Passanten am Eingang der Staatsoper. Sämtliche Aufführungen sind bis zum 19. April gestrichen.
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BerlinDie Forderung nach klarer Kante und eindeutigen Regeln zur Bewältigung der Corona-Krise gehört in diesen Tagen zum Standard der politischen Rhetorik. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder etwa verlangt anlässlich der Konferenz der Länderchefs an diesem Donnerstag ein Krisenmanagement, das in allen Bundesländern einheitlich angewendet werden müsse, und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zeigt sich verwundert „über das, was hier in Berlin mit diesem Fußballspiel passiert“. 

Die beharrlichen Bemühungen von Union Berlin, das Topspiel des Bundesliga-Wochenendes gegen den FC Bayern vor Publikum stattfinden zu lassen, wurden über die Belange des Sports hinaus als kultureller Präzedenzfall debattiert. Bei dem Versuch, der Bevölkerung Orientierung zu geben, tun sich aber gerade auch die politischen Entscheider schwer. 

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Wie angemessen kann die Absage von öffentlichen Veranstaltungen mit mehr als  1000 Besuchern sein, wenn Veranstalter mit kleineren Sälen den Versuch unternehmen, den Betrieb aufrechtzuerhalten? Besonnenheit und Augenmaß sind das Gebot der Stunde, aber angesichts der Gefahren einer sich rasant entwickelnden Epidemie, zu der auch die Experten laufend neue Erkenntnisse gewinnen, drohen gerade diese Anforderungen zur leeren Phrase zu verkommen.

Wer jetzt den Eindruck erweckt, genau zu wissen, was zu tun ist, dem ist zu misstrauen

Dem dringenden Bedürfnis nach Eindeutigkeit steht eine alle Lebensbereiche erfassende Verunsicherung und Beliebigkeit gegenüber, die es im zivilen Leben in dieser Form noch selten gegeben hat. Wer jetzt den Eindruck erweckt, genau zu wissen, was zu tun ist, dem ist zu misstrauen. Einheitliche Regeln mögen den Eindruck vermitteln, die Situation unter Kontrolle zu haben. Aber gerade angesichts der bevorstehenden Herausforderungen kann die föderale Vielfalt der Länder auch von Vorteil sein.

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Ein Stadtstaat mit hoher Bevölkerungsdichte wie Berlin bedarf anderer Vorkehrungen als weniger besiedelte Flächenstaaten wie Mecklenburg-Vorpommern oder das kleine Saarland. Das Gespenstische an der gegenwärtigen Situation besteht ja gerade darin, dass sich der soziale Ausnahmezustand beim Hinaustreten vor die Tür nicht wie ein solcher anfühlt. Noch gibt es ein normales Leben, und es gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Politik und Verwaltung, dies weiter zu gewährleisten, so gut es geht.

Bei aller Politikverachtung, die sich in den letzten Monaten angesichts eines dramatisch sich verändernden Parteiensystems breitgemacht hat, darf man erleichtert darüber sein, dass es in dieser Situation eine handlungsfähige Regierungskoalition gibt, in der der Gesundheitsminister die schwierige Balance zwischen ordnungspolitischer Entschlossenheit und der Achtung des freien Willens der Bürger zu halten versucht. In der sich immer deutlicher konturierenden Krise geht es nicht um abgesagte Theateraufführungen und Fußballspiele ohne Publikum, sondern um die Fortführung eines öffentlichen Lebens, das zur Eindämmung der Infektionsdynamik verlangsamt werden sollte, aber doch nicht eingestellt werden kann.

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Die Folge der Aussetzung aller sozialen Aktivitäten könnte alsbald der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Quarantäne mag ein vorübergehender Schutz sein, auf dramatische Weise aber tritt durch die Corona-Krise das Geflecht sozialer Abhängigkeiten zutage, dem sich nicht einmal gut ausgerüstete Prepper zu entziehen vermögen. Das Virus führt die Anfälligkeit sozialer Beziehungen vor Augen, macht letztlich aber auch deutlich, wie sehr wir auf menschliche Tugenden wie Vertrauen und das Vermögen zur Solidarität angewiesen sind.

Mit klaren Ansagen allein wird der Infektionsgefahr nicht beizukommen sein. Im Gestrüpp sich täglich verändernder Gefahrenlagen kommt es nicht zuletzt auf die Fähigkeit an, mit Ungewissheit und Kontingenz umzugehen. Es ist die Bewährungsstunde von Politikern, im Zusammenspiel mit Wissenschaftlern das Richtige zu tun und Falsches zu unterlassen. Und es braucht Bürger, die ihre Schlüsse daraus nicht nur für sich, sondern auch im Bewusstsein einer Verantwortung für alle anderen ziehen.