Templin - Seit vier Jahren ist Silke Schmidt nun schon keine „Wochenend-Berlinerin“ mehr. Die Künstlerin und Illustratorin wohnt mit der Familie ganz auf dem Lande – Nordbrandenburg, Uckermark.

Ihr Mann hatte schon lange den Wunsch, raus aufs Land zu ziehen. Er war es dann auch, der gesucht und 2009 das Haus bei Templin gefunden hat. „Ein Ort, an dem einfach alles stimmte“, sagt Silke Schmidt. „Es braucht einen Bahnhof, es braucht einen See in Fußreichweite – und Internet“, erzählt die 43-Jährige, als sie das hübsche alte Haus zeigt, an dem noch immer viel gebaut wird. Der Bahnhof und der See waren schon da, nach einem Jahr kam auch das Internet.

„Es war nicht mein dringlicher Wunsch auf’s Land zu ziehen“, sagt sie. „Nie!“ Doch irgendwann war sie diejenige, die nicht mehr zurück nach Hause fahren wollte und das Packen herausgezögert hat.

Inzwischen angekommen

Inzwischen ist die Familie nicht nur umgezogen, sondern auch angekommen. Oder, wie Silke Schmidt es in einer ihrer Zeichnungen beschreibt: Ihr Lebensrhythmus hat sich dem ihrer Hühner angepasst.

Diesen spannungsvollen Stadt-Land-Wechsel hat sie auch zum Thema ihrer Zeichnungen gemacht. Mit ihrem Bilderzyklus „100 Dinge, die ich gelernt habe, seit ich auf dem Land lebe“ nimmt Silke Schmidt am Freitag an der Langen Nacht der Illustration teil, die überall in Berlin stattfindet.

Mehr als 120 Zeichnerinnen und Zeichner öffnen ab 17 Uhr ihre Ateliers oder zeigen in Galerien, was mit Stiften und Farbe möglich ist. Das Spektrum reicht von Comic und Bilderbuch über Siebdruck und Plakat bis zu Illustration und Infografik.

Traum und Wirklichkeit

Das Grundstück der Künstlerin ist riesig, es ist das letzte vor den Feldern. Hier scheint die Welt zu Ende und der Platz für Ideen unendlich. Lauter schöne Sitzecken hat sich Silke Schmidt in ihrem Garten eingerichtet. Draußen sitzen und zeichnen – das klang verlockend, als sie noch in Berlin wohnte. Doch die Wirklichkeit ist eine andere. Die meiste Zeit arbeitet sie drinnen an ihrem Schreibtisch. Ihr Arbeitszimmer hat sie genauso eingerichtet wie es in Berlin war.

Dass ein Haus und ein Hof viel Arbeit machen, fällt erst im Alltag auf. Manchmal wünscht sie sich dann zurück in eine helle Zwei-Zimmer-Altbauwohnung, ohne ein einziges Tier.

Vorstellung und Wirklichkeit – dieser Kontrast beschäftigt sie und wurde letztlich zum Thema ihrer 100-Dinge-Bilderreihe. Ihr Projekt startete sie unter dem hashtag #100daysoutofberlin auf Instagram.

Diese Plattform, auf der sich viele Kreative aus dem Bereich Illustration und Fotografie austauschen, hatte ihr eine Freundin empfohlen. 100 Bilder zu einem selbst gewählten Thema sollten entstehen. In federleichten Zeichnungen beschreibt Silke Schmidt seitdem ihren Alltag und beobachtet dessen Veränderungen nach ihrem Umzug von Berlin in die Uckermark.

Persönliche Momente sichtbar gemacht

Geboren und aufgewachsen ist Silke Schmidt im Westerwald. Nach dem Abitur ging sie zuerst nach Mainz, um Literaturwissenschaft, Deutsch und Englisch zu studieren. Nach einem Aufenthalt in Schottland wechselte sie die Studienrichtung und bewarb sich in Berlin an der UdK. „Kunst auf Lehramt, damit ich Englisch und Deutsch abschließen konnte“, sagt sie. Dazu kam ein Meisterschülerabschluss.

In dieser Zeit begann sie zu illustrieren. Für die Berliner Zeitung hat sie Berufe porträtiert, für ein Literaturmagazin Cover gestaltet, für die Zeitschrift Himbeer das Kinderrätsel gezeichnet. Daraus wurden zwei Schaffensbereiche: Es gibt ihre freien Arbeiten wie großformatige Holzschnitte und andererseits die Illustrationen, die meist Auftragsarbeiten sind.

Ihre Landleben-Serie ist etwas Besonderes, weil sie hier zum ersten Mal beides miteinander verbindet. Illustrationen, die zugleich freie Arbeiten sind, sind etwas Neues in ihrem Bildportfolio. Persönliche Momente werden sichtbar gemacht, laute und leise, lustige oder nachdenkliche. Auf einer Zeichnung steht: „An manchen Tagen treffe ich mehr Tiere als Menschen.“ Auf einer anderen, wie schön es ist, alle seine Freunde unter demselben Sternenhimmel zu wissen.

Nicht romantisieren

Auffällig an den Zeichnungen ist außerdem, dass sie das Leben auf dem Dorf nicht romantisieren. Wirkliches Landleben ist kein Sitzen zwischen perfekt gestutzten Rosenbüschen. „Ich schaffe es noch nicht einmal, welche zu pflanzen.“ Deshalb geht es in den Bildern von Silke Schmidt nicht um Perfektion. „Ich glaube nicht, dass die schöne Umgebung allein so einen großen Einfluss auf dein Leben hat. Es kommt darauf an, was man draus macht.“

Für die Lange Nacht der Illustration ist sie nun wieder mal in Berlin in ihrer alten Nachbarschaft. Ein Ausflug zu Freunden. Denn Zuhause ist inzwischen woanders.