Drei Schüsse auf das Opfer: War es ein Mord aus Rache oder Totschlag?

Ein Fall aus Berlin-Wedding erregt Aufsehen, weil dabei auch der Vorwurf eines „Ehrenmordes“ im Raum steht. Am Dienstagnachmittag fiel das Urteil.

Freunde und Angehörige des Opfers im Gericht: Auf ihren Shirts ist ein Foto von Mahmoud F.
Freunde und Angehörige des Opfers im Gericht: Auf ihren Shirts ist ein Foto von Mahmoud F.Pressefoto Wagner

Unbestritten ist das Ergebnis der brutalen Tat, die sich am 23. November 2021 in einer Hinterhauswohnung in der Müllerstraße im Wedding abgespielt hat. Ein Mann, Mahmoud F., wurde mit drei Schüssen aus einer illegal gekauften Pistole erschossen. Der 39-Jährige wurde tot auf einem Sofa gefunden, mit einem Kissen über dem Gesicht. Das Kissen diente offensichtlich als Schalldämpfer für den tödlichen Schuss, der seinen Kopf durchschlug. Die Tatverdächtigen waren schnell ermittelt. Sie stammen aus libanesischstämmigen Familien und kommen aus Bonn: Mhamed Ha. soll geschossen haben. Ahmad Ho. gilt als Mittäter.

Ihr Gerichtsverfahren erregt nicht nur Aufsehen, weil das Urteil am Dienstag in Saal 142 des Landgerichts Berlin gesprochen wurde, in einem neuen modernen Hochsicherheitssaal, der in das altehrwürdige Gerichtsgebäude eingebaut wurde. Die beiden Angeklagten wurden durch Nebengänge in den Saal geführt, saßen einzeln in Kabinen, abgeschirmt hinter schusssicherem Glas.

Vor allem sorgt der Prozess für Schlagzeilen, weil der Begriff des „Ehrenmordes“ im Raum stand. Der steht zwar nicht im Strafgesetzbuch, wird allerdings häufig benutzt, um Motive für Morde zu erklären, deren Täter mit ihrer gezielten Bluttat die angebliche Ehre ihrer Familie schützen wollen. Meist handelt es sich bei den Opfern um Frauen, die sich nicht an die strengen Regeln ihrer oft muslimisch oder streng patriarchalisch geprägten Familien halten wollen. Frauen, die etwa mit Männern zusammenleben, die die Familie nicht akzeptiert. In diesem Fall ist das Opfer ein Mann.

Wie ist diese Tat zu bewerten? Das war die abschließende Frage, die am Dienstag von der 30. Großen Strafkammer unter dem Vorsitz von Gregor Herb mit ihrem Urteil zu beantworten war.

Unangemeldeter Besuch mit illegaler Waffe

Für die Richter ging es darum: War es ein brutaler und geplanter Mord, wie es die Staatsanwaltschaft sieht? Die Anklage hat für den Haupttäter eine lebenslange Haftstrafe gefordert und die Anerkennung der besonderen Schwere der Schuld, weil gleich vier Mordmerkmale erfüllt waren. Oder war es ein Fall von Totschlag, weil ein vollgekokster Mann eigentlich nur die Aussprache mit dem späteren Opfer suchte und Aufklärung über den Tod seiner Schwester wollte? Das Gespräch sei dann aus dem Ruder gelaufen, Schüsse fielen. So plädierte Philipp Thiée, der Anwalt des Hauptangeklagten, am Dienstagvormittag. Er geht von Totschlag aus.

Der Vorsitzende Richter sprach am Nachmittag das Urteil und folgte dabei der Anklage: Die Tat war kein unangemeldeter Besuch um 7 Uhr morgens mit einer illegalen Waffe, der dann aus dem Ruder lief. „Es war ein Mord mit einem Bündel an Motiven“, sagte Gregor Herb. Die Motive eint, dass es alles niedrige Beweggründe gewesen seien. Der Täter habe das Opfer für den Tod seiner Schwester verantwortlich gemacht und wollte nicht, dass er nun auch noch die gemeinsamen Kinder bekomme. Das Wort Ehrenmord benutzte der Vorsitzende Richter nicht, sprach aber von „Selbstjustiz auch aus Rache“.

Die Tat sei langfristig geplant gewesen. Über Wochen habe der Hauptangeklagte eine Waffe gesucht, mehrere getestet und jene aussortiert, die nicht gut funktioniert haben, bevor er eine Waffe für 2700 Euro kaufte. Der Richter sagte: Wenn der Täter das Opfer nur hätte bedrohen wollen, hätte auch eine schlechte Waffe ausgereicht. Wer so viel Wert auf die Auswahl einer funktionstüchtigen Waffe lege, „der möchte nicht nur drohen, sondern auch schießen“. Der Haupttäter müsse lebenslang in Haft. Sein Mittäter wurde wegen schweren Raubes zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Das Opfer Mahmoud F. war 39 Jahre alt. Er stammt ebenfalls aus dem Libanon, kam nach dem Abitur mit einem Studentenvisum nach Berlin, studierte Maschinenbau und stieg 2015 in die Umzugsfirma eines Bruders ein. Er lebte ohne Trauschein mit der Schwester des Hauptangeklagten zusammen. Doch Mirvat starb überraschend. Bei dem Prozess wurde gesagt, es sei eine natürliche Todesursache gewesen, bedingt durch ihre Herzerkrankung. Doch ihre Familie warf Mahmoud angeblich vor, er habe mit ihr gestritten, und als sie umfiel, habe er zu spät Hilfe geholt und sei somit schuld an ihrem Tod. Ein weiteres Motiv für die Bluttat war laut Anklage, dass die Familie verhindern wollte, dass Mahmoud F. das Sorgerecht für die beiden minderjährigen Kinder bekommt.

Die Anklage ging von vier Mordmerkmale aus. Die Täter gingen heimtückisch vor, weil der Schwager von dem Überraschungsbesuch nichts wusste und die beiden völlig arglos in seine Wohnung gelassen hatte. Die Täter handelten aus niederen Beweggründen, weil sie Rache nehmen wollten. Sie handelten aus Habgier, weil sie auch das Geld aus der Wohnung holen wollten, das die Familie an Mirvat gegeben hatte. Außerdem diente die Tat dazu, eine weitere Straftat zu ermöglichen: Die Familie wollte amtliche Dokumente zu den minderjährigen Kindern erlangen. Der Richter sagte, er sehe nur zwei Mordmerkmale: Mord aus niederen Beweggründen und Mord, um die Unterlagen zu rauben.

Vor dem Urteilsspruch hatte der Hauptangeklagte die Chance zum letzten Wort genutzt. Üblicherweise bekennen sich Angeklagte dort noch einmal zu ihrer Schuld oder entschuldigen sich bei den Hinterbliebenen des Opfers. In diesem Fall kamen von Mhamed Ha. keine Worte der Reue, sondern eine minutenlange Auflistung all der angeblichen Lügen, die sein Mittäter angeblich erzählt hatte. Denn dessen Aussagen waren die Grundlage für die Verurteilung wegen Mordes.

Mhamed Ha. sagte, er habe gar nichts gegen den Lebenswandel seiner Schwester gehabt. „Wie könnte ich meiner Schwester verbieten, mit einem Mann zu schlafen, nur weil sie keinen Trauschein haben“, sagte er. Da gehe es doch um Gefühle; mit jemandem zu schlafen, sei ein Glücksmoment. „Warum sollte ich meiner Schwester verbieten, glücklich zu sein?“ Das sagte der Mann, der den Vater der Kinder seiner Schwester erschossen hat und dafür nun verurteilt wurde.