Berlin - Mit politischen Äußerungen hält sich Claudia Lux sehr zurück. Doch man kann sich gut vorstellen, dass die Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) Berlin bereits jetzt eine Anhängerin der geplanten Großen Koalition ist. Denn die bisher sehr harmonisch verlaufenden rot-schwarzen Koalitionsgespräche bringen die 61-Jährige ihrem großen beruflichen Ziel ein gutes Stück näher: Der schon so lange geplante und immer wieder verworfene Neubau der Landesbibliothek soll nun endlich verwirklicht werden. SPD und CDU haben sich am Montag darauf geeinigt, dass am Rande des stillgelegten Flughafens Tempelhof eine neue Bibliothek entstehen soll. Mit dem Bau soll in dieser Legislaturperiode begonnen werden. Die Kosten werden auf 270 Millionen Euro geschätzt, die Koalitionäre wollen aber noch einmal nachrechnen, um Einsparmöglichkeiten auszuloten.

Masterplan auf 191 Seiten

Claudia Lux rechnet damit, dass die Landesbibliothek im Jahr 2020 eröffnet werden könnte, „wenn wir jetzt gleich anfangen“, sagt sie. Wobei „anfangen“ in ihrem Fall vielleicht nicht das richtige Wort ist. In der Zentral- und Landesbibliothek hat man nämlich schon seit zwei Jahren einen Masterplan fertig, in dem auf 191 Seiten beschrieben ist, wie das neue Gebäude beschaffen sein müsste. Wenn Claudia Lux ihn erläutert, wird eines schnell klar: Eine Bücherei im klassischen Sinne wird die neue Landesbibliothek sicher nicht werden.

Die Generaldirektorin spricht vielmehr von einem „dritten Ort“ für die Berliner, einem Ort zwischen den eigenen vier Wänden zu Hause und dem Arbeitsplatz, wo man sich zwanglos aufhalten kann, andere Menschen treffen, sich unterhalten und lesen oder andere Medien nutzen kann. Als richtungsweisend nennt sie die Openbare Bibliotheek Amsterdam, die nicht nur ein tolles Restaurant für ihre Besucher, sondern auch einen eigenen Radiosender hat. „Dort treffen sich die Menschen abends zu kulturellen Veranstaltungen, die gleichzeitig im Radio übertragen werden“, sagt Lux. Mit dem Neubau auf dem Tempelhofer Feld verbindet sich daher eine neue Strategie der Bibliotheksnutzung. „Wir sehen nicht mehr nur den einzelnen Kunden, der hierher zum Lesen oder Bücherausleihen kommt, sondern wenden uns auch an Gruppen, die die Bibliothek als ihren Treffpunkt ansehen.“ So träfen sich in der Amerika-Gedenkbibliothek regelmäßig verschiedene Migrantengruppen.

Eine Metropolenbibliothek muss nach Meinung der ZLB-Chefin aber noch mehr leisten können. In New York etwa seien viele Freiberufler und auch kleinere Firmen nach den Anschlägen am 11. September 2001 in die umliegenden Bibliotheken ausgewichen, um weiterarbeiten zu können. „Dort hatten sie den Zugang zu allen Medien, die sie brauchten und konnten den Kontakt untereinander halten“, sagt Claudia Lux. Und schwärmt gleich weiter von Einrichtungen in Singapur, in denen die Nutzer in digitalen Bibliotheken eigene Videofilme drehen, bearbeiten und anschließend gleich mitnehmen könnten.

Bücher von Wasserschaden bedroht

Die derzeitigen Verhältnisse in Berlin sind dagegen eher ernüchternd. Aufgeteilt auf zwei Standorte, die Berliner Stadtbibliothek in Mitte und die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) in Kreuzberg, bietet die Landesbibliothek an keinem Standort ideale Bedingungen. Der Bau der AGB am Halleschen Tor stammt aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts und müsste dringend saniert werden. Zur Zeit wird dort im Eingangsbereich eine neue Klimaanlage installiert. Das Gebäude könnte künftig vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg für kulturelle Zwecke genutzt werden.

Die Berliner Stadtbibliothek wiederum ist in der Breiten Straße in Mitte im alten Marstall unterbracht, einem ehemaligen Pferdestall. Trotz diverser Umbauten bietet das Gebäude schon allein klimatechnisch keine guten Bedingungen für die Aufbewahrung der Bücher und anderen Medien. Zum Jahreswechsel mussten der Lesesaal wegen eines Wasserschadens gesperrt und 120.000 Bücher provisorisch mit Plastikplanen abgedeckt werden.