es gibt immer mehr Familien, in denen Armut vererbt wird. Die Kinder wachsen in Lebensumstände hinein, die von Frust geprägt sind. Ihnen fehlen die elterlichen Vorbilder, sie entwickeln eine Lebenshaltung, dass sowieso alles keinen Sinn macht. Wenn sie dann eine Lehrstelle suchen und zweimal abgelehnt werden, fangen sie sich nicht mehr.

Umso mehr ist die Schule gefordert. Was läuft da falsch?

Die Eltern jedes dritten Schulkindes sind von der Zuzahlungspflicht für Lehrmaterialien befreit. Als ich noch Senatorin war, habe ich verhindert, dass man dafür Geld nimmt. Denn die betroffenen Kinder werden früh als arm identifiziert und sozial ausgegrenzt. Alle schauen auf sie, weil sie nicht die angesagten Turnschuhe tragen. Ich hatte früher auch nur eine Strickjacke, aber das interessierte keinen. Zudem müsste die Lehrerausbildung sich viel mehr auf individuelles und differenziertes Lernen ausrichten. Die Kinder müssen nicht nur die Ohren spitzen, ihre Selbstkräfte müssen geweckt werden. Diese Förderung muss schon in der Kita beginnen. Die komplette Abschaffung der Kita-Gebühren ist ein guter Ansatz. Schon die Beitragsfreiheit für Fünf- und Sechsjährige hat eine Menge gebracht. Wir brauchen jetzt schnell 20 000 neue Kitaplätze.

Das Gespräch führte

Thorkit Treichel.