Von vielen wurden die Wahlen in Brandenburg und Sachsen als Schicksalswahl bezeichnet. Als ginge es nicht um Landtagswahlen, sondern im 30. Jahr nach dem Mauerfall um eine Art Referendum, in dem generell über den Erfolg oder Misserfolg der deutschen Einheit abgestimmt wird.

Wenn die AfD in beiden Ländern stärkste Kraft werden würde, so lautete die Argumentation, kann man das als Beweis dafür werten, dass der Ostdeutsche nicht reif für die Demokratie sei, dass die Einheit also quasi misslungen ist. Jetzt ist die AfD zwar nicht stärkste Kraft geworden, aber ihre Anziehungskraft ist ungebrochen.

AfD: Von der Mehrheit wird sie gewählt, weil man enttäuscht von den anderen Parteien ist

Doch sie ist nicht unbesiegbar, das ist auch eine Erkenntnis des Abends. Während die SPD in Sachsen abstürzt, ist der SPD in Brandenburg eine spektakuläre Aufholjagd gelungen. Klar, verglichen mit vor fünf Jahren hat die SPD mit Dietmar Woidke verloren, aber man muss sich vor Augen führen, dass die Partei noch vor vier Wochen in den Umfragen abgeschlagen auf dem dritten Platz lag, hinter AfD und CDU. Jetzt bekam sie die meisten Stimmen.

Viele der Stimmen kamen von Wählern, die sich in letzter Minute für die SPD entschieden haben. Woidke war viel im Land unterwegs, hat immer wieder vor den Gefahren der AfD gewarnt. Offenbar wollten viele doch verhindern, dass die AfD, die in Brandenburg noch radikaler ist als anderswo, stärkste Kraft wird. 

Das Ergebnis zeigt auch, dass die AfD dreißig Jahre nach dem Mauerfall die Linken als Protestpartei des Ostens abgelöst hat. Die Linke – die in Berlin, Bremen und Thüringen regiert – verliert massiv in beiden Ländern. Offenbar hat die Strategie, mit Sprüchen wie „Vollende die Wende“ Gefühle wie 1989 heraufzubeschwören, bei vielen Wählern verfangen.

So wie die PDS in den Neunzigern, ist die AfD heute die Dagegen-Partei: Von der Mehrheit wird sie nicht gewählt, weil man sich so stark mit ihren Werten identifiziert, sondern weil man enttäuscht von den anderen Parteien ist. Diese Wähler fühlen sich eher als Bürger zweiter Klasse. Besonders stark ist der Zuspruch in den Regionen des Ostens, in dem sich die Probleme des ländlichen Raumes ballen: Abwanderung, Überalterung, Männerüberschuss.

Landtagswahl Brandenburg: Dreierbündnis von SPD, Linke und Grüne ist die wahrscheinlichste Lösung

Wie geht man mit der AfD um, das ist die große Frage, die sich drängender denn je stellt. Michael Kretschmer und Dietmar Woidke haben auch am Wahlabend ihre Haltung bekräftigt, dass eine Koalition mit den Rechten ausgeschlossen sei. Ein Dreierbündnis in Brandenburg von SPD, Linke und Grüne ist die wahrscheinlichste Lösung.

In Sachsen sieht es schwieriger aus: Schwarz-Grün wäre wohl rechnerisch möglich, aber das Verhältnis der Parteien ist bisher nicht besonders gut. Gerade bei der Frage Braunkohleausstieg, Strukturwandel prallen die Auffassungen aufeinander. Und Michael Kretschmer hat die Lage auch nicht einfacher gemacht, indem er einmal die AfD mit den Grünen gleichsetzte. 

Denn was bedeutet es für die Stimmung in Sachsen, wenn die AfD, die fast jeder Dritte gewählt hat, von vorneherein aus allen Gesprächen und Entscheidungen ausgeschlossen wird? Wenn man einfach so tut, als könne man auf Dauer ohne sie regieren. Die Gefahr ist groß, dass es den Opferstatus der AfD verstärkt. Das kann niemand wollen. Denn das wird ihre Attraktivität bei den nächsten Wahlen für viele – nicht nur Ostdeutsche – nur noch weiter vergrößern.