POTSDAM - Gegen den 72-jährigen Wilfried Z. hat das Amtsgericht Potsdam einen Haftbefehl erlassen. Der Grund: Er hat am Dienstagmorgen mehrfach auf drei Mitarbeiter des Kreisveterinäramtes geschossen und dabei einen 61-Jährigen getötet. „Wir ermitteln wegen des Verdachts des Totschlags“, sagte Sarah Kress, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. „Einzelheiten der Tat werden aus ermittlungstaktischen Gründen nicht bekannt gegeben.“

Unklar ist, woher der Mann die Schrotflinte hatte. Er ist kein Jäger und besitzt auch keinen Waffenschein. Deshalb wird nun auch wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz gegen ihn ermittelt.

Wilfried Z. lebte auf seinem Bauernhof mitten in Klein Behnitz (Havelland) allein mit seinen 30 Rindern und zwei Hunden. Er galt als Einzelgänger, aber nicht unbedingt als totaler Außenseiter. „Wegen seines Alters war er seit Jahren mit der Haltung seiner Tiere schon etwas überfordert“, sagte ein Nachbar. „Aber er war recht stur und wollte nicht ohne die Tiere leben.“

Immer wieder waren Kühe von seinem Grundstück abgehauen, es gab Beschwerden beim Amt, weil er die Tiere nicht genügend versorgte.

Er bekam vom Amt im Jahr 2014 die Auflage, die Herde selbst zu verkleinern. Als er dies nicht tat, sollten am Dienstag die Rinder beschlagnahmt werden. Dafür standen zwei Laster bereit. Doch es kam es zum Streit. Als dieser eskalierte, schoss Wilfried Z. auf die Veterinäre. Dabei fielen mehrere Schüsse. Wie die Märkische Allgemeine Zeitung schreibt, forderten Nachbarn ihn auf, sich um einen Schwerverletzten zu kümmern, der sich am Boden wälzte und vor Schmerzen schrie. Doch der 72-Jährige soll nur mit den Schultern gezuckt und zu den Nachbarn gesagt haben: „Der ist tot.“

Kein vergleichbarer Fall

Seine Attacke richtete sich gegen die Mitarbeiter des Veterinäramtes. Offenbar, weil er sich vom Amt ungerecht behandelt fühlte. Der Getötete war verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Die beiden anderen Mitarbeiter wurden nicht verletzt, standen aber unter Schock.

„Von einem vergleichbaren Fall habe ich in Deutschland noch nicht gehört“, sagte Knut Große, Vorsitzender der Tierärzte im öffentlichen Dienst in Brandenburg. Angriffe auf Tierärzte habe es in Holland gegeben, auch in Spanien wurden bereits die Autoreifen von Amtsärzten zerstochen.

In Brandenburg gibt es 18 Veterinärämter. „Die Amtstierärzte machen regelmäßig Kontrollen bei Landwirten“, erklärte Große. Meist geht es darum, Vorsorge vor Tierseuchen zu treffen, Futterbestände oder die eingesetzten Arzneien zu überprüfen oder auch die Lebensmittel – zum Beispiel die Milch. „Dabei wird natürlich geschaut, ob der Tierschutz eingehalten wird und wie es den Tieren geht“, sagte er.

Werden Mängel erkannt, wird der Bauer belehrt und ihm eine Frist gesetzt, um die Mängel abzustellen. Als Druckmittel gibt es die Belehrung, die mündliche Verwarnung, die Verhängung von Bußgeldern oder eine amtliche Verfügung.

Eine solche wurde auch im Fall Wilfried Z. verhängt. Er sollte die Herde verkleinern. Landwirten wird dafür meist eine längere Frist gesetzt, damit sie die Tiere selbst verkaufen können. Machen sie es nicht, werden die Tiere beschlagnahmt und auf Kosten des Bauern irgendwo artgerecht untergebracht.

„Bei der Durchsetzung von Verfügungen gilt, dass die Tierärzte nicht auf Biegen und Brechen das Gesetz durchsetzen“, sagte Große. Meist seien die Landwirte auch einsichtig. „Bei Gefahr gilt: Sofort zurückziehen und Hilfe bei der Polizei holen.“ Es werde im Vorfeld einer solchen Aktion aber nicht extra geprüft, ob der Landwirt zum Beispiel Waffen besitzt.

Bundesweit gibt es fast 39 000 Tierärzte, knapp 6 000 sind verbeamtet oder arbeiten im öffentlichen Dienst. Diese Tierärzte sind nicht unbedingt die liebsten Gäste auf Bauernhöfen. Denn meist kommen sie mit Auflagen. Die Landwirte arbeiten heute in einer hoch industrialisierten Branche, die hart umkämpft ist und stark reguliert.

Hart umkämpfter Markt

Sie wollen und müssen Gewinne machen. Doch die Discounter verlangen billiges Fleisch. Tierschützer fordern hingegen, dass das Vieh besser gehalten wird. Und die Amtsveterinäre wiederum verlangen, dass die Bauern mehr Geld investieren, um sich besser gegen Tierseuchen zu schützen.

Bundesweit sorgte im vergangenen Jahr ein Fall aus Süddeutschland für Aufsehen: Eine Amtstierärztin hatte sich selbst getötet – wohl auch, weil sie den Druck in der Branche nicht mehr aushielt. In Nachrufen von Kollegen hieß es, sie habe für die Rechte der Tiere gekämpft, sei aber wegen ihrer „korrekten, unbestechlichen Art“ ganz gezielt „angefeindet, bedroht und verleumdet“ worden.