Berlin - Meditationen, Andachten, Festessen: Die erste Lange Nacht der Religionen hat am Sonnabend rund 2000 Besucher angezogen. 65 Religionsgemeinschaften in der gesamten Stadt öffneten ihre Gotteshäuser, um für mehr Toleranz zu werben. Es waren viel zu viele, um alle an einem Abend besuchen zu können.

Im Gurdwara Sri Guru Singh Sabha Tempel in Reinickendorf begrüßt Harbhajan Singh freundlich lächelnd seine Besucher. Er ist im Vorstand der Gemeinde und war bis vor kurzem Manager bei Mercedes Benz. Er bittet die Gäste die Schuhe auszuziehen und den Kopf zu bedecken, so schreibt es die Religion den Tempelbesuch vor.

Dann bittet er in den Speiseraum. Rund dreißig Menschen sitzen hier nebeneinander auf dem Boden mit dem Rücken zur Wand, vor ihnen stehen silberne Tabletts mit Reis und Linsen, Salat und Joghurtsoße. Es ist ein friedliches Bild. Das gemeinsame Essen ist Bestandteil der Andacht, die aus Rücksicht auf deutsche Arbeitnehmer normalerweise sonntags stattfindet. Sie könnte aber auch an jedem anderen Tag sein, Sikhs kennen keine Feiertage, alle Tage sind bei ihnen gleichwertig.

Ulrich Weber ist Religionslehrer am evangelischen Lily-Braun-Gymnasium in Spandau. Weil in der Oberstufe Religion nicht mehr zu den Pflichtfächern zählt, besucht er mit seinen Schülern immer wieder außerschulische Veranstaltungen. Lea, Jacqueline und Jana, alle 16 Jahre alt, nehmen öfter an diesen Exkursionen teil, „weil uns Religion Spaß macht. Und die Sikhs kannten wir gar nicht.“ Nun erfahren die Schülerinnen, dass der Sikhismus einst in der Region Punjab in Nordindien entstand und es heute weltweit 25 Millionen Sikhs gibt.

Eine junge Frau in einem weißen Gewand und mit einem weißen Turban erklärt, warum sie von der Katholikin zum Sikh wurde. „Das ist schon krass“, sagt Lea, „die Art des Glaubens ist ja überhaupt nicht europäisch. Allein schon die 5 K’s, das sind Dinge, die jeder befolgen muss: die Haare nicht schneiden, ein zweiteiliges Gewand tragen und einen Armreif mit Stacheln, einen Holzkamm mit sich führen und einen Dolch. Sowas muss eine Katholikin ja erstmal annehmen lernen.“

In der „Religiösen Gesellschaft der Freunde“ in der Planckstraße in Mitte, gegenüber der Rückseite des Metropol-Theaters, erklärt Mauro Minsinger, was Quäker sind. „Wir sind eine Laienbewegung und haben keine Priester“, sagt er im Andachtsraum, Stühle stehen in einem großen Kreis. „Wir beten hier zusammen eine Stunde lang schweigend und warten auf ein inneres Licht, auf Gott. Das kann für jeden etwas anderes sein.“

Was der Verwaltungsrichter Minsinger erklärt, meint er keineswegs sphärisch, sondern sehr praktisch. Quäker verpflichten sich zum einfachen Leben, lehnen Gewalt ab und verstehen sich als Konfliktvermittler. So haben sie auch Büros bei den UN-Sitzen in Genf und New York. 1947 wurden sie mit dem Friedensnobelpreis für ihre Verdienste um das vom Krieg zerstörte Europa ausgezeichnet. Minsingers Erzählung hat gerade erst begonnen, man möchte jetzt so viel erfahren, aber es ist weit nach elf, die Lange Nacht der Religionen ist vorbei.