Berlin - "Was meinst du - 99,8 oder 99,7 Prozent?", fragte eine grüne Abgeordnete am Sonnabendmittag in der Jerusalemkirche einen Mit-Grünen. Die Antwort gaben die Berliner Delegierten prompt per Stimmzzettel: Am Ende waren es immer noch stolze 94,5 Prozent, die Bettina Jarasch, 44, auf dem Landesparteitag das Vertrauen aussprachen. Auch Daniel Wesener trat wieder an. Den 37-Jährigen wählten 95,4 Prozent. Beide übertrumpften damit ihre eigenen Ergebnisse vor zwei Jahren deutlich: Jarasch um mehr als zehn, Wesener gar um fast 20 Prozent.

Die Grünen Berlin trafen am Wochenende die letzten Vorbereitungen für den Bundestagswahlkampf in diesem Jahr, der nach Wunsch der Partei einen rot-grünen Regierungswechsel bringen soll. "Starke Basis für den Wechsel" lautete das Motto der Landesdelegiertenkonferenz, auf der neben dem Landesvorstand auch verschiedene Parteigremien und die hinteren Plätze der Bundestagswahlliste gewählt wurden. Zu Gast waren etwa die Bundestagsabgeordnete Renate Künast, kürzlich erneut zur Spitzenkandidatin für die Hauptstadt gewählt, und der Europaparlamentarier Reinhard Bütikofer.

Zumindest Waffenruhe

Die Gastrede hielt die grüne Vize-Ministerpräsidentin aus Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann. Deutschland habe mit Schwarz-Gelb die schlechteste Bundesregierung aller Zeiten, sagte sie, seit 2010 Bildungsministerin im rot-grünen NRW-Kabinett von Hannelore Kraft (SPD). "Wenn Rot-Grün geht im September, dann machen wir Rot-Grün", sagte sie. Es sei immer knapp gewesen.

Berlins Grüne, so scheint es, haben den Tiefpunkt der vergangenen Amtszeit ihrer Führungsspitze leidlich überwunden. Das Scheitern einer rot-grünen Landesregierung im Herbst 2011 brachte vor allem die Fraktion in heftige Schwierigkeiten, man haderte mit der Spitzenkandidatin Renate Künast und der eigenen Aufstellung, es gab Kämpfe zwischen linkem und pragmatischen Flügel.

Inzwischen ist zumindest Waffenruhe eingekehrt, die Umfrageergebnisse liegen in Berlin wieder auf Höhe der beiden Konkurrenten CDU und SPD. Die Fraktionsvorsitzende Ramona Pop versuchte es am Sonnabend so auf den Punkt zu bringen: "Wer diese Stadt liebt, der kann sich nur eine andere Regierung wünschen", sagte sie. "Und die gibt es nur ohne Klaus Wowereit."

Grüne wollen Green Economy fördern

Zum Selbstgefühl der Partei passt, dass es viele Verlautbarungen, dafür wenig Debatten und so gut wie keine Fragen an die Kandidatinnen und Kandidaten gab. Bei Forellenbrötchen mit Rucola und Soja-Chili wurde diszipliniert durchgestimmt. Die Autorin und engagierte Katholikin Jarasch und der linke Kreuzberger Aktivist Wesener konnten die Delegierten am Sonnabend auch vom Leitantrag des Landesvorstands überzeugen.

Die Grünen wollen "anders wirtschaften", steht darin, gemeint ist ein "Green New Deal" für die Hauptstadt. So schlägt die Partei ein neues Wirtschafts-und Forschungsnetzwerk ("Cluster") für die sogenannte Green Economy vor, damit Berlins Unternehmen bei innovativen Umwelttechnologien führend werden.

Kritik an Rot-Schwarz

Berlin, sagte Jarasch, solle zur Modellregion einer ökologischen und zugleich sozialen Wirtschaft werden. Das soll unter anderem mit der Entwicklung von Tegel als Zukunftsort neuer grüner Technologien, mit ressourcenschonender Gesundheitswirtschaft und modernen Mobilitätskonzepten gelingen. "Weil wir der Wirtschaft viel abverlangen, müssen wir auch auf die gesamte Wirtschaft zugehen", sagte Jarasch. Rot-Schwarz nutze die derzeitige Dynamik des Standorts Berlin nicht genug, auch nicht, um das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen zu beseitigen oder prekäre Jobs zu bekämpfen. Die Grünen hätten stattdessen etwa einen Entwurf für ein landesweites Mindestlohngesetz vorgelegt, sagte Jarasch.