In der großen, schönen Marienkirche von Wittstock an der Dosse haben sich vor dem Altar Blumen zum Gottesdienst versammelt. Hat bei dieser schlichtweg hinreißenden Installation einer „blühenden Gemeinde“ – kleine Kisten mit gespendeten Blühpflanzen, die auf hohen Hockern aufgestellt wurden – der herrliche Choral „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit“ des Berliner Predigers Paul Gerhard Pate gestanden? Angemessen wäre es zur Eröffnung der Landesgartenschau. Ein Ereignis, das viele nach Draußen locken soll, hin zu den Blumen und den Hainen.

Auf der Landesgartenschau in Wittstock sollen eine Million Blumen gepflanzt sein

Schon am jetzt vorzüglich restaurierten Bahnhof – die Touristeninformation erhält hier einen ihrer Standorte (mit bisher allerdings rätselhaft knappen Öffnungszeiten gerade am Wochenende, wenn die Touristen kommen werden) – wird man von Blumen begrüßt, die in etwas absurd geschwungenen Beeten mitten auf dem Bahnsteig gepflanzt sind; auch hier muss man hoffen, dass genug Geld für den Unterhalt der Anlagen nach der Gartenschau eingeplant ist, sonst sieht so etwas schnell räudig aus. Jetzt aber freut man sich an den Farben und staunt vor den Bäumen, die in einem Eisenbahnwaggon stehen. Erinnert an jenen netten kleinen Film mit Donald Duck und den beiden Hörnchen, deren Baum schließlich per Modelleisenbahn umgepflanzt wird. Es gibt viele solche Momente in Wittstock, bei denen man ins Schmunzeln kommt. 

So etwa der „Wachsende Garten“, auch er nahe des Bahnhofs eingerichtet. Jetzt sieht er noch etwas wüst aus, bald werden hier Gärtner und Gartenfirmen, aber auch Gartenbegeisterte zusammen ständig neue Minigärten, die Trockenmauern und Hochbeete gestalten können, nach quasi spontanen Ideen aus einem Fundus von Pflanzen, die am Rand stehen. Von hier aus sieht man auch schon den sorgsam aufgefrischten Friedrich-Ebert-Park, vor vielen Jahrzehnten in den Niederungen der Ginze entlang der westlichen Stadtmauer nach dem Vorbild englischer Landschaftsparks und jener mit weiten Spielrasen versehenen Volksgärten entstanden, die in den 1920er-Jahren die Gartenkunst revolutionierten. Durchaus konsequent, dass hier über den Narzissen und Tulpen – angeblich sollen eine Million Knollen versenkt worden seien, man glaubt es gerne angesichts der blühenden Flächen – Hängematten im Wind schwingen.

Wittstock zeigt den Erfolg von Förderpolitik

Es gibt kein offizielles Thema der Landesgartenschau, aber inoffiziell könnte man es mit „Renaissance des Stadtparks“ umschreiben. An der alten Bischofsburg – unbedingt besuchen: Die Ausstellung zur Stadtgeschichte und zur Schlacht von Wittstock im 30jährigen Krieg – treffen die Ausläufer des Ebert-Parks mit den weiten Wiesen zusammen, die heute als Park am Bleichwall bezeichnet werden. Auf der einen Seite die alte Stadtmauer mit den niedrigen Häusern und dem hohen Kirchendach dahinter, auf der anderen, jenseits der wieder in natürlichen Schwüngen laufenden Dosse, eine hoch ragende Fabrik aus dem Jugenstil. Reichlich verfallen. Aber bis 2025 soll hier ein Bildungszentrum entstehen.

Der neue Park wird von weiten Rasenflächen und leicht geschwungenen Wegen geprägt, unglaublichen Mengen von Blüten, zwischen denen lustig halbrunde Sitzkessel stehen. Sie sehen selbst aus wie große Blüten. Über eine Brücke kommt man zu den drei Modell-Kleingärten. Beete, rückenschonend in hohen Planken gefasst, ein Glashaus, und ein sehr herzhafter Rosenschnaps sind zu erleben.

Eine Million Knollen – das ist genau so viel, wie auch für die Bundesgartenschau in Heilbronn gepflanzt wurden, die ebenfalls an diesem Wochenende ihre ersten Besucher empfängt. Dort allerdings entstand ein ganzes neues Stadtviertel mit Wohnungen für 3500 Menschen. Eine ökologische Modellstadt. Wittstock dagegen zeigt zwar mit seinen schönen Straßen und Plätzen – und etlichen vorzüglichen Neubauten wie etwa dem Kindergarten neben der Marienkirche oder der exquisiten Stadtbibliothek in einem alten Tuchmacherhaus – den Erfolg von dreißig Jahren andauernder Förderpolitik und immensen privaten Engagements . Dennoch, so manches Haus ist noch verrottet, die Folgen von Deindustriealsierung und Abwanderung längst nicht verkraftet.

 „Blühende Gemeinde“ auf der Landesgartenschau Wittstock

Fontane darf nicht fehlen. Allerdings erwähnte er Wittstock, knapp an der Grenze zu Mecklenburg gelegen, nur am Rand, als eine der Städte an der Dosse und Ort historischer Gegebenheiten. Da hat er eine Schönheit übersehen. Jetzt aber sieht man da zwei niedliche Fontane-Garten, einen direkt unterhalb der Burgmauern, eingehegt von Apfel-Spalieren, wie sie das Biedermeier liebte, mit geometrischen Grundformen, Rittersporn, einigen Himbeer- und Johannisbeersträucher. Abstrakt eine Erinnerung an den Garten der Eltern von Fontane. Der andere Fontanegarten steht auf einer Bodenwelle im neuen Park an der Bleiche, rote Holzgerüste – jetzt sehen sie noch sehr martialisch aus – an denen sich bald 80 verschiedene Himbeersorten ranken sollen. Ein Gedicht Fontanes lobte die zarte Frucht als Mittel der Erinnerung an eine vergangene Liebe.

Hier in Wittstock eine Landesgartenschau der Avantgarde zu erwarten, wäre schon im Ansatz falsch. Es geht darum, die Stadt schöner, lebensvoller, auch heiterer zu machen. Aber ganz im Nebenher ist diese Landesgartenschau doch auch eine Attacke auf den neuesten Landesentwicklungsplan Brandenburgs. Er sieht vor, dass die Kraft des Landes und seine Subventionen sich vor allem entlang der Eisenbahnlinien entfalten sollen, die nach Berlin führen. Das Seestern- oder, negativer, das Krakenmodell. Ein ultrakonservativer Ansatz, der das Umland von Großstädten nur als deren Zulieferer betrachtet.

In Wittstock aber kann man erleben, welcher Segen die weiträumige Verteilung der Gelder sein kann, wie die in den 1990ern debattierte „Dezentrale Konzentration“ wirken könnte, die damals der Wirtschaftskrise und der Dominanz Berlins zum Opfer fiel. Aber erst sie gibt Kommunen die Chance auf eine eigenständige Entwicklung, eine Identität, eine eigene Aufgabe. Womit wir wieder bei der „Blühenden Gemeinde“ in der Marienkirche sind: Geh aus mein Herz und suche Freud ...