Zum dritten Mal fand am Samstagabend in Berlin die Lange Nacht der Religionen statt. Lange Nächte sind üblicherweise wie ein Büfett, bei dem man hier und da probiert und nie richtig satt wird. Trotzdem sind sie beliebt. Religionen hingegen sind wie ein ausgiebiges Menü. Man muss sich drauf einlassen, sich Zeit nehmen, um es wirklich verstehen und genießen zu können. Nicht Brunch-geeignet. Religionen haben gerade aber ein Imageproblem. Von Radikalen als Rechtfertigung für ihre Gewaltexzesse missbraucht, beteuern sie immer wieder, dass sie doch eigentlich total friedlich sind. Das zu beweisen ist aber schwierig. Man muss sich kennenlernen, wenn auch nur oberflächlich. Deshalb also die Brunch-Lösung. Ob es hilft? Ein Besuch bei Muslimen, Juden und Christen.

20.15 Uhr. Die Ahmadiyya Lahore Moschee in der menschenleeren Brienner Straße in Wilmersdorf ist die älteste Moschee Deutschlands. Sie stammt aus den 1920er Jahren. Es ist ein schönes weißes Gebäude mit Minaretten. Für den Abend ist es in grünes Licht getaucht. Die Mitglieder der Gemeinde haben es sich zum Ziel gesetzt, den Islam in seiner ursprünglichen, wahren Form zu praktizieren. So zumindest steht es im Programmheft. Ahmed Saadat ist ein gut aussehender Mann mit breitem Zahnpastalächeln. Der Pakistani ist seit drei Jahren der Vorsitzende der Moschee. „Von den meisten anderen Muslimen werden wir als Ungläubige wahrgenommen“, sagt er. „Das sind wir aber nicht.“

Es sind wenige Menschen da, fast alle sind Männer. Die meisten scheinen mit der Gemeinde in Verbindung zu stehen. Kaum ein paar Minuten da, steckt man schon in tief theologischen Gesprächen. Für einen Laien sind die einzelnen Details nur schwer greifbar. Es geht um die Nichtanerkennung von Propheten, um die Wiederkehr Jesu Christi und, in einem anderen Gespräch, um bestimmte Details aus der Biografie Mohammeds. Die Atmosphäre in freundlich, aber nicht entspannt. Man will nicht falsch dargestellt werden. Vor allem nicht in der Presse.

Taschenkontrolle vor der Synagoge

Probleme mit anderen Glaubensrichtungen des Islam habe man nicht. „Alle sind hier willkommen“, sagt Saadat. Was man aber ablehnt sind Menschen, die im Namen der Religion Kriege führen. „Im Islam“, sagt ein älterer Herr, der seit 30 Jahren die Gemeinde besucht, „darf man sich nur verteidigen. Wer angreift, verstößt gegen die Gesetze des Glaubens.“

21.10 Uhr. Passauer Straße, direkt am KaDeWe. Es ist dunkel. Vor einem Laden für israelische Spezialitäten steht eine Polizeistreife. Zwei Männer in weißen Hemden stehen vor einem Hauseingang. „Können wir helfen?“, fragen sie auf Englisch. Zur Synagoge? Kein Problem. Erstmal Taschenkontrolle. „Habt ihr scharfe Gegenstände dabei?“ Wer wirklich der Meinung ist, dass das Verhältnis zum Judentum in Deutschland völlig problemlos ist, dem sollte spätestens hier auffallen, dass man vor Kirchen und Moscheen meistens keine Polizei und Kontrollen hat. Was allerdings nicht heißt, dass kein Interesse am Judentum besteht. Der Gebetsraum ist voller Menschen. Gemeinde-Rabbiner Reuven Jaacobov beantwortet Fragen der Besucher und erzählt kleine Geschichten. Er ist charmant, bringt die Leute zum Lachen.

„Ihr kennt das. Wenn ein Freund sagt: Kommst du zur Party nach Potsdam? Dann antwortet der andere: Ja, klar. Potsdam. Das ist gleich um die Ecke. Wenn der erste Freund aber sagt: Kommst du mit nach Potsdam, um einen Kranken Menschen zu besuchen? Dann sagt der andere: Was? Potsdam? Wo soll das sein? Viel zu weit weg.“

Gratisessen macht glücklich

Als er fertig ist, lädt er zum Essen. Gratisessen macht Menschen glücklich. In einem Nebenraum sind lange Tische und ein kleines Büfett mit Salaten, Brot und Wurst aufgebaut. Auf den Tischen stehen Softdrinks und Obstschalen. Es gibt Wein. Ein bisschen eingeschüchtert stehen manche Leute davor. „Braucht ihr etwa eine persönliche Einladung oder was?“, sagt Jaacobov mit amüsierter Strenge. Der Rabbiner läuft herum und schenkt ukrainischen Wodka in kleine Plastikgläser ein. „Ihr Wodka ist besser als ihre Waffen“, sagt er und lacht. Lachaim.

22.10 Uhr. Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche. Auch hier gibt es zwei Sicherheitsmänner, die einen aber ohne weiteres hereinwinken. Es dröhnt lauter Applaus aus der Kirche. Ein goldener Jesus schwebt über dem Altar, vor dem sich gerade ein Frauen-Gospelchor aufgestellt hat. Der Raum ist etwa zu einem Viertel voll. Schon beim ersten Lied stehen die Menschen auf. Sie singen, sie klatschen, sie schunkeln im Takt. Die meisten kennen die Songtexte. Es scheint mehr ein Treffen unter Gleichgesinnten zu sein als ein Besuch von Neugierigen. Es sind überraschend viele junge Leute da. Manche schließen die Augen, während sie sich im Takt der Musik bewegen.

Der Chor covert den Song „September“ von Band Earth, Wind and Fire. Der Pianist animiert das Publikum. „Ihr kennt das bestimmt alle. Singt beim Refrain mit.“ Als er am Ende des Songs angekommen ist und der Chor schon längst aufgehört hat zu singen, klimpert das Klavier weiter. „Ich kann nicht aufhören“, ruft er heraus. Das Publikum teilt die Ekstase. Es gibt Standing Ovations. Und Wooo-Hooo-Rufe. Hier wird man wenig über den Glauben erfahren. Es ist mehr eine Party für Insider. Satt wird man davon nicht.