Berlin - Als Rieko Hotta noch in Tokio lebte, hatte sie kein Atelier. Sie arbeitete zu Hause in einem kleinen Zimmer. Etwas anderes konnte sie sich nicht leisten. Rieko Hotta ist Künstlerin, sie hat an der renommierten Nihon-Universität studiert und neben mehreren Gruppenausstellungen auch schon zwei Einzelausstellungen in Japan gehabt. Vor einem Jahr kam sie nach Berlin.

Rieko Hotta malt Ölbilder. Die Farbe trägt sie so dick auf, dass eine Struktur entsteht. Ihr neuestes Werk besteht aus zwei weißen Leinwandquadraten, die über und über mit schwarzen Punkten bedeckt sind. Es hängt in einer ehemaligen Margarinenfabrik in Lichtenberg. Seit Januar ist der vielleicht 20 Quadratmeter große Raum dort ihr Atelier.

Das einstige Fabrikgebäude, ein gelber Klinkerkomplex, der unter Denkmalschutz steht, liegt in der Herzbergstraße. Von 1909 an wurde dort Margarine hergestellt, zu DDR-Zeiten Rohre, nach der Wende dann bald nichts mehr, so wie in vielen anderen Fabriken in dieser Gegend auch.

Präsentationen und Gruppenwerkschau

Die Herzbergstraße macht einen auf den ersten Blick trostlosen Eindruck. Es gibt eine Autolackiererei dort, einen Recyclinghof, leerstehende Plattenbauten, vor denen Unkraut wächst. Aber es gibt auch das riesige vietnamesische Handelszentrum Dong Xuan Center in dem ehemaligen VEB Elektrokohle, das großen Zulauf hat. Und es gibt die Künstler.

Die Kunstfabrik HB 55, wie das Atelierhaus von Rieko Hotta heißt, ist nicht der einzige Ort für sie. 200 Meter weiter liegt das Gelände der ehemaligen Gießerei und Modellbau Berlin, auf dem Werkstätten und Ateliers für UdK-Studenten entstanden sind. Und in der nahen Siegfriedstraße hat der renommierteste Lichtenberger Künstler Christian Awe seine Werkstatt.

Die HB 55 wird erst seit ein paar Jahren genutzt. Im Jahr 2007 kauften ein Amerikaner und ein Franzose die heruntergekommenen Gebäude mit ihren 7000 Quadratmetern Fläche. Seitdem vermieten sie an Künstler zu günstigen Preisen. Es gibt 200 große und kleine Ateliers, und eine 250 Meter große Halle für Ausstellungen. Nicht ganz die Hälfte ist vermietet. Am Wochenende kann man diesen Kunstort entdecken. In der HB 55 wird am Sonnabend die Lange Nacht der Bilder eröffnet. In den Werkstätten gibt es Präsentationen und eine Gruppenwerkschau.

Für Rieko Hotta besteht Lichtenberg aus ihrem Atelier mit den weißen Wänden und den großen Fenstern, die nach Norden gehen und das ideale Licht für ihre Arbeit bieten. Sie wohnt in Friedrichshain.

Alte Sachen haben ein Gesicht

Sicher sind es die günstigen Mieten, die die Künstler hierher locken. Auch bei Rieko Hotta war es so. Aber sie kann darüber hinaus dem unfertigen Zustand der Gebäude etwas abgewinnen. In den Treppenhäusern kommen Kabel aus den Wänden, die Böden sind abgetreten, der Putz bröckelt, an manchen Stellen schaut das Mauerwerk hervor.

Rieko Hotta sagt, dass man einen solchen Ort in Tokio vergeblich suchen würde. „In Tokio ist alles neu.“ Sie kann noch nicht so gut Deutsch, aber sie kann gut vermitteln, was ihr das alte Fabrikgebäude gibt. „Bei alten Sachen gibt es immer viele Emotionen“, sagt sie. „Sie haben ein Gesicht.“ Nächsten Sommer wird sie für eine Ausstellung nach Tokio fahren. Sie wird dann noch ein paar Pinsel kaufen, denn mit den deutschen Pinseln arbeitet sie nicht gerne. Aber danach kommt sie zurück nach Lichtenberg.